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Blick ins Homeoffice

Gestaltende über Lösungen für das Arbeiten zu Hause – Teil 1

Der Wandel der vergangenen Jahre hat die Arbeitswelt verändert und war ein Katalysator für hybride Konzepte. Im Homeoffice erledigen viele Menschen ihre wichtigsten Aufgaben und das Büro wird häufig nur noch zum Austausch oder für kreative Workshops genutzt. Wir wollten von Innenarchitekt*innen und Interiordesigner*innen wissen, wie diese Entwicklung private Wohnräume verändert – und wie sich das in ihren Gestaltungsprozessen niederschlägt. Teil 1: Tenka aus Bilbao sowie Coordination, Ester Bruzkus Architekten und Christopher Sitzler aus Berlin im baunetz interior|design-Interview.

von Annette Schimanski, 13.11.2023

TENKA, BILBAO: „FLURE UND GÄNGE HABEN SICH ZU IDEALEN ORTEN FÜR DAS HOMEOFFICE ENTWICKELT.“

Durch die Pandemie hat sich der Bedarf an funktionellen Arbeitsplätzen im eigenen Zuhause erhöht. Merkt Ihr das bei Eurer Arbeit an Wohnprojekten und in Gesprächen mit Kund*innen?
Die Pandemie hat die Arbeit von zu Hause aus normalisiert und für unsere Auftraggeber ist sie eine Option, auf die sie nicht verzichten wollen. Diese Art von Arbeit ist für sie oft keine Verpflichtung, sondern eher eine Möglichkeit, flexibel in der Zeitplanung zu sein. Für manche ist es sogar ein positiver Faktor für das Familienleben. Häufig werden wir daher zumindest nach einem Platz für einen Computer gefragt, auch wenn der im Moment nicht gebraucht wird, denn die Kund*innen wollen sich künftigen Arbeitsformen nicht verschließen.

Welche Anforderungen sind den Auftraggeber*innen am wichtigsten bei einer Homeoffice-Lösung?
Meist soll es nicht mal ein eigener Raum sein, der nur für diesen Zweck genutzt wird – und auch eine akustische Isolierung ist kein Muss. Was Auftraggeber*innen häufig wollen, ist eine kleine Ecke, in der sie ein kleines Regal aufstellen können. Sie wollen keinen reinen Arbeitsraum, sondern das Regal soll die nötige Flexibilität bieten. Bei Bedarf nutzen sie es zum Arbeiten, aber auch für weitere Zwecke.

Was bedeutet das für andere Bereiche in einer Wohnung? Hat sich die Gesamtgestaltungdadurch verändert?
Durchgangsbereiche wie Flure und Gänge haben sich zu idealen Orten für das Homeoffice entwickelt. Das sind häufig Bereiche, die kaum genutzt werden und eine ruhige, ungestörte Umgebung bieten. Um sie in angemessene Räume zu verwandeln, sind durchaus großzügige Maße notwendig. Es ist auch wichtig, individuelle Lösungen zu finden, die den vorhandenen Raum gut nutzen.

COORDINATION, BERLIN: „DAS ZUHAUSE WIRD DURCH VIDEOCALLS TEILWEISE ZUM ÖFFENTLICHEN RAUM“

Durch die Pandemie hat sich der Bedarf an funktionellen Arbeitsplätzen im eigenen Zuhause erhöht. Merkt Ihr das bei Eurer Arbeit an Wohnprojekten und in Gesprächen mit Kund*innen?
Natürlich sind solche Diskussionen inzwischen von Anfang an Teil der Entwicklung eines Projekts. Wenn es sich nicht gerade um eine große Villa oder herrschaftliche Wohnung handelt, muss man natürlich mit dem Raum haushalten. Wenn ich kein abgetrenntes Büro zu Hause habe: Wo lässt es sich gut und ergonomisch arbeiten? Wie ist das Licht und wie sieht mein Hintergrund beim Videocall aus? Wo kann ich Ruhe haben, ohne dass es zu gegenseitiger Störung oder Einschränkung kommt? Sitze ich viel am Rechner, dann muss ich einen Platz finden, an dem ich auch durch Weitblick meine Augen entspannen kann.

Wie muss das Mobiliar im Homeoffice beschaffen sein?
Die Ansprüche an Möbel werden hybrider. Zum Beispiel kann ein Esstisch auch ein Arbeitstisch und ein Besprechungstisch sein. Das Möbelstück muss gleichzeitig schön und gemütlich beim Dinner mit Freunden sein, aber diskrete Steckdosen und Storage in der Nähe haben. Zudem sind bequeme Stühle, die auch für eine lange Besprechung geeignet sind, von Vorteil. Die Frühstücksbar kann auch als Steharbeitsplatz für schnelle Meetings dienen. Und eine bequeme Sitzecke in der Wohnung eignet sich für informelle Meetings beziehungsweise als Break-out-Space mit ungezwungener Atmosphäre.

Welche Anforderungen sind den Auftraggeber*innen am wichtigsten bei einer Homeoffice-Lösung?
Strukturell geht es oft um die diskrete Integration von Steckdosen, Druckern oder Ordnern und um das schnelle Wegräumen von Unterlagen, Screens oder der Verkabelung. Aber es geht auch um die atmosphärische Kompatibilität der Pole Arbeit versus Socializing und Freizeit, die sich leicht trennen lassen sollten. Und auch um das Unterbringen unterschiedlicher Arbeitsatmosphären während der Arbeit.

Hat sich die Gesamtgestaltung dadurch verändert?
Klar, es wird spannender, wenn viele Eventualitäten bedacht werden müssen. Wie arbeiten wir in fünf oder zehn Jahren? Außerdem wird das Zuhause durch Videocalls teilweise auch zum öffentlichen Raum, der wiederum eigenen Anforderungen unterliegen kann.

Was bedeutet das für andere Bereiche in einer Wohnung?
Spannend wird es, wenn das Homeoffice auch mit einer Art Public Office verschmilzt: Wenn berufliche Besuche in der Wohnung stattfinden sollen. Dadurch ergibt sich ein erhöhter Bedarf an privatem Raum versus „öffentlichem“ Bereich. So sollte das Gästebad nicht über den privaten Bereich erreichbar sein. Und auch eine Garderobe muss eventuell anders strukturiert werden. Gut ist es, wenn das Zuhause auch ebendas bleiben kann: Die Bewohner oder die Familie sollen sich nicht unterordnen müssen, sondern selbstverständlich und frei bewegen können.

ESTER BRUZKUS ARCHITEKTEN, BERLIN: „GEMÜTLICHE ECKEN IM HAUS WERDEN ZU EINEM BELIEBTEN ARBEITSPLATZ“

Durch die Pandemie hat sich der Bedarf an funktionellen Arbeitsplätzen im eigenen Zuhause erhöht. Merkt Ihr das bei Eurer Arbeit an Wohnprojekten und in Gesprächen mit Kund*innen?
Der Ansatz für die Gestaltung eines „Heimbüros“ hängt wirklich von der Gesamtgröße des Projekts ab. Kann es überhaupt einen Raum geben, der ausschließlich für ein Büro vorgesehen ist? So gesehen hat sich mit der Pandemie nicht viel geändert, da das Arbeitszimmer akustisch und funktional vom Rest des Hauses abgetrennt ist. Wesentlich häufiger ist das „Heimbüro“ ein Teil eines Raums, der anders genutzt wird, wenn nicht gearbeitet wird. Wir sehen oft, dass zum Beispiel eine eher gemütliche Ecke im Haus zu einem beliebten Arbeitsplatz wird, an dem man entspannt arbeiten kann – vielleicht sogar in der Pyjamahose. Die Funktionalität der Arbeitsgeräte muss untergebracht werden. Das bedeutet: viele Steckdosen, um Laptop, Handy und andere Geräte mit Akku aufzuladen.

Welche Anforderungen sind den Auftraggeber*innen am wichtigsten bei einer Homeoffice-Lösung?
Robert Luchetti schrieb in den Achtzigerjahren, dass „dein Büro dort ist, wo du bist“. Und zwar vor allem deshalb, weil die Akkutechnologie die Angestellten davon befreite, an ihren Tischen an Telefonkabel gebunden zu sein. Heutzutage zeigt sich, dass wir auf Ladegeräte angewiesen sind: Man muss sich nur die Menschen ansehen, die am Flughafen „arbeiten“ und sich um eine Steckdose drängen. In diesem Zusammenhang finden wir, dass Steckdosen im Homeoffice versteckt sein sollten. Es könnte eine Couch sein, hinter der sich eine Menge elektrischer Geräte verbergen. Denn wenn man nicht arbeitet, sollte der Raum nicht wie ein ungenutztes Büro aussehen oder wirken.

Was bedeutet das für andere Bereiche in einer Wohnung? Hat sich die Gesamtgestaltung  dadurch verändert?
Das bedeutet, dass viele Ladestationen in vielen Räumen des Hauses vorhanden sind, sodass die Menschen selbst entscheiden können, wo sie arbeiten wollen. Vielleicht arbeiten sie lieber im Bett, am Esstisch oder auf der Couch im Wohnzimmer. Die Steckdosen und Ladegeräte werden genau dort benötigt. Es gilt außerdem, akustische Probleme zu lösen, wenn zwei Personen gleichzeitig von zu Hause aus arbeiten müssen oder ein Kind oder ein Haustier haben. Man muss also in der Lage sein, sich für Videogespräche akustisch abzuschotten.

Wie wirken sich die Veränderungen im Homeoffice auf das herkömmliche Büro aus?
Aber abgesehen davon, wie die Pandemie die Gestaltung der Wohnung verändert hat, ist eine noch interessantere Frage, wie sich die Gestaltung eines gemeinsamen Büros verändert hat. Man darf sich wirklich fragen: Brauchen wir solche Räume überhaupt noch? Kann nicht jeder alles, was er zu tun hat, von zu Hause aus erledigen? Wir haben aber festgestellt, dass es für einige Arten von Arbeitnehmern nach wie vor notwendig ist, sich einen physischen Ort zu teilen – zumindest temporär. Aber wir sehen auch, dass die Arbeitnehmer die Vorteile eines Homeoffice im gemeinsamen Büro erleben möchten. Dazu gehören die Bequemlichkeit und Entspannung sowie die Lichtverhältnisse. Und wohnliche Möbel. Die Menschen möchten sich nicht wie in einem „altmodischen Büro“ fühlen. Angestellte erwarten soziale Interaktionen, das Gefühl, Teil eines Teams zu sein, schönere und größere Möbel als zu Hause, ein Ambiente wie in einer Hotellobby oder einer angesagten Bar. Die Sharing Economy ist ein weiterer Trend.

CHRISTOPHER SITZLER, BERLIN: „DIE WOHNUNG SOLLTE SICH NICHT ZU EINEM BÜRO MIT BETT ENTWICKELN“

Durch die Pandemie hat sich der Bedarf an funktionellen Arbeitsplätzen im eigenen Zuhause erhöht. Merkt Ihr das bei Eurer Arbeit an Wohnprojekten und in Gesprächen mit Kund*innen?
Tatsächlich haben sich der Wunsch und der Bedarf nach Arbeitsplätzen im eigenen Zuhause verändert. Natürlich gibt es Bauherren, die nach der Pandemie dem Arbeiten in ihrem Zuhause keinen Platz mehr einräumen möchten und Arbeit und Freizeit klar trennen. Aber es gibt auch eine Vielzahl an Bauherren, die langfristig einige Tage in der Woche aus dem eigenen Zuhause arbeiten. Gerade in Großstädten, wo Wohnraum oft knapp ist, bringt das Schwierigkeiten bei der Planung des Grundrisses mit sich. Vor allem wenn man nicht alleine wohnt, der Partner zusätzlich von zu Hause arbeitet und Kinder ebenfalls ihren Freiraum benötigen.

Welche Anforderungen sind den Auftraggeber*innen am wichtigsten bei einer Homeoffice-Lösung?
Die Anforderungen an Homeoffice-Lösungen nehme ich sehr unterschiedlich wahr. Einerseits ist der Wunsch nach einem ruhigen Ort, an dem man ungestört ein Meeting wahrnehmen kann, sehr groß. Andererseits möchte keiner den ganzen Tag in einer kleinen „Schuhschachtel” sitzen. Flexible Lösungen, bei denen der Arbeitsplatz räumlich Teil der Wohnung bleibt, aber trotzdem abtrennbar ist, wenn Ruhe benötigt wird, sind meiner Meinung nach die interessantesten Lösungen.

Was bedeutet das für andere Bereiche in einer Wohnung? Hat sich die Gesamtgestaltung dadurch verändert?
Das Arbeiten am Küchentisch ist auf Dauer keine Lösung. Homeoffice-Lösungen müssen langfristig gedacht werden. Zum einen verkommt dann der Esstisch zum Arbeitstisch, zum anderen kommt es schnell zu Interessenskonflikten, wenn ein Partner zum Beispiel essen möchte. Primär sollte die Wohnung immer noch ein Wohlfühlort sein und sich nicht zu einem Büro mit Bett entwickeln. Für mich ist es wichtig, diese Emotion im Gestaltungsprozess umzusetzen. Es geht letztlich darum, eine auf den Bauherren abgestimmte Wohnung mit geeigneten Arbeitsmöglichkeiten zu entwerfen – und nicht andersherum.


Im zweiten Teil unserer Homeoffice-Reihe sprechen Raúl Sánchez und AMOO aus Barcelona, Stephanie Thatenhorst und Holzrausch aus München sowie Sigurd Larsen aus Berlin über Veränderungen und Konzeptideen für neue Homeoffice-Lösungen.

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Links

Tenka

tenka.eus

Ester Bruzkus Architekten

www.esterbruzkus.com

Christopher Sitzler

sitzler.info

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