Stories

Das Leitfossil

Auserzählt: Warum der klassische Büro-Arbeitsstuhl nur noch eine Sitzgelegenheit unter vielen ist.

von Jasmin Jouhar, 24.10.2014

Es gab einmal ein Leitmöbel auf der Orgatec: den klassischen Büro-Arbeitsstuhl. Alle großen Hersteller entwickelten laufend neue Modelle und versuchten, sich mit noch ausgefuchsteren Mechaniken zu überbieten. Aktuelle Trends ließen sich zuverlässig an den Stuhl-Neuheiten ablesen. In diesem Jahr war nicht alles anders, denn natürlich haben die Unternehmen immer noch Arbeitsstühle aller Preisklassen in ihren Portfolios. Aber im Mittelpunkt der Messestände standen Loungesessel, gepolsterte Bänke, Barhocker, Poufs, Ohrensessel, Sofas, Schalenstühle – sogar Schaukeln. Eben alles, worauf wir uns heutzutage zur Arbeit niederlassen sollen.

Dieser Artikel wurde mit dem Notebook auf dem Schoß auf dem Sofa geschrieben. Das Mobiltelefon lag auf dem Polster daneben. Und solch eine mobile Art zu arbeiten wird zurzeit von allen wichtigen Ausstellern der Büromöbelmesse als Leitbild propagiert. Dabei hat es ihnen vor allem die besonders flexible Arbeitskultur der Start-Ups angetan. Dahinter steckt neben Marketingargumenten auch das Interesse ihrer großen Kunden, zumindest einen Teil der Mitarbeiter immer schön in Bewegung zu halten und im Firmensitz feste Arbeitsplätze und damit Fläche einzusparen. Ein Bürostuhl wird nicht mehr gebraucht, der Schreibtisch wird gleich mit suspendiert. Der Abstieg des sogenannten Listen-Stuhls, also des Arbeitsstuhls, der die lange Liste aller Normen erfüllt und damit konkurrenzfähig bei großen Ausschreibungen ist, darf mit der Orgatec 2014 als besiegelt gelten.

Ein bisschen Spaß
Ein weiterer Grund für den Abstieg des einstigen Leitmöbels: Mit Arbeitsstühlen sind nun wirklich alle Unternehmen ausgestattet. Wenn nicht Erweiterungen oder gar ein Neubau anstehen, gibt es da wenig zu verdienen. Gute Bürostühle halten lange und müssen allenfalls alle paar Jahre gewartet, mal ein Bezug oder die Rollen erneuert werden. Aber die bequemen Opa-Sessel, die immer noch populären Sofas mit überhohen Lehnen, die poppig-bunt bezogenen Sitzinseln – die hat noch nicht jede Provinzbank in der Zwischenzone. Alle wollen was abhaben vom Google-Spaßbüro-Feeling. Jeder will sich mal fläzen dürfen, sich einkuscheln, wippen, schaukeln oder lässig am Stehtisch an den Barhocker gelehnt ein Telefonat führen und dabei Mails checken, kurz: Den Zug ins Büro der Zukunft möchte niemand verpassen.

Das Ende der Geschichte
Der dritte Grund: Die Typologie des Listen-Stuhls ist womöglich auserzählt. Es gibt nichts mehr Neues daran zu erfinden oder zu gestalten – und also auf einer Messe, deren Leitwährung das noch nie (oder länger nicht mehr) Dagewesene ist, auch nichts zu präsentieren. Und tatsächlich, bei Bürostühlen haben wir alles schon gesehen: die immer noch gültigen Entwürfe aus den Fünfzigern und Sechzigern mit ihrer Eleganz und Selbstgewissheit – heute unwiederholbar, weil absolut listenuntauglich –, den Einzug der Kunststoffe und der ergonomischen Formen in den Siebzigern, gewisse formale Extravaganzen in den Achtzigern. Seit den Neunzigern dann immer größere Transparenz, aber auch die Dominanz einer technisch-ingenieurhaften Ästhetik. Jede Büroepoche hat ihr Leitfossil.

Camouflage Techno
Und heute? Der interessanteste Beitrag zum Thema auf der diesjährigen Orgatec war Kinesit vom italienischen Hersteller Arper. Sehr zeitgemäß farbenfroh mit schlanker Silhouette und weißen Kunststoffteilen, aber vor allem: Man sieht dem Stuhl gar nicht an, dass er alle Häkchen auf der Checkliste bekommt. Denn die Designer Lievore Altherr Molina haben die notwendigen Mechaniken unterm Sitz und in der Schale versteckt. Arbeiten soll nicht mehr nach Arbeit aussehen, und der Arbeitsstuhl nach allem, bloß nicht nach Büro.

Von B wie Bank bis W wie Wirtshausstuhl: Eine Bildergalerie voller Sitzgelegenheiten von der Orgatec 2014 finden Sie über diesem Text.

Mehr Beiträge aus unserem Special Büro 3000 lesen Sie hier.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Special: Büro 3000

Alles rund um das Büro von heute und das Arbeiten von morgen. Plus: Trends und Neuheiten von der Orgatec 2014.

www.designlines.de

Mehr Stories

Klappen, falten, transformieren

Workspace in Progress: Ausstellung im MAKK

Workspace in Progress: Ausstellung im MAKK

Zeitloser Funktionalismus

Mid-Century in der zeitgenössischen Innenarchitektur

Mid-Century in der zeitgenössischen Innenarchitektur

Supersalone 2021

Die Highlights aus Mailand

Die Highlights aus Mailand

Maßstab Mensch

Rückblick auf unsere Veranstaltung zu Themen der Innenarchitektur

Rückblick auf unsere Veranstaltung zu Themen der Innenarchitektur

Loungige Landschaften

pads und pads sofa von jehs+laub für Brunner

pads und pads sofa von jehs+laub für Brunner

Gib Stoff!

Diese Textilien können mehr als nur gut aussehen

Diese Textilien können mehr als nur gut aussehen

Arbeiten überall

Wie das Büro neu erfunden wird

Wie das Büro neu erfunden wird

Renaissance der Schalter

Zukunftsgerichtete Gebäudetechnik jenseits des Smart Home

Zukunftsgerichtete Gebäudetechnik jenseits des Smart Home

Best-of Salone del Mobile

Eine stille Retrospektive auf die Mailänder Möbelmesse

Eine stille Retrospektive auf die Mailänder Möbelmesse

Material der Wahl

Vier Designstudios und ihre aktuellen Werkstofffavoriten

Vier Designstudios und ihre aktuellen Werkstofffavoriten

Metallische Metamorphosen

Interiors mit Aluminium, Stahl & Co

Interiors mit Aluminium, Stahl & Co

Hygiene trifft Design

Mehr Sicherheit im Büro mit USM Haller

Mehr Sicherheit im Büro mit USM Haller

Fliese, Fliese an der Wand

Fünf Designstudios stellen ihre Lieblingsfliese vor

Fünf Designstudios stellen ihre Lieblingsfliese vor

Bewegung als Moment

Zu Besuch bei dem Berliner Leuchtenlabel Analog

Zu Besuch bei dem Berliner Leuchtenlabel Analog

How will we work?

Entwurf einer Designkarriere im Jahr 2040

Entwurf einer Designkarriere im Jahr 2040

Der ganzheitliche Arbeitsplatz

Wilkhahns Planungsansatz für das Büro von morgen

Wilkhahns Planungsansatz für das Büro von morgen

Neustart in Mailand

Streifzug durch die Milano Design City 2020

Streifzug durch die Milano Design City 2020

German Design Graduates 2020

Award geht in die zweite Runde

Award geht in die zweite Runde

Post-Corona-Office

Drei Office-Guides für eine neue Büroorganisation

Drei Office-Guides für eine neue Büroorganisation

Homeoffice 2.0

Utensilien für eine neue Dauerhaftigkeit

Utensilien für eine neue Dauerhaftigkeit

Revolution aus dem Off

Der 3D-Druck beweist sich als eine Notlösung

Der 3D-Druck beweist sich als eine Notlösung

Salone del Mobile 2020 wird verschoben

Mailänder Möbelmesse findet im Juni statt

Mailänder Möbelmesse findet im Juni statt

I am Office

Der Mensch ist verantwortlich für Wandel der Arbeitswelt

Der Mensch ist verantwortlich für Wandel der Arbeitswelt

Arbeiten im Multispace

Wie der rasante Wandel der Arbeitswelt Büroräume verändert

Wie der rasante Wandel der Arbeitswelt Büroräume verändert

Ratgeber Büro: Arbeiten im Wohnzimmer?

Strukturelle und räumliche Bewegung

Strukturelle und räumliche Bewegung

Sitzen 4.0

Büromöbel von Wilkhahn meistern die Herausforderungen unserer Zeit

Büromöbel von Wilkhahn meistern die Herausforderungen unserer Zeit

Büro nach Maß

Customized Furniture von Girsberger

Customized Furniture von Girsberger

Neue Arbeitswelt

Maßgeschneiderte Bürowelten von Planmöbel

Maßgeschneiderte Bürowelten von Planmöbel

KI versus Planungsbüro

Wilkhahn-Symposium über das Bauhaus und die Digitalisierung

Wilkhahn-Symposium über das Bauhaus und die Digitalisierung

Rudolph Schelling Webermann

Wir waren zu Besuch im Hannoveraner Studio

Wir waren zu Besuch im Hannoveraner Studio