Stories

imm cologne 2014: Jung und tugendhaft

Ohne Fleiß kein Preis: junges Design zur Kölner Möbelmesse 2014.

von Jasmin Jouhar, 22.01.2014

Fleiß? Sorgfalt? Pünktlichkeit? Pflichtbewusstsein? Oder Angst? Wir Deutschen haben Frieden geschlossen mit unseren Tugenden – schließlich werden wir nicht mehr von der ganzen Welt dafür verachtet. Und wie nützlich zumindest einige dieser Eigenschaften sein können, zeigte der Designnachwuchs vergangene Woche zur Kölner Möbelmesse imm cologne 2014. Denn dort konnten nur jene Projekte überzeugen, die mit ausgeklügelten Konzepten, viel Einsatz und Liebe zum Detail umgesetzt worden waren.

Vor dem Rundgang zu den Stationen des Nachwuchsdesigns empfahl sich ein Besuch in der pünktlich (!) zur Möbelmesse im Museum für Angewandte Kunst eröffneten Ausstellung des Künstlers und Designers Rolf Sachs, Titel: typisch deutsch? Sachs, ein Deutscher mit multikulturellem Kontext, untersucht mit aufwändig (!) und präzise (!) ausgeführten Objekten, die zwischen Kunst und Design changieren, vermeintlich typisch teutonische Eigenschaften. Zumindest für Besucher mit deutschem Hintergrund eine lehrreiche Selbstbefragung der eigenen Persönlichkeit und nationalen Identität. Derart sensibilisiert, fiel schnell auf, dass manch jungem Designer ein Schnellkurs beim Altmeister Rolf Sachs ganz gut getan hätte.

Die Welten dazwischen
Zum Beispiel Ehrenfeld: Nur ein paar Gehminuten in dem Viertel jenseits des Rings trennten die Ausstellung Objects and the Factory und die Messe Designers‘ Fair, und dennoch lagen Welten dazwischen. Während die Designers‘ Fair in der Heliosstraße einem Panoptikum des Selbstgebastelten glich und eine wenig ambitionierte Mischung aus halbwegs etablierten Marken und semiprofessionellen Hobbydesignern bot, wirkte die Ausstellung in der Körnerstraße durchweg stimmig. Anknüpfend an die letztjährige Schau Objects for the Neighbour, hatten Designer Karoline Fesser, Kai Linke und Thomas Schnur wieder ein Konzept entwickelt und Kollegen eingeladen. Dieses Mal ging es um den Produktionsort der Dinge, die Fabrik – im ehemaligen Arbeiterviertel Ehrenfeld eine naheliegende Wahl.

Investition Arbeit
Alle zehn Projekte leiten sich von Produktionsprozessen oder -orten ab, wie beispielsweise der abstrahierte Bistrotisch Construct Table von Thomas Schnur, der für die industrielle Fertigung optimiert ist. Um den Tisch aus Stahlblech zu produzieren, braucht es lediglich drei verschiedene Herstellungsverfahren. Dank raffinierter Details wie den kleinen Standfüßchen aus gebogenem Blech ist Construct Table jedoch keine anonyme Massenware. Von ganz anderem Charakter, aber ebenso repräsentativ für die Schau sind Elisa Strozyks Ceramic Tables. Die Designerin hat in einer Fabrik mit keramischen Glasuren experimentiert und reizvolle Oberflächeneffekte erzeugt, die nun die Platten der Beisteller schmücken. Neben den einzelnen Objekten überzeugten vor allem die stringente Konzeption der Ausstellung und ihre perfekte Präsentation. Viele Stunden unbezahlter Arbeit haben die drei Initiatoren dafür investiert.  

Im Herzen des Kommerzes
Während Ehrenfeld noch als Off-Kulisse durchgehen mag, war eine kleine Nachwuchsschau namens New Perspectives mitten im kommerziellen Design zu finden: Der italienische Premiumküchen- und Badhersteller Boffi zeigte in seinem Kölner Showroom sechs Objekte junger Designer. Verteilt zwischen Edelstahlküchen und Kunstharzbadewannen und mithilfe roter Bodenplatten herausgehoben, zeichneten sich die Entwürfe durch perfekte Umsetzung aus. Seien es Aufbewahrungsdosen von Sarah Böttger, der Brotbehälter von Florian Hauswirth oder das spezielle gefaltete Badehandtuch von Florian Schmid – auch hier hatten die Beteiligten viel Aufwand betrieben und lange am Auftritt gefeilt. Weniger perfekt geraten war dagegen die Präsentation Designers Tower, ebenfalls in der Innenstadt. Sicher fehlte der solvente Auftraggeber im Hintergrund. Aber die Qualität der ausgestellten Produkte und Installationen konnte auch nicht mithalten, schon alleine, weil der Witzigkeitsfaktor der Vogelhäuschen, Schubkarrengrills und Doppelschaukelsessel recht hoch war. Eine Portion Seriosität gehört bei Gebrauchsgegenständen eben dazu.
 
Trends dekliniert
Nicht zuletzt auf dem Messegelände selbst mit den Hochschulpräsentationen und der Talentschau D3 Contest offenbarte sich die Qualitätsspanne beim Nachwuchsdesign. Die drei prämierten D3-Beiträge Ordnungshalber, reverso und Jella beispielsweise wirkten bis ins Detail durchgearbeitet, waren originell und überzeugten auch funktional. Das Trennwandsystem reverso aus Tyvek von Yann Mathys (ECAL) verbindet geschickten Materialeinsatz und Flexibilität zu einem ästhetisch ansprechenden Gesamtbild. Und die LED-Leuchte Jella von Lena Schlumbohm überrascht mit einem magnetisch verstellbaren Arm – ein spielerisches Element, das technisch perfekt umgesetzt ist. Manch anderer Beitrag hingegen deklinierte lediglich aktuelle Trends wie Naturholz, Buntmetall oder Einfachheit durch, ohne wirklich innovative Ansätze zu bieten.

Lohn der Tugend
Die Auftritte der Designhochschulen boten dasselbe Bild. Wo die Beteiligten sich ins Zeug gelegt hatten, sprich: intensiv geforscht, experimentiert und über die Präsentation nachgedacht hatten, blieb man gerne stehen (die Hochschulen für Gestaltung aus Offenbach und Karlsruhe oder die Hochschule der Bildenden Künste Saar seien hier genannt). Wo sich dagegen der Eindruck aufdrängte, hier seien mal schnell ein paar beliebige Studentenarbeiten ohne weiteres Konzept zusammengewürfelt worden, blieb auch das Besucherinteresse aus. Unser Fazit fällt also streng wertkonservativ aus: Liebe junge Gestalter, besinnt euch auf die bewährten Tugenden! Nehmt euch ein Beispiel an Rolf Sachs: Seid fleißig, arbeitet sorgfältig und präzise. Und scheut nicht Zeit noch Aufwand. Es lohnt sich!

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