Vom Experiment zur Designpraxis
Nachhaltige Materialien, Kreislaufwirtschaft und Designprozesse bei den 3daysofdesign 2026
Material Matters zeigte bei den 3daysofdesign 2026, wie nachhaltige Materialien den Weg in Architektur und Design finden können. Im Mittelpunkt standen nicht nur innovative Werkstoffe, sondern auch die Systeme und Prozesse, die ihren Einsatz ermöglichen.
Bereits zum zweiten Mal präsentierte die britische Plattform Material Matters im Rahmen der 3daysofdesign in Kopenhagen Hersteller und Entwickler nachhaltiger Materialien. Mehr als 19 Unternehmen zeigten vom 10. bis 12. Juni 2026 im Ukraine House in Christianshavn materialbasierte Ansätze für eine ressourcenschonendere Zukunft. Von Laubholz über Myzel bis hin zu recyceltem Kunststoff bot die Ausstellung Einblicke in aktuelle Entwicklungen, die den Schritt von experimentellen Konzepten hin zu marktfähigen Anwendungen vollziehen.
AHEC: Holz als ökologischer Kreislauf
Der American Hardwood Export Council (AHEC) rückte mit der vom Londoner Designstudio Mitre & Mondays entworfenen Installation Wood for the Trees das Material Holz in den Mittelpunkt – allerdings nicht über neue Produkte, sondern über die Herkunft und den Lebenszyklus des Holzes. Die Ausstellung führte Besucher*innen durch die verschiedenen Stationen der Wertschöpfungskette: vom Wald über nachhaltige Forstwirtschaft bis zur Verarbeitung. Ergänzt wurde die Inszenierung durch Ausschnitte aus dem von AHEC produzierten Dokumentarfilm Forested Future, der die ökologische und soziale Bedeutung von Wäldern beleuchtet.
Baumstämme dienten als Sitzgelegenheiten, grafische Elemente simulierten ein Blätterdach, audiovisuelle Inhalte vermittelten Daten zu Waldökosystemen und Ressourcennutzung. Im Zentrum stand die Frage, wie Wälder langfristig gesund bewirtschaftet werden können. Eine wichtige Botschaft der Ausstellung: Nachhaltige Forstwirtschaft bedeutet auch, das gesamte Spektrum vorhandener Holzqualitäten sinnvoll zu nutzen, anstatt sich ausschließlich auf wenige Premiumsorten zu konzentrieren.
Aifunghi: Möbel aus Myzel
Wie bereits im vergangenen Jahr präsentierte das niederländische Start-up Aifunghi Möbel aus einem myzelbasierten Verbundwerkstoff. Das Material verbindet Hanffasern mit dem Wurzelgeflecht von Pilzen und kommt vollständig ohne Kunststoffe aus. Ergänzt wird das Konzept durch Polsterungen aus Algenschaum sowie Bezüge aus BioFluff, einem Textil aus Nessel- und Hanffasern.
Mit dem Banet Chair gelang Aifunghi bereits 2025 die Zertifizierung des weltweit ersten Myzel-Composite-Stuhls für den Contract-Bereich. Das Projekt gilt als wichtiger Schritt für die industrielle Anwendbarkeit biobasierter Werkstoffe. In Kopenhagen stellte das Unternehmen nun den Morchella Chandelier vor: eine von dem belgischen Designer Vito Boox entworfene Leuchte, die das Material erstmals in einen skulpturalen Kontext überträgt.
Smile Materials: Kunststoff im Kreislauf
Das britische Unternehmen Smile Materials, hervorgegangen aus dem Studio Smile Plastics, zeigte, wie sich Kunststoffabfälle als hochwertige Gestaltungsmaterialien weiterverwenden lassen. Das Sortiment umfasst Plattenwerkstoffe aus vollständig recycelten Kunststoffen, Naturfasern und wiederverwerteten Solid-Surface-Resten.
Ein zentrales Element des Geschäftsmodells ist ein Buy-Back-Programm, über das ausgediente Paneele zurückgenommen und erneut in die Produktion integriert werden. Nach Unternehmensangaben konnten auf diese Weise bereits mehr als 50 Tonnen Material im Kreislauf gehalten werden. Projekte für Auftraggeber wie Dior, Selfridges oder das Victoria and Albert Museum verdeutlichen, dass zirkuläre Materialien inzwischen auch im Premiumsegment angekommen sind.
PriestmanGoode: Design als System
Mit Route to Zero brachte das Londoner Designstudio PriestmanGoode eine strategische Perspektive in die Ausstellung ein. Bekannt für seine Arbeit im Transportdesign, beschäftigt sich das Studio seit Jahren mit der Frage, wie Nachhaltigkeit systematisch in Planungs- und Entwicklungsprozesse integriert werden kann.
Eine zentrale Rolle spielt dabei eine eigens entwickelte Materialdatenbank, die Werkstoffe nach Kriterien wie Einsatzbereich, Recyclinganteil oder End-of-Life-Szenarien bewertet. Statt Materialien lediglich auszuwählen, versteht PriestmanGoode Materialentwicklung als aktiven Bestandteil des Designprozesses. Die Arbeit des Studios zeigt, wie eng Gestaltung, Forschung und Industriekooperation inzwischen miteinander verknüpft sind.
Material Matters als Seismograf
Die eigentliche Innovation liegt heute oft weniger im Material selbst als in den Strukturen, die seinen Einsatz ermöglichen. Material Matters 2026 zeigte, wie nachhaltige Werkstoffe zunehmend in professionelle Planungs-, Produktions- und Kreislaufsysteme eingebunden werden – und damit den Übergang von der Materialinnovation zur etablierten Praxis schaffen.
Material Matters
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aifunghi.comSmile Materials
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