Stories

imm cologne 2016: Alte Bekannte

Halt im Ursprung: Neuauflagen, Weiterentwicklungen und Adaptionen aus den Untiefen der Designgeschichte.

von Markus Hieke, 25.01.2016

Die Zukunft liegt in der Vergangenheit. Das war die Botschaft hinter der großen Menge an Neuauflagen alter Entwürfe, die zur Kölner Möbelmesse imm cologne 2016 zu sehen waren. Wer heute zeitgemäß einrichtet, sucht zugleich Halt im Ursprung.

Es setzt sich fort, was bereits seit längerem zu beobachten ist. Auch 2016 fanden sich unter den Neuheiten der Kölner Möbelmesse eine Reihe alter Entwürfe, die als Neuauflage, Weiterentwicklung oder zeitgemäße Adaption aus den Untiefen der Designgeschichte heraufbefördert worden waren. Nach dem Motto „Schauen wir mal, was das Archiv noch hergibt“ wird froh und munter zum Leben erweckt, was teils längst vergessen war, als sattgesehen oder eingestaubt galt.

Die Auswahl von Farben und Materialien allein sorgt letztlich dafür, dass sich das „neue Produkt“ mit dem Zeitgeist verbindet. Satte, leuchtende oder auch erdige Töne, gewagte Farbkombinationen, allwettertaugliche Textilien oder samtweiche Haptiken sowie moderne Fertigungsmethoden: alles wunderbar. Warum aber bieten uns die Hersteller diesen 20th-Century-Back-to-the-Future-Trend, diesen Mix aus Stilen vergangener Dekaden und tatsächlich neuen Dingen, so nachdrücklich an? Weil es funktioniert. Weil Vintage nach wie vor gut im Rennen liegt. Und sicher auch, weil die Kundschaft längst der ständig drehenden Neuheitenspirale müde geworden ist und echte Visionen für das Wohnen von morgen fehlen. Zugleich wirkt der Schritt ins 20. Jahrhundert wie ein Schritt zurück zum Vertrauten, um sich in diesem Perspektivwechsel an Zeiten zu erinnern, in denen vielleicht nicht alles besser, die Erwartung an die Zukunft dafür aber durchaus verheißungsvoller gewesen ist.

Freischwingen in bunt
Allen voran die Kollektion Thonet All Seasons. An einem der meistbesuchten Stände der Messe kündigte eine Installation aus hinter schwarzem Netz schwebenden, bunten Stühlen die Rückkehr der Stahlrohrklassiker aus der Bauhaus-Zeit an. Neben den Freischwingern S33 und S34 (beide 1926) von Mart Stam erhielten der Loungesessel S35 (1929) und der Beistelltisch B9 (1925/26) von Marcel Breuer sowie der Freischwinger S533 (1927) von Ludwig Mies van der Rohe eine Überarbeitung durch das Thonet Design Team. Die Rohre werden allwettertauglich von innen und außen behandelt und äußerlich in sieben unterschiedlichen Farben pulverbeschichtet. Hinzu kommen Sitzflächen und Lehnen aus UV-beständigem Netzgewebe in zwölf verschiedenen Tönen sowie imprägnierte Auflagen. Damit wird klar, wo man diese alten Bekannten zukünftig hinstellen soll: Gedacht sind sie für Garten und Wintergarten. Tischplatten werden in Sichtbeton und einem Vollkernschichtstoff erhältlich sein.

Ikonen-Mutationen
Einen geeigneten Anlass für Neuinterpretationen fand das italienische Unternehmen Cassina. Im kommenden Jahr wird neunzigjähriges Bestehen gefeiert. Also wird aus jedem Jahrzehnt Firmengeschichte jeweils eine Ikone überarbeitet und auf zeitgemäßen Stand gebracht. Fünf Produkte der MutAzioni genannten Reihe sind schon fertig: darunter ein Sessel und eine Chaiselongue, die das Sofa Met von Piero Lissoni aus dem Jahr 1990 zu einer Familie formen sollen. Die Transformation des Stuhls Red and Blue von Gerrit T. Rietveld (1920er) in eine monochrome Version geht zurück auf die ursprüngliche Entwurfsidee, den Stuhl sozusagen customized anzubieten, erläutert das Unternehmen – für die MutAzioni-Kollektion wurde eine Version in Schwarz mit weißen Enden und dunkelgrüner Sitzfläche und Rückenlehne sowie einem dunkelgrünen Lederpolster ausgewählt.

Erlaubt ist alles
Auch bei Gubi wurde kräftig in der Mottenkiste gekramt. Drei Leuchten und zwei Spiegel werden unter Lizenz des dänischen Unternehmens wieder produziert, zum Teil in neuer Farbpalette: die Pendelleuchte Multi-Lite (1972) mit ihren beweglichen Kugelschirmen von Louis Weisdorf, der perforierte Ballon Satellite (1953) von Mathieu Matégot sowie Greta M. Grossmans Steh- und Pendelleuchten G10 (1950). Von Giò Ponti stammt sowohl der Garderobenspiegel F.A.33 (1933) als auch der drahtgekrönte Randaccio (1925), beide aus Messing. Dass bei dieser kleinen Melange der Biederkeit am Stand bunt und munter Zwanziger, Fünfziger, Siebziger und heute miteinander vermengt werden, scheint so selbstverständlich: Man könnte die Entstehungszeiten einer einzigen Periode zuschreiben. Immerhin lassen sich Produkte anderer Hersteller, wie die Bellevue-Leuchten von Arne Jacobsen aus dem Jahr 1929 problemlos hinzufügen, die es nun bei &tradition gibt. Oder Eileen Grays Adjustable Table E 1027 (1927), den das Münchner Unternehmen Classicon bereits im vergangenen Jahr in Schwarz vorgestellt hat – zwar hat der eine ganz andere Hintergrundgeschichte, aber erlaubt ist ja jetzt alles.

Tanzende Stühle
Nicht nur, aber auch auf alte Entwürfe konzentriert sich Walter Knoll im Januar 2016. Zu glitzern beginnt dabei der 1956er Sessel Votteler Chair von Arno Votteler, dessen Stoff namens Anni von einem Metallgarn durchzogenen ist. Eine Hommage an Anni Albers sei der Bezug – eine der wenigen Frauen, die am Bauhaus unterrichteten. Auch der vom Walter Knoll-Team entworfene Sessel 375 von 1957 wurde überarbeitet. Neben Bezügen aus Leder und Samt in kräftigen Farben wurden dem zierlichen Möbel ein Zweisitzer, eine Bank, ein Hocker und ein marmorner Beistelltisch zur Seite gestellt. Möbel an der Grenze zwischen Kunst und Design zeigt das baden-württembergische Unternehmen zudem mit seiner Sadi & Neptun Ozis Collection. Sadi Ozis hatte vor über fünfzig Jahren Stühle aus Draht und Fischernetz (Fishnet Chair), aus geflochtenen Schnüren (Burgaz Chair) oder an einen tanzenden Derwisch (Rumi) erinnernd gestaltet. Was der Künstler und sein Sohn Neptun damals teils gemeinsam entwickelten, zählte bald zu den ersten modernen Möbeln der Türkei und kann heute, wo einstiger Materialmangel längst kein Thema mehr ist, in gepolsterter Form neben all den weiteren Klassikern platziert werden.

Weißen und wachsen
Als Quasi-Spezialist fürs Wiederauflebenlassen stellte auch Vitra eine Handvoll älterer und jüngerer Ikonen nochmals aufs Podest. Blütenweiß strahlt die Sonderedition The White Collection, die auf hohen Lagerregalen präsentiert wurde: Dazu gehören der Tom Vac-Stuhl (1999) vom britischen Gestalter und Architekten Ron Arad, Jasper Morrisons Tisch und Stuhl Hal (2010), die Metal Side Tables (2004) in Elfenbeinweiß von Ronan und Erwan Bouroullec sowie die ebenso von den Brüdern gestalteten Vegetal-Stühle (2004). Mehr als eine Bleiche erfuhr hingegen Charles und Ray Eames’ Plastic Chair. Seit 1950, als dieser als erster industriell gefertigter Kunststoffstuhl den Möbelbau revolutionierte, wuchs die Bevölkerung um durchschnittliche zehn Zentimeter – was Vitra nun zu einer Gestellerhöhung um zwei Zentimeter veranlasste. Designerin Hella Jongerius erweiterte die Farbpalette für die Sitzschalen zudem um sechs neue Töne auf nun insgesamt vierzehn.

Egon, der neue Eiermann
Zwischen all den Aktualisierungen und Produktionswiederaufnahmen barg die Kölner Möbelmesse dann doch auch Überraschungen. So musste man schon zweimal hinsehen, um am Stand von Richard Lampert das Tischgestell Egon nicht für einen Eiermann (1953) zu halten. Letzteren kennt der Architekt nur zu gut. Nun wurden mit Egon die ewig diagonal gekreuzten Streben aufgelöst, und es halten zwei T-förmige, klappbare Stahlrohrböcke die Platte.

Zuletzt ein Rückkehrer, dessen Alter man ihm beim besten Willen nicht ansieht. Aus dem Jahr 1975 stammt das Sofasystem Trio vom Schweizer Studio Team Form AG, das wie damals auch heute wieder von Cor produziert wird. Drei Grundelemente genügen, um vielfältige Sitzlandschaften zu kreieren. Und so schließt sich immerhin ein Kreis, denn was würde besser in unser flexibles Zeitalter passen. Begeben wir uns also weiterhin zurück in die Vergangenheit. Wie zu alten Bekannten, die immer eine gute Geschichte auf Lager haben – und erinnern uns der Ursprünge, Evolutionen und Revolutionen einer Wohnkultur, an frühere Visionen, Träume und Hoffnungen, die in unserer heutigen, krisengeplagten Zeit oft so illusorisch erscheinen.

Alle genannten und weitere alte Bekannte finden Sie in der Bildergalerie über diesem Text.

Mehr aus unserem Special zur imm cologne 2016 lesen Sie hier...

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Special: imm cologne 2016

Das große Designlines-Special zur Kölner Möbelmesse

www.designlines.de

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