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Prähistorisch – London Design Festival 2013

Kupfer, Messing, Porzellan und Glas: Das Londoner Designfestival stand ganz im Zeichen der kleinen, feinen und hoch dekorativen Dinge.

von Norman Kietzmann, 26.09.2013

Kupfer, Messing, Porzellan und Glas: Das London Design Festival stand ganz im Zeichen der kleinen, feinen und hoch dekorativen Dinge. Doch allen Reizen handwerklicher Prozesse zum Trotz: Mit ihrem Fokus auf Langlebigkeit und materielle Schwere ging den Designern nicht nur das Spielerische verloren. Indem die Konsumenten mit vermeintlich gutem Gewissen stimuliert werden sollen, verfällt das Design in reine Oberflächlichkeit.

Es brauchte schon ziemlich harte Nerven. Denn sie lauerten in jeder Ecke, in jeder noch so kleinen Schau, ganz gleich in welchem Teil der Stadt: Das alljährliche Londoner Design Festival (14. bis 22. September), das neben der Messe 100 Procent Design eine Vielzahl kleiner Off-Schauen und Jungdesigner-Bühnen bespielt hat, wäre ohne Bedenken als Kulturprojekt der IG Metall durchgegangen. Messing und Kupfer bildeten den materiellen roten Faden, dem sich kein Gestalter mehr entziehen konnte und der den Reiz wie auch die Banalität des heutigen Designs gleich treffend vor Augen führte. 

Archaisches Gewand
Verlässlichkeit, Haltbarkeit und Seriosität: Was klingt wie die Wahlwerbeslogans einer konservativen Partei – zumindest, als diese noch echte Botschaften auf ihre Poster druckten – war in London als handfeste Materie zu bestaunen: Schalen, Leuchten und Vasen aus Kupfer und Messing sollten Wärme und Patina spenden. Andere Objekte aus dickwandigem Glas oder gleich aus massivem Stein waren derart schwer, dass sie auch in einhundert Jahren nicht das Zeitliche gesegnet haben werden. Gewiss, der kurzatmigen Warenwelt mit Langlebigkeit und Qualität zu begegnen, ist prinzipiell keine schlechte Entscheidung. Und doch war die Verzweiflung der überwiegend jungen Gestalter greifbar, die mit Produkten im Geiste ihrer Großeltern ein Stück weit Orientierung im Alles-ist-möglich der heutigen Designlandschaft suchten.

Prehistoric lautete dann auch der passende Titel der Soloschau von Rick Owens in der Carpenters Workshop Gallery in Mayfair. Der amerikanische Modedesigner mit Wahlheimat Paris ist zwar ein alter Hase im Vergleich zu den zumeist sehr jungen Ausstellern des Londoner Designfestivals. Doch mit seinem Faible für Gothic, Punk und einer entscheidenden Portion Romantik macht er keineswegs bei seinen Kleidern Halt, sondern entwirft auch Möbel in archaischem Gewand. Anstatt wie in den vergangenen Jahren Stühle und Sessel mit echten Geweihen zu bestücken, ging der Kalifornier diesmal ein Stück weiter: Sein puristischer, dreibeiniger Stuhl Onedent besteht aus reinen Rinderknochen, die bewusst nicht maschinell zu präzisen Bauteilen verarbeitet wurden, sondern mit ihren roh geschnitzten Oberflächen auf beeindruckende Weise zwischen Country Style und Gruselkabinett oszillieren. 

Baumarkt als Designkritik
Wenn schon konservativ, dann zumindest günstig, lautet das Credo des jungen Londoner Labels Olio Objects, das „Highend-Design zu erschwinglichen Preisen“ verspricht. Der vierarmige Kerzenhalter Candelabra, der in der Schau Designjunction gezeigt wurde, wirkte wie ein bissiger Kommentar auf all die Kupferköpfe an der Designfront. Anstelle einzelne Komponenten in kostspieliger Manufakturarbeit herzustellen, gingen die Gestalter in den Baumarkt und erwarben T-Stücke und runde Eckventile von gewöhnlichem Kupferrohr. Diese wurden mit unbehandelten Holzstöcken verbunden und fertig waren die dekorativen wie funktionalen Leuchter, die für bescheidene 20 Pfund zu haben waren. 

In preislich anderen Sphären bewegt sich die Designgalerie Mint im noblen Viertel rund um die Brompton Road. Passend zur diesjährigen Kunstbiennale in Venedig empfängt die Besucher ein gestalterisches Kuriositätenkabinett. Seine Snow Vases formte der Prager Designer Maxim Velcovsky tatsächlich mit der Hand aus Schnee. Bevor die fragilen Objekte wieder schmolzen, nahm er von ihnen einen Abdruck und goss ihn mit Gips wieder aus. Liegt der Reiz der Arbeiten in ihrer klobigen Unförmigkeit, die sich weder am Rechner noch per Skizzen generieren ließe, wirken die Holzschalen des tschechischen Designers René Šulc als Hand- wie Augenschmeichler gleichermaßen. Mit ihren feinen, von Hand bearbeiteten Ablageflächen geben sie nicht nur den abgelegten Dingen sicheren Halt. Sie verbergen ebenso ihre industrielle Fertigung an der Drehbank.

Dekorative Gegenwehr
Auf die Kombination aus Kugeln und Zylindern setzt der Londoner Designer Lee Broom mit seinen Kerzenhaltern Fulcrum, die in seinem Showroom in Shoreditch präsentiert wurden. Die schwergewichtigen Objekte sind aus massivem Kristallglas gefertigt und verfügen über einen blau oder gelb eingefärbten Boden. Die Folge: Das Glas verwandelt sich in einen optischen Leiter, der die Farbe vom Sockel bis an die Spitze führt. Vor allem an jener Stelle, an der zwei zylindrische Körper von einer Kugel durchbrochen werden, variieren die farblichen Effekte deutlich mit der Perspektive des Betrachters.


Nur wenige Meter entfernt zeigten in der Ausstellung DesignMarketo Peter Marigold, Pia Wüstenberg und andere Gestalter ihre Arbeiten, die ganz im Zeichen von Pfeffer standen. Perfume, Sir? lautete das Motto, unter dem ein Objekt zum Duft Poivre 23 der Pariser Parfümeurin Nathalie Lorson kreiert werden sollte. Zur Eröffnung wurde Bar-Basso-Chef Maurizio Stochetto aus Mailand eingeflogen, der passend zum Thema eine Auswahl an Pfeffer-Cocktails servierte. Auch hier durften Buntmetalle nicht fehlen. So zeigte Lex Pott den Messing-Spiegel Phases mit einem im Säurebad erzeugten, stark patinierten Rand. Ist der Pfeffer-Bezug hierbei kaum auszumachen, ersann das italienische Designteam Zaven einen Totem aus Beton, der sich in fünf Kaskaden nach oben verjüngt. Auf der Spitze thront ein kupferner Öffner, der beim Herausziehen einen filigranen Flakon von Poivre 23 preisgibt. Die Folge: Die handfeste Designmaterie wird durch simples Sprühen in luftige Nuancen von Pfeffer aufgelöst.

Tradition und Gegenwart
Auch das britische Label Established & Sons, um das es in den letzten beiden Jahren etwas ruhiger geworden war, meldete sich wieder zurück. Die Londoner Stilistin Faye Toogood zeigte im Showroom die Installation The Conductor, bei der die Besucher 160 Leuchtstoffröhren über einen gewaltigen Schaltpult dirigieren konnten. Dass die Röhren an eine Wand aus effektvoll patinierten Kupferplatten montiert wurden, verstand sich dabei von selbst. 

Die zweite Neuvorstellung war die New Resin Series von Jo Nagasaka, dem Gründer des Tokioer Architekturbüros Schemata. Die Schränke, Tische und Stuhle wirken wie ein Versöhnungsangebot zwischen Tradition und Gegenwart. Der Grund: Die verwendeten Bretter aus massiver Douglas-Tanne verfügen über eine leicht unebene und deutlich gemaserte Oberfläche. Genau über diese goss Nagasaka einen transparenten Harz in leuchtend-poppigen Farben. Die Holzstruktur wird damit nicht nur konversiert und dauerhaft sichtbar gemacht. Es entsteht ebenso eine belastbare Oberfläche mit Langzeitwirkung, die die Sehnsucht nach Patina auf verblüffend lockere Weise erfüllt.

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Links

London Design Festival

www.londondesignfestival.com

Mehr vom London Design Festival 2013

Taste this: Wie man in London auf den Geschmack kommt

www.designlines.de

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