Menschen

Design ist eine Haltung

Die britische Autorin Alice Rawsthorn im Gespräch

Für Alice Rawsthorn ist Design weit mehr als Formgebung: Es ist ein Werkzeug, um gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen. Im Gespräch erklärt sie, warum Gestalter*innen heute wichtiger sind denn je, wie Vielfalt die Designwelt verändert – und was sie optimistisch in die Zukunft blicken lässt.

von Jasmin Jouhar, 15.07.2026

Sie glaubt an die Kraft der Gestaltung: Die britische Autorin und Podcasterin Alice Rawsthorn gehört zu den einflussreichsten Figuren im internationalen Designdiskurs. Sie ist häufiger Gast bei Symposien und Talks, ihr Buch Design as an Attitude von 2018 gilt als ein Standardwerk der Disziplin. Wir trafen eine unerschütterlich positive Rawsthorn in Kopenhagen während der 3daysofdesign und sprachen mit ihr über die besonderen Fähigkeiten von Gestalter*innen, über Diversität in der Designindustrie und darüber, was sie hoffnungsvoll stimmt.

Alice, in Deiner Arbeit dreht sich alles um Design. Gemeinsam mit Paola Antonelli vom New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) betreibst Du die Plattform Design Emergency, Du nimmst Podcasts auf, schreibst Bücher, postest auf Instagram. Warum hat Design Dein ganzes Herz?
Ich bin nicht klassisch ausgebildet als Designautorin oder -kritikerin mit akademischem Hintergrund. Ich komme aus dem Journalismus, habe unter anderem 16 Jahre lang bei der Financial Times gearbeitet. Ich schrieb über Unternehmensthemen, Politik, Wirtschaft. Später leitete ich die FT-Berichterstattung über die Kreativindustrien und war für über ein Jahrzehnt Design- und Architekturkritikerin der Financial Times – und dann der New York Times. Ich habe jahrelang so viele Bücher wie möglich über Design gelesen, Ausstellungen besucht. Ich wollte nicht Generalistin bleiben, sondern mich auf ein Thema spezialisieren. Design hat mich sehr fasziniert. Es ist eine allgegenwärtige Kraft. Es beeinflusst alles, was wir tun, zwischenmenschliche Beziehungen, die Art, wie sich unsere Gemeinschaften organisieren. Es ist inspirierend zu sehen, mit welchem Einfallsreichtum Designerinnen und Designer auf Krisen und Chancen gleichermaßen reagieren.

Gibt es eine persönliche, biografische Verbindung zum Design?
Ich bin in einem sehr designbewussten Haushalt aufgewachsen, in dem das Wort „Design“ aber nie benutzt wurde – einfach, weil Menschen in Großbritannien das in den 1960er-Jahren nicht taten. Mein Vater war Maschinenbauingenieur, er wuchs auf einem Bauernhof in einer Arbeiterfamilie auf, also an einem Ort, wo es sehr wenig Geld gab. Deshalb musste man alles selbst machen, reparieren, restaurieren, neu erfinden. Meine Mutter kam auch aus einer Arbeiterfamilie, sehr pragmatisch und kreativ. Sie war Kunstlehrerin und hatte ein hochentwickeltes Verständnis für visuelle Kultur. Meine Eltern haben ständig Dinge entworfen. Mein Vater baute sich sogar ein Auto aus Schrottteilen. Aber sie hätten sich nie selbst als Designerin oder Designer bezeichnet.

Unsere Welt ist in vielerlei Hinsicht im Notstand. Glaubst Du, dass Design das Potenzial hat, Dinge zu verbessern, Menschen zu helfen, Veränderung herbeizuführen? Oder ist es eher Teil des Problems?
Beides. Historisch gesehen, hat Design insbesondere zu ökologischen Problemen beigetragen. Zugleich sehen wir bei den großen Notlagen unserer Zeit – ob das die tragische Fülle von Konflikten überall auf der Welt ist oder die Klimakrise –, dass Designer*innen zunehmend Lösungen liefern. Entweder in originären Designprojekte oder als Teil von multidisziplinären Teams, etwa in NGOs. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist ein Projekt von Ärzte ohne Grenzen in Gaza. Ärzte ohne Grenzen ist ohnehin unter den NGOs besonders innovativ im Einsatz von Design. In Gaza errichteten sie mit minimalen Mitteln eine Unterkunft speziell für erwachsene Geflüchtete mit Behinderungen, die häufig unter besonders prekären Bedingungen leben müssen. Sie statteten die Unterkunft mit vielen Haltestangen aus, sie sorgten für ebene Wege, die mit dem Rollstuhl befahren werden können. Dazu angepasste Duschen und Toiletten, einfache Dinge für eine Gruppe von Menschen, die in solchen albtraumhaften Situationen leicht vergessen wird.

Wird Design als Disziplin in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen?
Es hat bereits an Bedeutung gewonnen. Vor zehn Jahren hätten Organisationen wie NGOs Design wahrscheinlich für ein reines Styling-Werkzeug gehalten. Ein anderes gutes Beispiel ist die Arbeit der britischen Sozialwissenschaftlerin Hilary Cotton, die die Regierung in London berät. Sie experimentierte mit neuen Ansätzen, um soziale Dienstleistungen zu konzipieren, etwa für die Versorgung von älteren Menschen, Programme für Langzeitarbeitslose oder für Familien in Krisensituationen. Sie bildet multidisziplinäre Teams, die von ausgebildeten Designer*innen geleitet werden. Ihre Vorgehensweise beschreiben sie als Designprozess und verwenden eine am Design geschulte Sprache. Cotton ist überzeugt, dass bessere Ergebnisse zustande kommen, weil Designer*innen aufgrund ihrer Ausbildung erfinderischer und einfallsreicher in der Entwicklung von Lösungen sind. Sie denken auch antizipativ. Das heißt, sie konzentrieren sich nicht nur auf positive Lösungen – auf das, was ein Produkt, ein Service oder ein Gebäude liefern können –, sondern sie schauen auch, was schiefgehen könnte.

Ein Thema, auf das Du immer wieder zurückkommst, ist Vielfalt in der Designwelt. Wessen Geschichten werden erzählt und wessen Geschichte nicht?
Nach wie vor dominieren die üblichen Verdächtigen das Feld: weiße cis-Männer, vorwiegend aus dem globalen Norden, mit der Ausnahme Japans. Aber es gibt Veränderungen, etwa in der Tech-Industrie, die einige Anstrengungen unternommen hat, die Geschlechtervielfalt zu verbessern. Was mir Hoffnung für die Zukunft gibt: Wir sehen mittlerweile viel mehr ethnische Vielfalt im Design. Denken wir an den afrikanischen Kontinent, dort leben die am schnellsten wachsenden Bevölkerungen weltweit. Was in Afrika passiert, ist zunehmend einflussreich für das Schicksal des Rests der Welt. Es gibt bereits einige bedeutende Designer*innen und Architekt*innen – etwa Diébédo Francis Kéré, die erste Person of Color, die den Pritzker Prize gewonnen hat, ein fantastischer Architekt. Oder Nifemi Marcus-Bello, ein brillanter junger nigerianischer Produktdesigner. Und es gibt viele Frauen, die das Feld anführen, wie Lesley Lokko, die schottisch-ghanaische Architektin, Gründerin des African Futures Institute. Oder die Architektin und Designerin Dominique Petit-Frère aus Accra in Ghana, die Architektinnen Sumayya Vally aus Südafrika und Mariam Kamara aus Niger. Es gibt eine lange Liste von Frauen, die phänomenale Arbeit in Afrika leisten und international wahrgenommen werden. Es macht mich hoffnungsvoll, dass all diese Menschen mit völlig anderen Perspektiven sichtbar sind.

Und dennoch, wenn ich an die großen Designevents in Mailand oder Kopenhagen denke, dann sehe ich in der Designindustrie nur wenig und langsame Veränderung.
Das stimmt. Aber auch hier gibt es Fortschritt, zum Beispiel Nora Fehlbaum als erste CEO bei Vitra, jetzt ist sie Vorstandsvorsitzende. Ich frage mich, ob die Vorherrschaft von Männern in Führungspositionen auch daran liegt, dass viele Möbelhersteller familiengeführte Unternehmen sind oder bis vor Kurzem waren. Ich denke, wir sollten uns auf die positive Veränderung konzentrieren. Dass zum Beispiel Hella Jongerius aktuell eine große Retrospektive im Vitra Design Museum hat. Sie ist eine der einflussreichsten Designerinnen der letzten Jahrzehnte. Und es ist das erste Mal, dass das Museum einer Frau eine Ausstellung widmet.

Und wenn wir zurück in die Geschichte blicken, welche Person hätte mehr Aufmerksamkeit verdient?
Eine historische Innenarchitektin, die ich – und andere auch – besonders schätzen, ist Lilly Reich. Sie war eine außergewöhnliche Frau, die es schaffte, auf einem sehr hohen Niveau zu arbeiten. Sie wurde als erste Frau in den Vorstand des Deutschen Werkbunds berufen. In den 1920ern und 1930ern war sie sehr einflussreich. Ihre Projekte, besonders die großen Ausstellungen für die Industrie, waren außergewöhnlich – das berühmte Café Samt und Seide für den Verein der Deutschen Seidenwebereien! Wir wissen, dass sie Mies van der Rohes Geliebte war, und dass sie jahrelang zusammenarbeiteten, aber sie bekam nie die Anerkennung, die sie verdient hätte. Der Gipfel der Missachtung ist für mich der Barcelona-Pavillon. Nicht nur wurde der Pavillon lange nur Mies zugeschrieben – Lilly Reichs Name war in der Pressemitteilung falsch geschrieben, sie wurde lediglich als „Decorator“ bezeichnet. Sie wurde weder zur Pressekonferenz noch zum Eröffnungsdinner eingeladen. Sie wurde komplett marginalisiert.

Es heißt, das Interiordesign hätte die letzten 20 Jahre gelernt, Aufmerksamkeit zu erzeugen. In den kommenden 20 Jahren müsse es beweisen, dass es auch Verantwortung übernehmen kann. Weiß das die Disziplin auch über sich selbst?
Ich denke, viele Designer*innen wissen das. Zum Beispiel Ilse Crawford, die enorm einflussreich ist. Sie hat in London eine Gemeinschaftsküche gestaltet, in der arme und obdachlose Menschen Essen bekommen – ein wunderschöner Ort. Ilses Prinzip war, dass alles gestaltet werden musste – so nachhaltig wie möglich, aber auch von höchster Qualität. Als sie einmal dort zu Besuch war, kam einer der jungen Männer, die dort essen, zu ihr und sagte: „Mir gefällt es hier, weil man sieht, dass sich jemand gekümmert hat.“ Jede Designerin und jeder Designer wäre stolz, das zu hören.

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