Menschen

Sinn für Leichtigkeit

Das Designerduo Patrick Pagnon & Claude Pelhaître im Gespräch

Mit modischen Dingen haben Patrick Pagnon und Claude Pelhaître nicht viel am Hut. Sie entwerfen lieber Dinge, die auch morgen noch relevant sind. Kennengelernt haben sie sich beim Studium an der Pariser École Nationale Supérieure des Arts Décoratifs (ENSAD). 1979 gründeten sie ihr gemeinsames Designbüro an der Seine. Seit 1995 entwickeln sie Möbel für den Hersteller Ligne Roset und haben sich dabei auf Schranksysteme spezialisiert. Mit Dita System ist nun ein weiteres Programm aus der Zusammenarbeit hervorgegangen. Ein Gespräch über die Kunst der Aufbewahrung.

von Norman Kietzmann, 27.09.2023

Regale und Schränke sind ambivalente Objekte: Niemand möchte sie, doch alle brauchen sie. Worauf kommt es bei deren Gestaltung an?
Claude Pelhaître: Weil die Menschen heutzutage sehr schnell umziehen, ist es wichtig, dass Aufbewahrungsmöbel mobil sind. Denn man will sie ja nicht zurücklassen. Um sie leicht abbauen und transportieren zu können, müssen sie modular aufgebaut sein. Ein anderer Punkt ist, dass Schränke und Regale nicht mehr fest mit den Wänden verbunden werden, sondern auch frei im Raum stehen können. Das bedeutet, dass es bei diesen Objekten verschiedene Richtungen gibt. Schubladen und Türen sollten sich zu beiden Seiten öffnen, was man leider immer noch selten sieht.

Patrick Pagnon: Die Bravour besteht darin, ausgewogene Kompositionen mit vollen und leeren Volumina zu schaffen. Das ist die Stärke von Systemmöbeln. Weil Wohnungen heute immer kleiner werden, müssen auch die Möbel kleiner werden. Aufgrund der Modularität lassen sich dennoch größere Kompositionen aus ihnen gestalten. Nur weil ein Möbel kompakt ist, heißt das nicht, dass es keine Qualität braucht. Im Gegenteil: Die Aufmerksamkeit für die Verarbeitung von Scharnieren, Griffen oder Oberflächen wächst.

Worin liegt der Vorteil, nicht in Einzelstücken, sondern in Systemen zu denken?
Claude Pelhaître: Die Möbel sind nicht festgelegt, sondern können sich weiterentwickeln und flexibel an die Inneneinrichtung anpassen. Das gilt für die Proportionen und Dimensionen des jeweiligen Raums. Aber ebenso auf farblicher Ebene, um ein Möbel auf eine Wand oder einen Teppich abzustimmen. Auch wenn Systembausteine industriell gefertigt werden, lassen sich aus ihnen individuelle Anwendungen gestalten.

Patrick Pagnon: Es geht dabei auch um Verantwortung. Kastenmöbel halten oft vierzig, fünfzig Jahre, mitunter noch viel länger. Diese Lebensdauer vorauszusehen, ist Teil des Designs. Wir müssen heute vorsichtiger mit den Ressourcen umgehen als früher. Mit dem Minimum an Material braucht man keine schweren Sachen zu machen. Das ist sehr wichtig. Und dann gilt es, Formen zu finden, an denen man sich nicht allzu schnell sattsieht. Die Möbel sollen ein Teil der Alltagskultur sein, damit sie gepflegt, erhalten und nicht vorschnell weggeworfen werden. Kurzum: Wir brauchen Leichtigkeit und Ökonomie – auf allen Ebenen.

Sie haben vor allem für das Unternehmen Ligne Roset viele Systeme entworfen.
Patrick Pagnon: Das stimmt. Wir sind bei Ligne Roset über die Jahre ein wenig zu Spezialisten für Programme geworden. Dazu gehören natürlich immer zwei Seiten. Wenn man für eine Marke arbeitet, gibt es eine Übereinstimmung zwischen dem, was wir als Designbüro mögen und der Handschrift und dem Stil des Verlegers, in diesem Falle von Ligne Roset. Man muss das richtige Gleichgewicht finden. Unsere Rolle als Designer liegt also darin, uns ein bisschen anzupassen und dennoch unseren eigenen Geist zu bewahren. Diese Form des Dialogs ist sehr wichtig.

Ihr jüngster Neuzugang ist das Programm Dita. Worin liegt seine Besonderheit?
Claude Pelhaître: Es ist ein Programm, das mehrere Funktionen und Typologien in sich vereint. Im Grunde ist es die Weiterentwicklung einer anderen Arbeit. Wir hatten für Ligne Roset bereits das Tisch- und Konsolenprogramm Space gestaltet, bei dem die Ablagen von feingliedrigen Metallrahmen angehoben werden. Daraus ist dann die Idee für ein kleines Regal entstanden. Und aus dem Regal wurde zunächst das Programm Dita und schließlich die Erweiterung Dita System entwickelt  das neben Regalen auch Schränke, Sideboards, Nachttische, Sekretäre und TV-Möbel umfasst.

Patrick Pagnon: Das Programm ist sehr architektonisch. Die Schränke und Regale können Übergänge begleiten, zum Beispiel eine Verbindung vom Wohnzimmer zum Esszimmer herstellen. Kastenmöbel wurden früher an eine Wand gestellt. Dita System haben wir bewusst so konzipiert, dass sich die Fächer in zwei Richtungen öffnen lassen. Die Rückseite ist genauso schön wie die Vorderseite. Hier geht es um die Doppelfunktion, Aufbewahrung und Raumteiler miteinander zu verbinden. Doch es geht auch um Ruhe. Es ist schön, wenn ein Möbel im Schlafzimmer mit dem im Wohnzimmer korrespondiert.

Auffällig sind die filigranen Konturen des Metallgestells.
Claude Pelhaître: Wir haben als Basis ein Trägergerüst von 15 mal 15 Millimeter breiten Vierkant-Rohren aus Aluminium gewählt. Ganz bewusst haben wir uns für ein Bronzefinish entschieden, damit die Möbel in allen Wohnräumen zum Einsatz kommen und nicht wie Büromöbel aussehen. Die minimalistische Sprache des Systems erlaubt es, mehrere Korpusse aneinander zu fügen. So kann man erst einmal mit einem Modul anfangen und es später immer mehr erweitern – in Länge, Höhe, Breite, Funktion und Farbe.

Man könnte sagen, es ist wandelbar wie ein Chamäleon?
Claude Pelhaître: Ja, das Interessante an diesem Programm ist, dass es sich an die jeweilige Lebensweise ebenso anpasst wie an den Einrichtungsstil. Früher haben wir nur wenig mit Farbe gearbeitet. Bei Dita System gibt es nun eine Auswahl von sechzehn Farben für die lackierten Holzfronten, darunter Ziegelrot, Kupfer, Senfgelb, Lavendelblau, Elefantengrau oder Mahagonibraun. Die Töne wirken sehr warm, sind sehr gesättigt. Manche sind von den Siebzigerjahren beeinflusst, die ja gerade bei Möbeln wieder sehr gefragt sind. Es ist wichtig, die Palette mit der Zeit immer weiter zu entwickeln, ohne jedoch allzu extrem zu wirken.

Worin besteht der kniffligste Moment beim Entwerfen?
Patrick Pagnon: In der Kommunikation einer Idee. Man kann eine sehr schöne Zeichnung machen von einem Möbelstück, das nicht so toll ist. Umgekehrt kann man eine nicht so tolle Skizze anfertigen von einem Objekt, das grandios wird. Die ganze Arbeit besteht also darin, das, was man im Kopf hat, zu transkribieren, um es anderen Personen verständlich zu machen. Das ist wie bei der Architektur. Der Unterschied ist nur, dass ein Architekt eine einzige Person oder eine einzelne Jury überzeugen muss. Denn ein Gebäude ist ein singuläres Objekt. Aus Designsicht würde man sagen, es ist ein Prototyp. Bei einem Möbel ist es anders. In einem Geschäft muss es Tausenden von Menschen gefallen, die alle sehr unterschiedliche Geschmäcker haben und in anderen Stilen wohnen. Es ist jedes Mal ein Akt, Person für Person von diesem Möbelstück zu überzeugen.

Claude Pelhaître: Ein Architekt kann sagen: Das ist meine Architektur. Und dann ist das so. Im Design gibt man häufig einen Rahmen vor, in dem sich die Inneneinrichter, aber auch die Kunden durch Farben, Formen und Funktionen ausdrücken können. Für uns Designer bedeutet das, loslassen zu können. Das ist ein wenig wie bei einem Kind, das irgendwann das Haus verlässt. Man muss Möbel ihr eigenes Leben leben lassen.

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Ligne Roset

Fertigungsstandorte von Ligne Roset mit ca 800 Mitarbeitern. 95% der Sitz-, Kasten-, Kleinmöbel und Accessoires werden hier gefertigt. Das seit 1860 bestehende Familienunternehmen exportiert in 5. Generation weltweit in 70 Länder und begeistert überall Menschen für hochwertige französische Möbel. Anspruchsvolle und zeitlose Ästhetik prägen die Marke sowie ein hohes Maß an Innovation und Kreativität. Möbel von Ligne Roset werden im gehobenen stationären Handel, in Exklusivgeschäften sowie über einen eigenen Onlineshop vertrieben. Darüber hinaus sind Hotels, Sternerestaurants, Kreuzfahrtschiffe und Luxusboutiquen ein wichtiges Geschäftsfeld.

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