Projekte

Ein Fort in Bewegung: Wohnen in Knokke

Radikal mit Feingefühl: denkmalgerechter Umbau von Govaert & Vanhoutte in Belgien.

von Markus Hieke, 01.03.2017

Je komplexer die historischen Schichten, desto herausfordernder wird der Umgang mit dem Bestand. Das Büro Govaert & Vanhoutte hat im belgischen Küstenort Knokke den Umbau eines Bauernhofs realisiert, der einst Teil einer Festungsanlage war. Dass das Wohnhaus mit angrenzendem Gästehaus alles andere als behutsam restauriert wirkt und doch den Denkmalauflagen entspricht, ist dem Feingefühl zu verdanken, das die Architekten im Zuge früherer Projekte entwickelt haben.

Der Ort trägt Geschichte in sich. Errichtet 1784, zeugen die Überreste der Festungsanlage Hazegras im Norden Belgiens von der österreichischen Herrschaft in Flandern und den Konflikten mit den angrenzenden Niederlanden. Seinerzeit ließ König Joseph II. das Fort zur Sicherung der gerade neu angelegten Polderdeiche und Schleusen dieser Küstenlandschaft errichten. Von der nahegelegenen Landesgrenze aus erstreckt sich die Anlage über einen Großteil der heutigen Gemeinde Knokke-Heist. Noch immer ist der Festungswall als leichte Erhebung erkennbar. Nur beschützt werden müssen die Drainageschleusen nicht mehr. Nach dem Ende der Spannungen zwischen Belgien und den Niederlanden wurden 1839 Teile der Festungsgebäude in Bauernhäuser umgewandelt.

Denkmalgerecht in die Zukunft
Eines dieser mittlerweile denkmalgeschützten Häuser steht auf dem Hof Burkeldijk, den Benny Govaert und Damiaan Vanhoutte mit ihrem Büro aus Brügge nun zu einem Komplex aus Wohn- und Gästehaus umgebaut haben. Im Haupthaus wohnen die Bauherren selbst, in der angrenzenden Scheune ist eine Ferienunterkunft untergebracht. Die beiden vorhandenen Backsteinbauten wurden um zwei Anbauten erweitert, die im Querschnitt die Form des Bestands zitieren. Im Kontrast zu diesen tragen die Erweiterunsgbauten bis übers Dach hinweg eine Struktur aus filigranen Afrormosia-Balken, einem besonders harten und seltenen Tropenholz.

Im so neu entstandenen Nordteil des U-förmigen Wohnhauses sind Büroräume untergebracht. Um den privaten Hof herum ordnen sich ebenerdig, innerhalb des alten Gemäuers das Wohnzimmer, eine offene Küche mit Essbereich, eine große Speisekammer, ein Lesezimmer sowie ein Gäste-WC an. Erhalten gebliebene kleine Schießscharten in der Südostfassade erinnern an den Ursprung des Gebäudes, während großflächige Terrassenfenster auf der Südwestseite den Bau mit viel Tageslicht versorgen. In der Höhe der Fenster greifen die Architekten die Spuren des vorherigen Umbaus auf: den Übergang von rotem zu gelbem Ziegelstein infolge einer Aufstockung. In das Obergeschoss führen zwei Treppen: eine im alten Gebäudeteil, in dem sich vier Schlafzimmer mit jeweils eigenem Bad befinden, und eine im neuen, der als Dachboden dient.

Keine Festung ohne Geheimgänge
Durch einen neu angelegten Tunnel im Kellergeschoss gelangt man hinüber zum Scheunengebäude, dessen zwei zueinander versetzten Flügel ebenerdig durch einen Flur verbunden sind. Neben einer Werkstatt und der Garage befindet sich im alten Gebäudeteil der Zugang zum Highlight des Ensembles: einem Poolhaus, das sich entlang der Südwestseite des Neubaus erstreckt – von außen kaum ersichtlich, da es bündig in das Volumen eingefasst wurde. Zudem lässt sich die Glasfassade zum Hof hin hinter beweglichen Holzelementen verbergen. Im Erdgeschoss des neuen Teils befindet sich daneben ein durchgängiger, großer Küchen-, Ess- und Wohnbereich. Im Obergeschoss beider Flügel liegen die Gästezimmer mit jeweils eigenem Bad: vier im alten und drei im neuen Teil.

Reflexion des Exterieurs
Das archetypisch definierte Äußere lassen Govaert & Vanhoutte vom Interieur reflektieren. Die Hausherren selbst mögen es karg mit gekonnt gesetzten Akzenten. Neben dem grauen Terrazzoboden stehen die sämtlich hellgrau verputzten Wände im Zusammenspiel mit den hellen Holzfronten, hinter denen sich im gesamten Haus Einbauschränke verbergen. Trotz roh anmutender Details wie der Kücheninsel mit Betonarbeitsfläche wirkt das dennoch alles andere als kühl – auch dank der eklektischen, aber sparsamen Auswahl der Möblierung. Da trifft der schwarze Massivholztisch in der Küche auf Achille Castiglionis Bogenleuchte Arco im Wohnzimmer oder den Eames Lounge Chair in der Bibliothek, daneben weich gepolsterte, graue Sofas.

Wer ein Baudenkmal dieses Formats antastet, muss Mut für die Konfrontation von Ursprünglichem und Zeitgemäßem mitbringen. Govaert & Vanhoutte profitierten von ihrer Erfahrung aus fünf ähnlichen Projekten in Westflandern. Nicht nur die funktionale Transformation, sondern auch die Befreiung, Wiederherstellung und Neuordnung der Relikte atmeten eine „Atmosphäre des Respekts und klarer Militärpoesie“, so die Architekten. Details wie die Sockelbeleuchtung an den aus dem Ersten Weltkrieg erhaltenen Backsteinbunkern zeigen, wie simpel sich Zeugen vergangener Zeiten in ein modernes Gesamtbild einbinden lassen.

Links

Projektarchitekten

Govaert & Vanhoutte Architects

www.govaert-vanhoutte.be

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