Stories

Best-of Salone del Mobile

Eine stille Retrospektive auf die Mailänder Möbelmesse

Es ist Mitte April 2021 – und damit beginnt das zweite Jahr ohne Messen und Festivals, Ausstellungen und Designevents, das ohne sichere Prognosen in den Startlöchern steht. Seit vierzehn Monaten verharren die Designszene und die Möbelindustrie mehr oder minder im Stillstand und versuchen, sich sowohl eine Normalität als auch eine positive Perspektive zu bewahren. Auch wir halten inne, hoffen auf den Herbst, sind gleichsam nostalgisch – und wagen einen Rückblick auf unsere letzten anderthalb Jahrzehnte Milano.

von baunetz id, 12.04.2021

Es wäre eigentlich der 60. Geburtstag der Mailänder Möbelmesse. In Galerien und Showrooms würde uns der Status quo der internationalen Designszene gespiegelt, stattdessen werden wir zu Zoom-Calls und Online-Präsentationen eingeladen. Wir sitzen in unserem optimierten Homeoffice eine erzwungene Schweigewoche aus. Seit anderthalb Jahrzehnten begleitet die Redaktion von baunetz interior|design die Messe. Was hat uns bewegt, was waren die aktuellen Zukunftsthemen – und was wurde durch die Pandemie vielleicht in einen Fast-Forward-Modus katapultiert? Da waren Finanzkrise, Nachhaltigkeit, Globalisierung, individuelle Flexibilität, die Auflösung klar definierter Wohnzonen, die Renaissance des Handwerks und natürlich Instagram. Die Rückschau zeigt, wie sich Tendenzen langsam abzeichneten, um sich dann fest im Selbstverständnis zu verankern. Wir haben unsere Eindrücke aus den letzten Jahren anekdotisch zusammengetragen und dokumentieren damit sowohl einen Zeitstrahl als auch eine langsame Evolution.

2007 – Wesen aus einer anderen Zeit
Ein wenig Sixties hier, eine ganze Menge Eiche dort, modulare Systeme versus Solitäre. Das Naturthema, das bereits in den letzten Jahren mit viel Holz und Leder bestimmend war, ist nach wie vor präsent. Doch mehr und mehr kommt neben der Rückbesinnung auf natürliche und zugleich beständige Materialien ein ganz anderer Aspekt hinzu: die Wiederentdeckung der Natur durch ihre gleichzeitige Entfremdung. Dabei steht weniger der Gedanke im Mittelpunkt, die Natur mittels ökologisch sinnvoller Entwürfe zu schützen – sondern vielmehr die Idee, ein Ambiente zu schaffen, das diese imitiert. Das Verschmelzen von Gegensätzen, Tradition und High­tech, Gegenwart und Vergangenheit, sucht einen Ausweg aus der hölzernen Schwere. Es bleibt abzuwarten, welchen Weg dabei die Digitalisierung, sei es in der Imitation von Natur, ihrer ironischen Brechung oder schlussendlich blanker Dekoration, nehmen wird. Norman Kietzmann

2009 - Wetterfest
Die Wolken sahen düster aus, am ersten Morgen des 48. Salone Internazionale del Mobile. Und fast schien es, als sollte der Regen – sonst ein regelmäßiger Begleiter der weltgrößten Möbelschau – auch diesmal dazugehören. Ein Umstand, der bereits von vielen als Omen für die Messe selbst gelesen wurde, die sich nun in vollem Maße den Folgen der Krise zu stellen hatte. Wie ein Wunder klarte es plötzlich auf – und aus dem vermeintlichen Reinfall wurde ein lebendiges Event, das der Stimmung auf den Finanzmärkten eher trotzte, als sich ihr zu unterwerfen. Sie war alles in allem keine schwache Messe, diese 48. Ausgabe des Salone. Und doch hat sie das Design wieder ein Stück weit mehr entzaubert. Auch wenn mit limitierten Editionen und Ausflügen zum Handwerk die Nähe zur Kultur unterstrichen wird, erscheint das Design mehr denn je als kalkulierter, wirtschaftlicher Prozess. Die Produkte geben sich unterdessen als das, was sie sind: Sie sind Möbel. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. In ihnen Bedeutung zu finden, wirkt dagegen wie ein seltsam verstaubter Link aus postmodernen Tagen. Norman Kietzmann

2011 – Wenn Zugpferde scheuen
Mailand ist ein Kaleidoskop: Vor allem die junge Gestalterriege hat viel investiert, um überhaupt hier sein zu können. Eine junge Amerikanerin erzählt, wie sie ihre Kollektion, bestehend aus Regalen und ein paar Leuchten, bis nach Italien gebracht hat: in sechs Koffern und mit der Hilfe eines guten Freundes, der ihr zuliebe auf eine abwechslungsreiche Garderobe verzichtet hat. Andere haben in Kleinbussen in drei Tagen die Alpen überquert, um dann mit Zelt und Gaskocher auf einem Campingplatz abzusteigen. Die Erwartungen sind hoch. Prototypisches steht neben den Neuheiten der großen Firmen – die einen wollen gesehen werden, andere wollen sehen. Das Publikum absolviert dabei ein Programm, das sich vielleicht am besten mit „Design Crawling“ beschreiben lässt. Der Klassiker der Nebenschauplätze ist die Zona Tortona, die allerdings schon in den letzten Jahren von den Medien als längst passé gebrandmarkt wurde. Einst bejubelte Subkultur, verabschiedeten sich erst die Hipster, dann die großen Hersteller. Viele Besucher kommen nur noch fürs Festivalflair – als Spielplatz der Marketing-Strategen hat die Zona Tortona an Zugkraft verloren. Tanja Pabelick

2013 – Neue Nomaden
In einer Welt geprägt von Rollkoffern und Laptops etabliert sich eine neue Lebensart. Gestalter erschließen globetrottend fremde Kulturen und verändern die Designlandschaft mit fernab gefundenen Inspirationen. Für den Fuorisalone hat sich die niederländische Trendforscherin Lidewij Edelkoort auf eine Reise in die zeitgenössische Designszene begeben. Ihr Ziel war es, einer neuen Generation von Gestaltern zu folgen, die sich mit traditionellen Materialien, Formen und Herstellungsverfahren auseinandersetzt, um so zu neuen Objektentwürfen zu gelangen. Das Resultat war die Ausstellung Nomadismi, die eben dieses moderne Nomadentum als neuen Lifestyle verkündete. Und Objekte in Szene setzte, die stilistisch an traditionelle Nomadenkulturen erinnern, aber aus einer zeitgenössischen Mobilität hervorgegangen sind – in einer Ära, in der Beweglichkeit und Flexibilität zum globalen Selbstverständnis geworden sind. Katharina Horstmann

2015 – Schlümpfe im weißen Hemd
Die Gestalter der diesjährigen Neuheiten haben sich für zwei Extreme entschieden: Während die einen auf dekorative Oberflächen, Muster und viel Farbe setzten, wählten die anderen den Weg der Archaik. Indem ein allzu perfekter und durchkomponierter Auftritt zugunsten einer „primitiven“ Erscheinung aufgegeben wird, soll Bodenständigkeit suggeriert werden. Das selbstverliebte Über-Design weicht einem Anti- oder No-Design – was mit Humorlosigkeit nicht zu verwechseln ist. Was bleibt von dieser Messe, ist dennoch ein ambivalentes Gefühl. Zu ähnlich und zu austauschbar wirken viele Neuheiten, bei denen die immer selben Trendzutaten in einen Mixer geworfen wurden. Norman Kietzmann

2016 – Endstation Küche
Egal, wen man fragt, die Antwort gleicht einem Mantra: Die Küche wird zum Wohnraum – da sind sich Küchenmöbel- und Elektrogerätehersteller einig. Kaum verwunderlich also, dass an beinahe jedem Messestand ausufernde Wohnküchen aufgebaut waren, auch wenn die Wirklichkeit in den Wohnungen europäischer Großstädte anders aussehen dürfte. Man darf sich durchaus Gedanken machen, ob das in Mailand Vorgestellte den hochgesteckten wirtschaftlichen Zielen standhalten wird, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen. Zwar waren gerade bei den High-End-Herstellern viele Produkte zu sehen, die gut gestaltet und handwerklich auf höchstem Niveau gefertigt sind. Doch was zuweilen als Innovation verkauft wird, ist bei genauerem Hinsehen nicht mehr als alter Wein in neuen Schläuchen. Das ist auch insofern bedenklich, weil immer mehr Architekten und Tischler eigene Küchen entwerfen und fertigen, sich freimachen von der Industrie und so zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für die klassischen Küchenmöbelhersteller geworden sind. Ende gut, Küche gut? Nur bedingt. Claudia Simone Hoff

2018 – Art déco und Disco
Möbelmessen sind wie Zeitmaschinen. Selbst auf wenigen Quadratmetern Standfläche erlauben sie den Sprung von einer Dekade zur anderen. Auch beim Salone del Mobile 2018 wird die Gegenwart im Spiegel der Vergangenheit betrachtet. Anders als in den vorherigen Jahren hat sich der zeitliche Fokus jedoch verschoben. Anstatt unentwegt den Klassikern des Mid-Century-Designs zu huldigen, ist eine neue Lust am Art déco zu beobachten: jener schmuckreichen Epoche der Zwanziger- und Dreißigerjahre, die den Übergang zwischen Vor- und Nachkriegsmoderne markiert. Möbel, Leuchten und Objekte sollen nicht mehr nur mit rationalen Argumenten wie Langlebigkeit und Funktionalität überzeugen, sondern ebenso die Sinne stimulieren. Die Dinge des Alltags dürfen edler, schimmernder und verspielter sein, ohne damit ein schlechtes Gewissen bei ihren Besitzern heraufzubeschwören. Glamour und Dekoration sind keine Schimpfworte mehr, sondern erstaunlich ironiefreie Strategien zur Steigerung des häuslichen Wohlbefindens. Das Zuhause wird zu einem Ort, an dem nicht weniger, sondern mehr ganz einfach mehr ist. Norman Kietzmann

2019 – Kulissenzauber
Jedes Möbel hat eine Geschichte zu erzählen: sogar die Stücke, die gerade erst das Licht der Welt erblickten. Das Problem dabei: Es bleibt oft nur bei der Verpackung. Nicht das einzelne Produkt zählt, sondern allein die Welt, in die das Produkt eingebunden wird. Die Oberfläche ist vermöbelte Augenwischerei für Instagram, um von banalen Formen und Konstruktionen abzulenken. Den Herstellern fehlt es an Mut, eigene Statements zu setzen. Fast alle Möbelhersteller arbeiten mit denselben Designern. Diese werden im Jahrestakt durchgereicht und wissen irgendwann selbst nicht mehr, für wen sie gerade etwas entwerfen. Die Gruppe vermag Sicherheit versprechen. Doch die Marken und Designer verlieren damit an Profil und Haltung – was keineswegs egal ist. Es ginge auch anders. Norman Kietzmann

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