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Neue Spannungsfelder

Peter Fehrentz' Kollektion Oso für more

Eleganz und Kraft sind keine Widersprüche. Peter Fehrentz bringt sie mit seiner neuen Kollektion „Oso“ für more locker unter einen Hut. Die entscheidende Inspiration dafür lieferte ein gemütliches Wildtier. Ein Gespräch mit dem Hamburger Gestalter über räumliche Inszenierungen, ausgewogene Proportionen und darüber, warum Interieurs gute Zuhörer*innen brauchen.

von Norman Kietzmann, 05.06.2024

Möbel machen Räume. Doch manchmal ist es genau umgekehrt. Die Kollektion Oso von more entstand aus der Idee eines Fotoshootings heraus. Peter Fehrentz ist nicht nur als Designer für den Hamburger Möbelhersteller tätig. Auch die Bildsprache der Produktfotografie liegt in seinen Händen. Im vergangenen Herbst hatte er eine Location in Antwerpen gefunden: ein Penthouse in der 15. Etage eines von Diener & Diener entworfenen Hochhauses. Doch so schön und passend der Ort erschien: „Was es an Produktneuheiten gab, war irgendwie nicht das Richtige für diesen Ort. Daraus ist dann der Impuls entstanden, eine Kollektion zu entwickeln, die in diese Location passt“, sagt Peter Fehrentz.

Animalische Füße
Ganz bei null hat er nicht angefangen. „Da sind ganz viele Ideen eingeflossen, die ich schon im Kopf hatte, aber noch nicht in einen fertigen Entwurf übersetzt habe“, erklärt Fehrentz. So ersann er eine Kollektion, die Tisch, Schreibtisch, Konsole, Sessel und Stuhl umfasst, verbunden durch eine spezielle Grundform: ein Dreieck mit abgerundeten Ecken. Dieses bestimmt die Füße der Tische ebenso wie die gebogenen Armlehnen von Stuhl und Sessel. „Die Form der Beine hat mich ein wenig an die Tatzen eines Bären erinnert. Sie hat etwas sehr Kräftiges, sehr Stabiles. Daher auch der Name Oso, der im Spanischen ‚Bär‘ bedeutet“, so Peter Fehrentz. Worum es ihm geht: eine Veränderung der Proportion.

Neue Verbindungen
Die kräftigen Beine lassen die Tischplatten filigran erscheinen, obwohl sie eine stattliche Stärke von drei Zentimetern besitzen. An den Seiten sind die Tischplatten leicht gebogen – allerdings nicht zu rundlich, um immer auch eine deutliche Spannung auszustrahlen. Ein Wechselspiel aus massiven und filigranen Formen offenbaren die Stühle und Sessel. Deren Polsterelemente werden von feingliedrigen Stahlrohrgestellen angehoben, die Reminiszenzen an die Klassiker der Bauhaus-Zeit einweben. Die Stuhlbeine verlaufen vertikal, wodurch eine Rückkoppelung zu den säulenhaften Füßen des Esstischs entsteht. Das Motiv des Dreiecks mit gebogen Radien wird nicht einfach multipliziert, sondern stetig variiert.

Inszenierte Wohnwelten
„Die Entwürfe harmonieren miteinander. Zugleich sind sie sich nicht zu ähnlich. Wenn Gestaltungsmerkmale zu deutlich hervortreten, wird es schnell zu viel. Eine Kollektion wirkt dann schnell zu setartig“, erklärt Peter Fehrentz. Der gebürtige Bremer hat in Hildesheim Produktdesign studiert und anschließend als Stylist für verschiedene Wohnmagazine gearbeitet. Vom Setdesign ging es dann weiter zur Fotografie und schließlich zur Produktgestaltung – eine Kombination, durch die Produkt und Kommunikation ganz natürlich Hand in Hand gehen. „Womit ich mich im Wesentlichen in meiner Arbeit beschäftige, ist immer der ganze Raum. Vor allem die Interaktion vom kleinen Teil bis hin zu ganzen Rauminszenierungen finde ich sehr spannend. Deshalb ist mir das eigene Entwerfen dann auch so leicht gefallen“, sagt Fehrentz.

Vom Raum zum Bild
Er meistert den Sprung vom Zwei- zum Dreidimensionalen und wieder zurück. „Beim Gestalten habe ich immer im Hinterkopf, wie das Bild aussieht, das später davon entsteht. Und so richte ich auch Räume ein. Ich stelle mich immer wieder in jede Ecke und überprüfe, ob die Abfolge der Möbel aus Blickachsen ein Bild ergibt, was ich fotografieren könnte“, so das Hamburger Multitalent. Man könnte auch sagen: Seine Möbel haben keine Schokoladenseiten. Sie sollen aus allen Perspektiven heraus funktionieren. Ein treffendes Beispiel ist der Oso-Schreibtisch.„Die nierenartige Form ist aus dem Gedanken entstanden, dass ein frei im Raum stehendes Möbel multifunktional eingesetzt werden kann. Darum bezieht sich die runde Form auf keine Wand. Auf die Schreibtisch-typischen Schubladen habe ich verzichtet. So kann das Möbel nicht nur zum Arbeiten verwendet werden“, erklärt Peter Fehrentz. Der gebogene Tisch schmiegt sich um die Nutzer*innen herum und kreiert dadurch eine ganz andere Erfahrung: „Wenn man die Platte berührt und die Kurven mit den Händen abfährt, spürt man dieses massive Holz, das handwerklich sehr hochwertig verarbeitet wurde“, betont der Designer.

Harmonie und Vielfalt
Worin für ihn der Schlüssel zu einem guten Raum liegt? „Ich glaube, es ist wichtig, nicht zu viel auf einmal zu planen. Man setzt gewisse Gestaltungsparameter fest und tastet sich dann Stück für Stück voran. Wenn man das Interieur immer wieder betrachtet und quasi ein guter Zuhörer ist, ergeben sich wieder neue Dinge, die man vorher gar nicht so geplant hätte“, so Peter Fehrentz. Statt alles streng aus einem Guss zu planen, braucht es eine gewisse Offenheit, um andere Formen, Farben und Stimmungen zuzulassen und nicht in Starrheit zu verfallen. Genau das zeigt sich in der Oso-Kollektion: „Dahinter steht natürlich der Gedanke, möglichst viel miteinander zu kombinieren. Aber wenn es zu homogen ist, wird es schnell langweilig. Dann passt auch gar nichts anderes mehr dazu. Darum ist es wichtig, Spannungsfelder aufzubauen und Harmonien leicht zu brechen, ohne gleich chaotisch zu werden“, so der Hamburger Gestalter. Mit der Kraft einer vermöbelten Bärentatze ist ihm das gelungen.


Veranstaltungstipp: Die Oso-Kollektion wird auf dem Festival 3daysofdesign vom 12. bis 14. Juni in Kopenhagen präsentiert. Sie ist Teil der Ausstellung Design / Dialogue by Ark Journal im Pakhus 11 (Dampfærgevej 2), einem historischen Lagerhaus im alten Hafen der Stadt.

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