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Villen, Leuchten & Materialinnovationen

Unsere Highlights der Milan Design Week 2024 - Teil 1

So viel zu erleben gab es selten! Die diesjährige Mailänder Designwoche trumpfte mit einem Über­an­ge­bot an Veranstaltungen, Locations und Inszenierungen auf, die über die gesamte Stadt – und auch außerhalb des Zentrums – verteilt waren. Was beim Fuorisalone vielerorts zu sehen war: große Theatralik, eine Vorliebe für innovative Materialien, ein optimistischer Blick in die ungewisse Zukunft und versteckte Oasen, die die Möglichkeit boten, sich kurz vom Trubel zu erholen.

von Katharina Horstmann, May-Britt Frank-Grosse, Annette Schimanski, 22.04.2024

Pilgerfahrt in die Brianza
Die Milan Design Week hat sich noch nie so weit außerhalb der üblichen Vororte bewegt. In Varedo, einem knapp 20 Kilometer vom Mailänder Zentrum entfernten Städtchen in der Brianza, okkupierte die Ausstellungsplattform Alcova zwei architektonische Sehenswürdigkeiten. Dabei handelte es sich zum einem um die Villa Bagatti Valsecchi, eine Sommerresidenz aus dem 19. Jahrhundert. Zum anderen wurde die Villa Borsani bespielt, die in den Vierzigerjahren von Osvaldo Borsani erbaut wurde und heute als Archiv des Architekten und Mitgründers von Tecno dient. Über siebzig internationale Designlabels präsentierten in den beiden ehemaligen Wohnhäusern und deren Gärten ihre Produkte und Projekte. Neu war der Alcova Design Shop, in dem Entwürfe von etablierten sowie aufstrebenden Designer*innen zum Verkauf angeboten wurden.

Goldene Ernte
Noch innerhalb von Mailand, aber ebenfalls am Rande der Stadt, stellte der Londoner Materialexperte Dzek sein neues Projekt Flaxwood vor. Eine monumentale, vom Studio Arquitectura-G entworfene Treppe war mit Fliesen aus Leinöl verkleidet, die in Zusammenarbeit mit Christien Meindertsma entwickelt wurden. Dafür hat die niederländische Designerin das traditionelle Verfahren zur Herstellung von Linoleum adaptiert und ein noch nachhaltigeres und transparentes architektonisches Material geschaffen, das den natürlichen Ursprung des Linoleums authentisch widerspiegeln soll. Ziel des Projekts, das vom Bodenbelaghersteller Forbo technisch unterstützt wird, ist die Schaffung einer innovativen Produktionsplattform für vollständig rückverfolgbare und erneuerbare Linoleumfliesen, die lokal aus regional angebauten natürlichen Rohstoffen hergestellt werden.

In Nebelschwaden
Der tschechische Hersteller Lasvit zeigte im Innenhof des historischen Palazzo Isimbardi die Installation Re/Creation von Maxim Velčovský. Die Neuanschaffung eines großformatigen Glasofens ermöglichte die Produktion von bis zu fünf Meter hohen Glasflächen und -skulpturen. Diese bildeten im Rahmen der Architektur eine von Nebelschwaden eingehüllte Installation. Wie variabel die Oberflächengestaltung sowie die Formate des Materials sein können, war dennoch deutlich erkennbar. Rostbraune Elemente gaben den Glasobjekten, die die Bogenform des Säulengangs des Palazzo übernahmen, wortwörtlich einen Rahmen – und wurden so zu einer architektonischen Komponente innerhalb des historischen Raums. Eine reflektierende Fläche verstärkte zusätzlich das Gefühl von Weite und Größe. Die Holzspäne, über die Besucher*innen wandeln konnten, brachten einen Kontrast zu den restlichen Materialien ins Spiel. Das Projekt wurde schließlich mit dem Fuorisalone Award als eines der bemerkenswertesten Highlights der diesjährigen Designwoche ausgezeichnet.

Poesie des Lichts
Mario Tsai, der sein forschungsbasiertes Designbüro 2014 in Hangzhou gegründet hat, sorgt seither mit innovativen, nachhaltigen Produkten, Installationen und Ausstellungen für Aufsehen. Im vergangenen Dezember wurde er von der Online-Plattform Dezeen als „Designer des Jahres 2023“ ausgezeichnet. In Mailand stellte Tsai im Untergeschoss des Möbelgeschäfts Spotti ein neues Projekt aus: das Ergebnis einer Forschungsarbeit zum Thema Soft Power. Durch das Experimentieren mit technischen Möglichkeiten, Materialien und Produktionsprozessen entstanden die Kollektionen Sparks und Soft. Mario Tsai konnte auch in diesem Jahr wieder eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass die Ergebnisse aus Ingenieurwissenschaften durchaus einen poetischen Charakter haben können.

Metaphysische Kontraste
Basierend auf einer Idee des Gucci-Kreativdirektors Sabato De Sarno kuratierten der Designer Guillermo Santomà und die Kommunikationsstrategin Michela Pelizzari im Mailänder Flagship-Store der Luxusmarke eine kleine, aber immersive Ausstellung. Fünf Designklassiker aus dem vergangenen Jahrhundert, unter anderem gestaltet von Nanda Vigo, Gae Aulenti und Tobia Scarpa, wurden in Rosso Ancora, einem für Gucci typischen Dunkelrot, neu aufgelegt. In einem Raum, der komplett mit neongrünem Teppich ausgekleidet war und nur sanfte, abgerundete Kanten aufwies, wurden die Objekte inszeniert. Die Sichtbezüge und der Verzicht auf scharfkantige Formen erzeugten ein fließendes Raumgefühl, in dem die Produkte sofort ins Auge fielen und einen starken Kontrast bildeten. Jedes Stück konnte so seine Wirkung ohne Grenzen entfalten und schien im neongrünen Kosmos zu schweben.

Lesen Sie den zweiten Teil unserer Highlights der Milan Design Week 2024: ZIRKULÄRES, ERHELLENDES & ENTSPANNENDES

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