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20 Jahre Smart Home

Ein Rückblick mit Hans-Jörg Müller von Gira

Das Jahr 2000 markiert den Startschuss für erste Smart-Home-Projekte. Als Pionier mit dabei: Gira. Damals waren die Server für digitale Gebäudetechnik groß und teuer – eine Sache für luxuriöse Häuser und Villen. Heute gewinnen Smart-Home-Lösungen an Normalität, sogar Studentenwohnungen werden intelligent. Hans-Jörg Müller, Leiter Produkt und Design bei Gira, blickt auf 20 Jahre smartes Home zurück und erklärt, warum es bei zunehmender High-End-Technik nicht nur um Komfort und Sicherheit geht, sondern auch um Emotionalisierung.

von Kathrin Spohr, 02.11.2020

Laut Wikipedia rücken um die Jahrtausendwende erstmals Smart-Home-Projekte ins Licht der Öffentlichkeit. Wo stand Gira im Jahr 2000?
Ich würde Gira als Pionier im Bereich Smart Home bezeichnen! Wir hatten unseren ersten Home Server gelauncht. Ein großes, teures Gerät für Objekt und luxuriöse Villen, wo man erstmals Jalousie, Heizung, Licht miteinander vernetzen konnte. Diesen Home Server gibt es immer noch. Wir haben ihn 20 Jahre lang weiterentwickelt. Er ist bis heute unser Produkt für gehobene Wohnbereiche, natürlich mit anderer Hard- und anderer Software. Ergänzt wird der Home Server aktuell um die Serverplattform X1, die auch in kleineren Wohneinheiten eingesetzt wird.

An welchem Produkt lässt sich die Entwicklung von Gira seit 2000 exemplarisch am besten ausmachen?
Anhand der Serverplattformen. Früher war Smart Home ein Luxus-Thema, heute bieten wir Smart-Home-Lösungen für „normale“ Wohnungen und sogar für Studentenwohnungen an. Smart Home geht also in die Breite. Damit kommen neue Ansprüche: Der Preis, die Flexibilität spielen eine große Rolle.

Hat man im Jahr 2000 beispielsweise ein Haus aus den Achtziger-, Neunzigerjahren übernommen, dann war die Elektroinstallation völlig veraltet – ohne das Haus in Schutt und Asche zu legen, auch nicht veränderbar. Das ist heute anders. Der Einstieg ins Smart Home ist auch der Einstieg in eine flexible, multifunktionale Gestaltung im Haus. Und das haben wir in den letzten 20 Jahren kontinuierlich weiterentwickelt.

Ein Vergleich: Beschäftigt sich Gira heute mehr mit dem Thema Smart Home als mit dem Design von Schaltern? Die Pionierarbeit im Bereich Smart Home hat damals schon sehr viel Kraft erfordert. Analog zum Unternehmenswachstum ist dieser Bereich jedoch proportional gewachsen. Denn allein die Verknüpfungen nehmen zu: Heute steuert man nicht nur mit den Bedieninstrumenten im Haus, sondern auch von außen über die Smart-Phone-App, deren Entwicklung sehr dynamisch ist. Der Programmierungsaufwand ist erheblich größer geworden.

Gira ist ein Unternehmen, das einerseits für Designklassiker und damit für Konstanz in Produkt und Design steht. Gleichzeitig befindet sich Gira im Bereich Smart-Home-Technologie an vorderster Front, also in permanenter Transformation. Wie schafft man einen solchen Spagat?
Indem man es als Harmonisierung von Design und Technik versteht. Wir sind stets in Kontakt mit den verschiedenen Zielgruppen und hören zu: Die Menschen wünschen heute einen Mix aus High- und Lowtech. Wer nach Haus kommt, möchte im Eingangsbereich seines intelligenten Zuhauses nicht als erstes einen Display berühren. Stattdessen zwei, drei „konventionelle“ Schalter, wo smarte KNX-Technik hinterlegt ist, um ganz einfach eine vorprogrammierte Coming-Home-Szene abzurufen. Eine, die gegebenenfalls auch von Kindern, Großeltern oder der Reinigungskraft bedient werden kann.

2000 war es noch angesagt, möglichst viele eingebaute Touchscreens im Interior zu haben. Heute sind die Bedieneinheiten in der Regel ein Mix aus konventionellen Schaltern, Tastern, Touchbedienungen von Displays und Apps. Diese Verschmelzung lässt sich auch demographisch ablesen. Während sich noch um die Jahrtausendwende das Retirement im Alter zwischen 55 und 60 Jahren eingestellt hat, sucht diese Altersgruppe heute nach Veränderung: Es werden kleine Häuser gebaut, Wohnungen gekauft. Dort ist dann ein Komfort gewünscht, der unkompliziert bedienbar ist. Genau das bietet Gira nicht zuletzt auch mit einem durchgängigen Interfacedesign, das auf allen Geräten und Apps die gleichen Icons, Colorcodes etc. präsentiert.

Wo liegen die ästhetischen Unterschiede zwischen 2000 und heute?
Die farblich und formal lauten, „crazy“ Designs sind out. Seit 2000 bereits setzt Gira gestalterisch immer mehr auf Zurückhaltung. Bei konventionellen Schaltern sind derzeit Grundformen angesagt. Während 2000 noch Edelstahloberflächen beliebt waren, sind heute Lackierungen in matt Weiß, matt Schwarz, mattem Betongrau gefragt. Integration ins Interior lautet der Trend der Stunde!

Ihr neuer Imagefilm spricht davon, dass Gira „Gefühle installiert“. Vor 20 Jahren hätte man diese Aussage wahrscheinlich nicht verstanden. Welche Idee bzw. welcher Wertewandel steckt dahinter?
Beispiel Home Server: Als dieser vor 20 Jahren auf den Markt kam, war er sowohl für den Installateur als auch für den Kunden eine wahre Herausforderung. Technisierung stand im Vordergrund. Da hat Gira sich gewandelt. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, wertige Produkte zu gestalten, die sich schön integrieren und in der Usability extrem nutzerfreundlich sind. Und so ist diese Aussage zu verstehen: Es geht nicht um die Präsentation von Hightech, sondern um das Wohlfühlen basierend auf Technik, um ein Leben im freundlichen Miteinander. Mehr als früher werden Gira-Produkte zum Bestandteil des häuslichen Alltags. Also haben unsere Produkte heute schöne Designs und Features, die einfach zu bedienen sind. So machen Gira-Produkte viel mehr Freude, sie emotionalisieren!

Wenn die Bedienbarkeit immer einfacher wird, wie steht es mit der Installation vom Smart Home? Wird es ein Plug & Play geben?
Vor zwanzig Jahren haben wenige Systemintegratoren die Home Server programmiert. Mittlerweile wird dies von KNX zertifizierten Betrieben, also ganz normalen Installateuren übernommen. Bei 230 Volt ist Sicherheit maßgeblich, daher wird auch künftig ein Fachbetrieb dazu nötig sein. Aus der App heraus können die User später jedoch einfache Umprogrammierungen vornehmen. Dennoch: KNX ist kein Plug and Play!

Gira beschreibt sich als Zukunftsgestalter. Wie sieht unsere Zukunft Ihrer Meinung nach aus?  Systemstandards werden künftig essentiell sein. KNX beispielsweise ist ein Standard, zu dem mittlerweile etwa 1.000 Hersteller mit 100.000 Produkten gehören. Alle dort zertifizierten Produkte sind automatisch miteinander vernetzbar – egal ob Display, Tastsensor oder intelligente Steckdose. Das macht Sinn, steht jedoch gerade erst am Anfang. Zwar werden überall neue Smart Home Produkte präsentiert. Diese funktionieren aber nicht miteinander. Die meisten sind proprietäre Einzellösungen, die in der Welt einer einzigen Brand bleiben, sodass man in einzelnen Systemwelten gefangen ist. Ich glaube, dass sich die Standardwelt noch weiter etabliert und auf viele Gewerke ausweitet. Und dann werden die smarten Möglichkeiten für Endverbraucher und Architekten in Gebäuden, Facilities und Homes ungleich größer.

Wo wird Gira in 20 Jahren stehen?
Smart Home ist heute noch ein relativ kleiner Anteil, der aber rasant wächst: Wir werden die Kombination aus konventionellen Schaltern und Smart Home weiter ausführen. Die Dinge werden einfacher, komfortabler, schöner, emotionaler stattfinden können. Gira möchte Teil dieser neuen Wohlfühlatmosphäre sein und sich dahingehend weiterentwickeln.

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