Menschen

Der Charaktermöbel-Macher

2000-2020: Leo Lübke von COR im Gespräch

Die nordrhein-westfälische Möbelmanufaktur COR ist bekannt für anspruchsvolle Wohn- und Büromöbel. Seit 25 Jahren lenkt Leo Lübke die Geschicke des Unternehmens, das sein Vater 1954 gegründet hat. Ein guter Zeitpunkt, um zurückzublicken – und nach vorne. Ein Gespräch über Unternehmeraufgaben, Chrom und weißes Leder sowie über demokratisches Design.

von May-Britt Frank-Grosse, 01.12.2020

Wir sitzen im COR Haus in Rheda-Wiedenbrück, dem Showroom des Familienunternehmens, das neben den aktuellen Kollektionen für Wohnraum- und Büromöbel auch eine Ausstellung der Produkte aus sieben Jahrzehnten Unternehmensgeschichte beherbergt. Genau der richtige Ort, um mit Leo Lübke über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Wohnens und Arbeitens zu sprechen.

Herr Lübke, Sie sind seit 1995 Geschäftsführer der Marke COR. Welche Herausforderungen stellten sich Ihnen damals?
Eine der Herausforderungen, als junger Mensch ein Unternehmen zu übernehmen, bestand darin, dass man natürlich einiges ändern möchte. Und es wird auch erwartet, dass ein Unternehmen durch einen jungen Geschäftsführer eine Art Frischzellenkur erfährt. Auf der anderen Seite wollte ich aber auch die guten Dinge erhalten. In manchen Unternehmen muss man eine Revolution starten, um etwas aufzubrechen. Das war glücklicherweise bei COR nicht der Fall.

Mit welchen Designern haben Sie damals zusammengearbeitet?
Ich habe mit vielen Designern weitergearbeitet, mit denen mein Vater schon gearbeitet hatte. Zum Beispiel mit Peter Maly, der Ende der Sechzigerjahre bei uns anfing. Er hat später neben Möbeln auch Messestände für uns entworfen und viele Produktionen begleitet. Wir haben ihm viel zu verdanken. Trotzdem habe ich versucht, auch jüngere Designer an Bord zu holen. Holger Janke etwa, er entwarf den Stuhl Fino. Oder kressel + schelle aus Hamburg, die den Trinus-Sessel entwickelten. Der Sessel ist immer noch in unserer Kollektion. Etwas später begann die Zusammenarbeit mit Studio Vertijet und jehs + laub.

Welchen Stil vertrat die Einrichtungsbranche Ende der Neunzigerjahre?
Dazu muss man weiter zurückblicken. Auf alten Reklamefotos wird es offensichtlich: In den Fünfzigerjahren saßen die Menschen streng und fein auf kleinen Cocktailsesselchen. In den Siebzigerjahren wurde das Design dann lässig und üppig. Es strahlte aus: Uns gehört die Welt – und der Mond. In den Achtzigerjahren kehrte das Thema Bauhaus kritisch zurück. Eine Befreiung von der Funktionalismusdebatte vollzog sich. Statt „less is more“ hieß es jetzt „less is war“ und „form follows fun“. Doch was als Manifest der Memphis-Gruppe gedacht war, entwickelte sich rasch zu einer Modeströmung. Unter diesem Bunten, Üppigen, zu Verspielten und fast Mickymaushaften haben wir lange gelitten. Es war bald nicht mehr zu ertragen. Und dann kamen die Neunzigerjahre. Sie waren geprägt von Reduktion und Designern wie Jasper Morrison mit seinem Moca Chair. Ein Manifest der Einfachheit, das eine Menge ausgelöst hat. In den Neunzigerjahren kam auch die Hightech-Architektur auf, mit viel Glas und Stahl. Diese Architektursprache hat sich ebenfalls auf die Innenarchitektur übertragen.

Können Sie das bitte näher beschreiben?
Damals war Leder immer schwarz, dunkelbraun oder mal ganz weiß. Das war cool: weiße Fliesen, Chrom und weißes Leder – da beginnt man heute gleich zu frieren. Damals war es en vogue! Heute muss es wohnlicher und kuscheliger sein – bis hin zu den Schäumen. Früher waren die Stühle am Esstisch dünn gepolstert, heute gleichen sie Sesseln.

Hatte man zu Beginn des 21. Jahrhunderts andere Vorstellungen vom Wohnen als heute?
Das ändert sich ja stets ein wenig. Heute müssen die Möbel zumindest sehr wohnlich sein. Nicht nur bezüglich der Bequemlichkeit. Man möchte kein Metall mehr zeigen. Holz kommt wieder, wird aber modern interpretiert. Selbstverständlich steckt etwas dahinter: die Sehnsucht nach Natürlichkeit, nach warmen Materialien.

Wir schreiben das Jahr 2020. Die digitale Transformation ist in vollem Gange. Welche Auswirkungen hat sie auf den Einrichtungsstil? Ist Wohnen noch ein regionales Thema oder bereits social-media-mäßig globalisiert?
Es gibt fast keinen Bereich, der von der Digitalisierung nicht erfasst wurde. Ich denke, dass durch das Internet und seine ständige Verfügbarkeit auf der einen Seite alles vorhanden ist. Andererseits müssen wir uns umso mehr fragen, warum machen wir das so?
Ich denke, wir sind dazu da, etwas zu schaffen, an das sich der Mensch halten kann. Wohnen ist etwas ganz Persönliches. Man geht nach Hause und möchte seine Ruhe haben, für sich sein. Dazu müssen wir mit unseren Möbeln einen Beitrag leisten. Dass man sich nicht einen Stil einkauft, sondern mit Möbeln seine eigene Welt kreieren kann. Die ist natürlich nie unabhängig von dem, was gerade Trend ist. Aber davon muss man sich nicht anstecken lassen. Wir überlegen für uns, was wir für richtig halten.

Sie haben mit Trio und Conseta Produkte in der Kollektion behalten, die in den Sechzigerjahren und Siebzigerjahren entwickelt wurden. Ist das ein Zeichen für Beständigkeit im Trendkarussell?
Eigentlich bietet die Möbelbranche dem Kunden ja Beständigkeit. Trotzdem sind Hersteller immer erpicht darauf, etwas Neues zu bringen, obwohl es vielleicht gar nicht richtig neu ist. Wir müssen uns also selbstkritisch hinterfragen, für wen wir das tun. Ein Kunde geht alle 20 Jahre ins Möbelhaus. Bei jedem neuen Produkt stellen wir uns deshalb die Frage: Was kann das denn besser als das Alte? Wir versuchen, Möbel zu machen, die sehr reduziert sind und trotzdem Charakter haben. Möbel, die einfach sind – Archetypen.

Schauen wir zum Schluss noch in die Zukunft. Wie werden wir wohnen und arbeiten – oder machen wir beides gleichzeitig?
Wie man in den letzten 20 Jahren schon beobachten konnte, werden die Übergänge fließend. Gerade jetzt – durch die Coronakrise – hat sich diese Tendenz noch verstärkt. Aber auch wenn es heute danach aussieht, als würden wir in Zukunft nur noch von Zuhause arbeiten - irgendwann werden die Leute wieder sagen: Hier ist mein Wohnraum, der Ort an dem ich mich zurückziehen kann, alleine oder mit der Familie. Und dies ist mein Arbeitsplatz, hier kann ich mich mit en Kollegen austauschen und mich  ganz auf meine Arbeit konzentrieren. Ich bin davon überzeugt, dass der räumliche Wechsel zwischen Arbeit im Büro und Entspannung zu Hause gesund und wichtig ist.


Der Beitrag ist Teil der Dossier Reihe: 2000-2020: 20 Jahre Interior & Design


Über Leo Lübke:
1963 im westfälischen Rheda-Wiedenbrück geboren, absolvierte Leo Lübke zunächst eine Banklehre, bevor er an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel Industriedesign studierte. Während seiner Studienzeit fasste er den Entschluss, in das väterliche Unternehmen einzusteigen und übernahm 1995 die Leitung des Polstermöbelherstellers COR. Das 1954 von seinem Vater Helmut egründete Unternehmen fertigt mit 220 Mitarbeitern ausschließlich am Standort Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh.
 

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

COR

Damit ein Möbel aber all diese Qualitäten erfüllen kann, müssen vorab sehr viele Menschen vieles sehr richtig gemacht haben. Sie müssen, zum Beispiel, die besten Materialien ausgewählt haben. Sie müssen diese nach höchsten handwerklichen Standards verarbeitet und geprüft haben. Und vor alledem steht der kluge Entwurf eines Designers, der all das vorwegnimmt, was das Sitzen, Entspannen und Wohnen über Jahre hinweg zu einem Vergnügen macht. Diese Art von Möbeln fertigen wir bei COR.

Zum Showroom

Mehr Menschen

Die finnische Seele

Studiobesuch bei Joanna Laajisto in Helsinki

Studiobesuch bei Joanna Laajisto in Helsinki

Experimentieren mit Beton

Die Arbeit des Studios Tezontle bewegt sich zwischen Kunst und Architektur

Die Arbeit des Studios Tezontle bewegt sich zwischen Kunst und Architektur

Sinnhaftigkeit durch Nachhaltigkeit

Steffen Kehrle über seine neue Kollektion für Brunner

Steffen Kehrle über seine neue Kollektion für Brunner

Material als Leitfaden

Nachruf auf die Designerin Pauline Deltour (1983-2021)

Nachruf auf die Designerin Pauline Deltour (1983-2021)

Die junge Internationale

Kuratorin Anniina Koivu über die The Lost Graduation Show auf dem Supersalone

Kuratorin Anniina Koivu über die The Lost Graduation Show auf dem Supersalone

Big in Japan

Christian Werner über sinnliche Formen und modische Versuchungen

Christian Werner über sinnliche Formen und modische Versuchungen

Schweizer Textilkompetenz

Michael Fischbacher über funktionale und recycelte Stoffe

Michael Fischbacher über funktionale und recycelte Stoffe

Büros mit Zukunft

Kinzo über die nachhaltige Planung von Arbeitslandschaften

Kinzo über die nachhaltige Planung von Arbeitslandschaften

Ausgezeichnetes Design

Monica Förster über die Farben schwedischer Sommerhäuser und Nachhaltigkeit

Monica Förster über die Farben schwedischer Sommerhäuser und Nachhaltigkeit

„Wandlungsfähig zu sein ist Teil unserer DNA“

Ein Gespräch mit Michael Ress, CEO von Schönbuch

Ein Gespräch mit Michael Ress, CEO von Schönbuch

Florale Choreografie

Gartengestalter Piet Oudolf über tanzende Felder, wilde Gräser und erweiterte Wahrnehmung

Gartengestalter Piet Oudolf über tanzende Felder, wilde Gräser und erweiterte Wahrnehmung

Robuste Rippen

Interview mit tretfords Marketingleiter Ingo Schraub

Interview mit tretfords Marketingleiter Ingo Schraub

Die Filzkünstlerin

Anne Kyyrö Quinn über Textilien als akustische Lösungen

Anne Kyyrö Quinn über Textilien als akustische Lösungen

Wir müssen innovativ sein

Jan Karcher von Karcher Design im Gespräch

Jan Karcher von Karcher Design im Gespräch

Das Universaltalent

Rising Star 2000: Arik Levy

Rising Star 2000: Arik Levy

Gestaltung als Katalysator

Innenarchitekt und Designer Douman Pour im Gespräch

Innenarchitekt und Designer Douman Pour im Gespräch

Die Material-Profis

Interview mit Anna Tscherch und Carsten Wiewiorra

Interview mit Anna Tscherch und Carsten Wiewiorra

„Arbeit, Kraft und Herzblut“

Studiobesuch bei Jäll & Tofta in Berlin

Studiobesuch bei Jäll & Tofta in Berlin

Meisterin der Farben

Carolin Sangha, Kreativdirektorin von Schönbuch, im Interview

Carolin Sangha, Kreativdirektorin von Schönbuch, im Interview

Vertikale Wälder

Der Mailänder Architekt Stefano Boeri im Gespräch

Der Mailänder Architekt Stefano Boeri im Gespräch

Herzensangelegenheit Handwerk

Studiobesuch bei Mareike Lienau von Lyk Carpet

Studiobesuch bei Mareike Lienau von Lyk Carpet

Hyperräumliche Wohnwelten

Porträt über den Innenarchitekten Johan Van Staeyen

Porträt über den Innenarchitekten Johan Van Staeyen

Handwerk als Türöffner

Im Gespräch mit dem Designer Stephen Burks

Im Gespräch mit dem Designer Stephen Burks

Atmosphären des Alltags

Ein Gespräch mit dem Architekten Takero Shimazaki

Ein Gespräch mit dem Architekten Takero Shimazaki

Neue Entfaltungsräume

Interview mit Marc Frohn von FAR

Interview mit Marc Frohn von FAR

Ein Kofferraum voll Möbel

Frisches Kulturkonfekt von der Designerin Eileen Krüger

Frisches Kulturkonfekt von der Designerin Eileen Krüger

Performative Möbel

Das Designerduo Alberto Biagetti und Laura Baldessari im Gespräch

Das Designerduo Alberto Biagetti und Laura Baldessari im Gespräch

Experimentator mit Weitsicht

Rising Star 2000: Werner Aisslinger

Rising Star 2000: Werner Aisslinger

Design als Geschichtenerzähler

Ein Gespräch mit Michele De Lucchi in Südtirol

Ein Gespräch mit Michele De Lucchi in Südtirol

Die Querdenkerin

Rising Star 2000: Jeannette Altherr

Rising Star 2000: Jeannette Altherr