Brutal Genial
Ein Spielplatz der Avantgarde ist die Casa Sperimentale von Giuseppe Perugini
Die Casa Sperimentale ist ein Meisterwerk des Architekten Giuseppe Perugini, das er mit seiner Frau und seinem Sohn bei Rom errichtete. Seit mehr als 20 Jahren verrottet die Villa unter Pinienbäumen.
Film und Wirklichkeit liegen mitunter eng beieinander. In Fregene hatte einst Federico Fellini seine Villa gebaut. Der Küstenort ist keine hundert Jahre alt – eine Seltenheit in Italien. La grande bellezza gilt hier dennoch nicht. Der Sandstrand wirkt aschgrau-fade. Das Meer schimmert düster-grünlich und ist weit von kristallinem Azur entfernt. Doch genau an diesem Ort ohne Vergangenheit konnte etwas Neues erschaffen werden: nicht nur für den Regisseur Fellini, sondern auch für einen Architekten, der mit einer filmreifen Villa locker den Kulissen von Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum das Wasser reicht.
Drei Jahre nahm der Bau von 1968 bis 1971 in Anspruch. Die Idee der Gemeinschaft lag damals in der Luft. Und so plante Giuseppe Perugini das Ferienhaus für seine Familie zusammen mit seiner Frau Uga De Plaisant, die ebenfalls Architektin war, und seinem gerade erst 18-jährigen Sohn Reynaldo, der später dieselbe Berufswahl treffen sollte. Ihren Namen trägt die Casa Sperimentale (Experimentelles Haus) nicht ohne Grund. Sie ist ein Spielplatz der Avantgarde, an dem die Konventionen des Wohnens und Bauens geradewegs über Bord geworfen werden sollten.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum das verrückteste Wohnhaus Italiens seit dem Tod Giuseppe Peruginis 1995 verrottet. Ganz leer steht es seitdem dennoch nicht. Die Fassaden und Innenwände sind mit Graffitis überzogen. Einige davon sind noch ganz frisch. Flaschen stehen herum, Zigarettenkippen liegen auf dem Boden. Die Jugend von Fregene hat den Bau längst in Besitz genommen, der direkt an einen Park anschließt und rund anderthalb Kilometer vom Meer entfernt liegt. „Das Gebäude wirkt wie eine Maya-Pyramide, die mitten im Dschungel vor einem auftaucht“, sagt Marco Ponzianelli. Der Fotograf ist nur wenige Kilometer entfernt aufgewachsen und hat die Casa Sperimentale immer wieder besucht.
Als wir ankommen, ist das Tor mit einer sichtbar neuen Kette verschlossen. Zuvor stand hier über Jahre alles offen. Wir nehmen an der Grundstücksseite eine kleine Öffnung im Zaun. Auch dieser folgt seinen eigenen Regeln: Anstatt gerade nach oben aufzuragen, wachsen aus einem konvexgewölbten Betonsockel metallene Zinnen heraus – als müsste eine stolze Festung verteidigt werden. Wie ein vor langer Zeit gelandetes Raumschiff steht die Villa plötzlich vor einem und wird von der Natur vereinnahmt. Moos überwuchert den Sichtbeton. Mit jedem Schritt, den wir auf den nadelbedeckten Boden setzen und ihn zum Knistern bringen, werden Vögel aus ihren Fassadenverstecken aufgescheucht. Unter das sanfte Rauschen der Baumwipfel mischt sich das leise Krachen von Düsentriebwerken. Der römische Flughafen Fiumicino liegt nur wenige Kilometer entfernt.
Eine rote Metalltreppe führt vom Grundstück hinauf ins Haus. Der Wohnraum ist in Form von drei ineinander verschlungenen Kuben organisiert, die jeweils rund 35 Quadratmeter groß sind und in einem Gitterwerk übereinander geschichteter Betonbalken eingegangen sind. Wände, Decken und Böden bilden keine planen, geschlossenen Flächen. Sie springen vor und zurück und lassen ein fließendes Kontinuum entstehen, womit eine klare Definition und Abtrennung einzelner Etagen entfällt. Auf Innenwände wurde ebenso verzichtet. Lediglich die beiden Bäder, die in gestauchten Betonkugeln untergebracht sind und von außen an die Betonkuben angedockt wurden, können mit runden Glastüren verschlossen werden.
Die Fußböden und Decken sind jeweils in vier identische Segmente unterteilt, die von schmalen Fensterbändern getrennt werden. Das Sonnenlicht vermag somit durch das Haus hindurchzuwandern. Gleichzeitig werden immer wieder neue und überraschende Blickbeziehungen ermöglicht – wie beispielsweise zum Pool, der direkt unterhalb der Villa liegt und mit seinem modrigen Wasser eher an einen wilden Tümpel erinnert. Wenige Meter weiter sitzt auf dem Grundstück ein kugelförmiger Baukörper auf. Er hat einen Durchmesser von fünf Metern und diente einst als Meditationsraum. Auf dem Boden ist eine Sonnenuhr eingelassen. Tageslicht dringt durch ein gläsernes Fensterband ins Innere, das die Betonkugel diagonal in zwei Hälften unterteilt. Ein leises Flüstern genügt, um im Inneren dieses Raums zu lautem Gebrüll verstärkt zu werden.
Casa Albero – Baumhaus – lautet ein weiterer Spitzname der Casa Sperimentale, bei der selbst Beton die Schwere seiner Materialität verliert. Das Gebäude bildet eine Metaebene, die mit dem Geäst der umliegenden Bäume zu einer Einheit verschmilzt. Brutalismus klingt an dieser Stelle unangemessen. Der Beton ist roh, gewiss. Doch „brut“, sprich hässlich, ist er keineswegs. Das Haus schwebt sanft und leichtfüßig unter den Wipfeln – und fasziniert selbst im Zustand einer Ruine. Dass neuerdings eine Kette das Haupttor verschließt, muss kein schlechtes Zeichen sein. Vielleicht hat das vergessene Architekturjuwel tatsächlich einen neuen Besitzer gefunden, der es vor dem Verfall bewahrt. Anders als bei Fellinis 2006 abgerissener Villa ist es dafür noch nicht zu spät. Doch die offenen Wunden im Sichtbeton zeigen: Weitere 20 Jahre sollten nicht vergehen.
FOTOGRAFIE Marco Ponzianelli
Marco Ponzianelli
Architekten
Giuseppe Perugini, Uga De Plaisant und Reynaldo Perugini
Casa Sperimentale / Casa Albero
Via Porto Azzurro 57, 00054 Fregene RM, Italien / Bauzeit: 1968–1971
Mehr Projekte
Luftige Hülle
Nachhaltiger Neubau von Peter Besley in Brisbane
Eine eigene Welt
Großzügiger Umbau eines schmalen, viktorianischen Reihenhauses in Sydney von Studio Carson Kelly
Ungleiche Zwillinge
Neubau mit Nähe zur Nachbarschaft von Wadhal in London
Glamping in Japan
Naturnahes Tiny House aus heimischem Holz von Pan-Projects
Radikale Wunderkammer
Ein Rundgang durch das Apartment MOM von J. Mayer H. in Berlin
Geheilter Bestand
Umbau und Erweiterung eines Fuhrwerkerhauses in Düsseldorf von Nidus
Im Rhythmus des Alltags
Unkonventioneller Umbau in Barcelona von Skye Maunsell und Jordi Veciana
Neubau mit Seele
Wohnhaus der Innenarchitektin Julie Thiers in Flandern
Spuren im Bestand
Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński
Mehr Raum als Quadratmeter
Wohnungsumbau Casa JAM von gon architects in Madrid
Salbeigrün in Florenz
Sanierung einer historischen Villa in Florenz von bucci quentin
Hierarchie in Blockfarben
Apartment für zwei in Mailand von Marabelli Marongiu Architetti
Das Erbe des Freibeuters
Restaurierung eines Stadthauses in Katalonien von Raúl Sánchez
Klangfarben des Wohnens
Apartment in Minsk für einen Musikliebhaber von Mihail Kurnosov
Alles in Butter
Constanze Ladner kleidet eine Wohnung bei Wiesbaden in sanftes Gelb
Wohnen im Werden
Tifliser Hausmodernisierung von David und Alexander Brodsky
Sensibel, aber kompromisslos
Ferienhaus von STEINBAUER architektur+design in Waidmannsbach
Hinter die Fassade geschaut
Umbau in Ostflandern: Objekt Architecten im Dialog zwischen Tradition und Moderne
Fort im Forst
Ringbau von Fernanda Canales im mexikanischen Valle de Bravo
Räume ohne Raster
Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag
Wohnen in der Beletage
Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten
Grauzone mit Aussicht
Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh
Generationswechsel im Siedlungshaus
atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um
Transluzenter Blockbau
Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam
Skulpturaler Unterschlupf
Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen
Helix aus Stahl
Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua
Glutroter Kokon
Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London
Beton und Behaglichkeit
BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment
Urbaner Lückenfüller
Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh
Fifty Shades of Marble
Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier