Projekte

Kindergarten der offenen Türen

Wie der kindliche Maßstab Innenräume formt, in denen sich auch Erwachsene gerne aufhalten.

von Jeanette Kunsmann, 24.10.2016

Die Volksschule in der Tiroler Gemeinde Absam hat einen Neubau bekommen: Zur Eröffnung Mitte Oktober erschien das halbe Dorf. Tief in der Erde liegt die neue Sporthalle, im Kindergarten darüber wird gespielt, während sich die Berge dahinter zu einem Postkarten-Panorama staffeln. Mit ihrem aktuellen Projekt zeigen die österreichischen Architekten Schenker Salvi Weber, wie der kindliche Maßstab Innenräume formt, in denen sich auch Erwachsene gerne aufhalten – und wie Absam ganz nebenbei auch noch einen Dorfplatz mit Sommerkino bekommen hat.

Absam liegt am Rand des Karwendelgebirges in Tirol – und am Jakobsweg. Gute 20 Autominuten von Innsbruck entfernt, pilgern also die einen zur Absamer Basilika, der Wallfahrtskirche St. Michael – die anderen wachsen hier auf, gehen in den Kindergarten und zur Schule. Viel Platz gab es für die notwendigen Erweiterungsbauten der Volksschule in der 7.000-Seelen-Gemeinde nicht – was vielleicht Glück war. Denn so konnten die Architekten Andreas Schenker, Michael Salvi und Thomas Weber sich eine andere Lösung überlegen, die auf dem kompakten, engen Grundstück neben Kindergarten und Turnhalle auch noch einen neuen Dorfplatz generiert hat. Die Musik spielt unter dem Dach der denkmalgeschützten Volksschule: in den kleinteiligen, geschlossenen Räumen befindet sich eine neue Musikschule.

Mit seinen Referenzprojekten hatte sich das Team Schenker Salvi Weber 2013 für die Teilnahme an dem offenen Wettbewerb qualifiziert und lieferte einen mutigen Entwurf. Die Lösung der Platzproblematik erweist sich im Nachhinein als einfach: Die Architekten ließen das gesamte Volumen der Dreifachsporthalle unter der Erde verschwinden und haben so einen gemeinsamen Platz für Schule, Kindergarten und das Dorf geschaffen. „Niemand der anderen 20 Teilnehmer hatte sich so etwas getraut“, erinnert sich Michael Salvi. Dass die Ursprungsidee, die das Projekt so stark prägt, gut angenommen wird, freut nicht nur die Architekten. Auf dem Platz soll ab 2017 ein Sommerkino stattfinden.

Aus der Entscheidung für die unterirdische Halle folgte die Holzbauweise, in der die Architekten den Kindergarten geplant haben – „damit er leicht ist, denn er steht zu einem Drittel auf der Sporthalle“, erläutert Michael Salvi. „Was man von außen gar nicht sieht, da wir den Holzbau mit einem Dickputz verputzt haben. Die alte Putztechnik hat ihren Grund“, erklärt der Architekt. „Absam lebt von seinen mineralischen Fassaden, die Faschen haben. Wir haben versucht, uns mit viel Understatement in das Ortsbild einzugliedern.“ Der Neubau setzt deshalb keinen Akzent und schreit auch nicht, sondern erweist sich als zurückhaltend und entpuppt sich erst im Inneren als eine offene Spiel- und Lernlandschaft mit kleinen und großen Möglichkeiten.

Dass der kindliche Maßstab auch für Erwachsene funktioniert, schafften die Architekten durch ihr „moderates“ Farb- und Materialkonzept: Weiße Wände, warme Eiche, allein die weichen Vorhänge setzen mit ihrem Moosgrün einen kleinen Akzent – für ein buntes Treiben sorgen die Kinder. Blieb noch eine Herausforderung, die durch die offene Raumstruktur verstärkt wurde: die Lärmkulisse, die sich bei 120 Kindern nicht vermeiden lässt. Den nötigen Schallschutz bietet die Holzwolle-Akustikdecke von Heradesign: ein Produkt, das man normalerweise in Industriebauten verwendet, das sich gestalterisch aber auch in Schulen oder Sporthallen einsetzen lässt. Schenker Salvi Weber haben die Holzwollplatten in einem Naturton gewählt und lassen die Decke für eine gute Akustik im gesamten Raumkontinuum durchgehen – ebenso den Boden aus Eiche, der in allen Gruppenräumen, in den kleinen Räumen und im Foyerbereich verlegt wurde.
Insgesamt 120 Kindergarten- und 24 Krippenplätze bietet der zweigeschossige Neubau, in dessen Untergeschoss sich die 1.000 Quadratmeter große Sporthalle versteckt. Schenker Salvi Weber denken den Neubau in Raumsequenzen und haben den Kindergarten als klare Struktur entworfen, die mehrfach nutzbar und lesbar wird. Dass man Räume teilen und Türen offen stehen lassen kann, um in Kontakt zu bleiben, war den Architekten wichtig. „Es gibt Bindungen von jedem Raum in den nächsten“, so Salvi. „Das Gebäude ist mit seinen großen Sequenzen sowie kleinen, intimen Zonen, in die man sich einnisten kann, eine Art Raumkontinuum geworden, das auch von den Nutzern sehr angenommen wird.“ Elemente wie Schiebetüren, Vorhänge und Wandschränke, die diese Flexibilität ermöglichen, findet man in vielen Projekten von Schenker Salvi Weber Architekten wieder. In Wänden und Fenstern kann man sitzen, sich hinter dem Vorhang oder unter der Treppe verstecken.

Wie die neuen Räume genutzt werden, darauf haben Andres Schenker, Michael Salvi und Thomas Weber nicht nur kurzzeitig ein Auge; sie verfolgen auch, wie sich ihr Gebäude in ein paar Jahren weiterentwickelt: Das Trio pilgert quasi durch sein eigenes Werksverzeichnis, weil es den Gedanken seltsam findet, dass man als Architekt ein Projekt nur einen kurzen Moment wirklich mitlebt. „Als Architekt macht man sich unglaublich viele, abstrakte Gedanken: in Konzepten, Skizzen, Modellen bis hin zu Ausführungsplänen“, meint Michael Salvi. „Aber am Schluss baut man für jemanden. Das ist wesentlich.“


Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Projektarchitekten

Schenker Salvi Weber

www.schenkersalviweber.com

Fotograf

Bengt Stiller

bengtstiller.com

Mehr Projekte

Ein Ort für die Magie des Zufalls

Co-Working im Londoner Design District

Co-Working im Londoner Design District

Herz aus Beton

Philipp von Matt gestaltet ein Künstlerhaus in Berlin

Philipp von Matt gestaltet ein Künstlerhaus in Berlin

Über den Dächern Berlins

Büroausbau für eine agile Arbeitsumgebung von buerohauser

Büroausbau für eine agile Arbeitsumgebung von buerohauser

Eidgenossen in Chicago

Das Schweizer Konsulat von HHF und Kwong Von Glinow

Das Schweizer Konsulat von HHF und Kwong Von Glinow

Schillerndes Vorzeigebüro

Co-Working-Space von Ivy Studio in Montreal

Co-Working-Space von Ivy Studio in Montreal

Makeover à la Marcelis

Umgestaltung eines Forschungszentrums in Rotterdam mit USM-Möbeln

Umgestaltung eines Forschungszentrums in Rotterdam mit USM-Möbeln

Luft nach oben

Umbau einer Lagerhalle in Buenos Aires zur Bürolobby

Umbau einer Lagerhalle in Buenos Aires zur Bürolobby

Kompakt und kontemplativ

Apartment von Francesc Rifé Studio in Barcelona

Apartment von Francesc Rifé Studio in Barcelona

Wohnen mit System

Sanierung des modularen Wohnhauses von Fritz Haller

Sanierung des modularen Wohnhauses von Fritz Haller

Red Room in Valencia

Moderne Zahnklinik Impress von Raul Sanchez

Moderne Zahnklinik Impress von Raul Sanchez

Das Acht-Minuten-Büro

Concept Office von Jan-Henrik Schröter und Haus Otto in Leonberg

Concept Office von Jan-Henrik Schröter und Haus Otto in Leonberg

Mut zur Maserung

Die schönsten Interiors mit Holz

Die schönsten Interiors mit Holz

Best-of Zahnarztpraxen

Schluss mit dem Weiß-Monolog

Schluss mit dem Weiß-Monolog

Echo der Bergwelt

Nina Mair gestaltet die kommunikativen Räume eines Innsbrucker Unternehmens

Nina Mair gestaltet die kommunikativen Räume eines Innsbrucker Unternehmens

Stilvoll konferieren

Conference Center von Just/Burgeff Architekten in Frankfurt am Main

Conference Center von Just/Burgeff Architekten in Frankfurt am Main

Sinn für Farbe

Monochrome Agenturräume von Claudia de Bruyn in Düsseldorf

Monochrome Agenturräume von Claudia de Bruyn in Düsseldorf

Die Welt als Modell

Ein Museum für Architekturmodelle in Shanghai 

Ein Museum für Architekturmodelle in Shanghai 

Das Zahnarzt-Loft

Praxis im französischen Saint-Quentin von Jordan Hoareau

Praxis im französischen Saint-Quentin von Jordan Hoareau

Arbeiten im Gartencafé

Neugestaltung eines Institutsgebäudes von brandherm + krumrey

Neugestaltung eines Institutsgebäudes von brandherm + krumrey

Haus der Steine

Monolithischer Showroom von Esrawe Studio in Mexiko

Monolithischer Showroom von Esrawe Studio in Mexiko

Soul in Seoul

Galerie König im MCM Haus von Neri & Hu

Galerie König im MCM Haus von Neri & Hu

Die perfekte Welle

Flexibler Workspace in London von Note Design Studio

Flexibler Workspace in London von Note Design Studio

Der Patient als Gast

Klinikgebäude in Eisenberg von Matteo Thun und HDR

Klinikgebäude in Eisenberg von Matteo Thun und HDR

Tetris-Interior am Kreml

Hybridwohnung von Vietzke & Borstelmann und Ulrike Brandi

Hybridwohnung von Vietzke & Borstelmann und Ulrike Brandi

Eine Kanzlei macht blau

Avantgardistisches Anwaltsbüro in Turin von SCEG

Avantgardistisches Anwaltsbüro in Turin von SCEG

Bewegliche Bürolandschaft

Campus Founders-Office von Kami Blusch in Heilbronn

Campus Founders-Office von Kami Blusch in Heilbronn

Miami in Schöneberg

Das farbige Büro des Berliner Designstudios Coordination 

Das farbige Büro des Berliner Designstudios Coordination 

Berliner Loft

Wohnliches Büro in Charlottenburg von BBPA und Patrick Batek

Wohnliches Büro in Charlottenburg von BBPA und Patrick Batek

Büro in Bewegung

Eine Arbeitslandschaft mit textilen Grenzen von Enorme Studio

Eine Arbeitslandschaft mit textilen Grenzen von Enorme Studio

Heile Welt

Kinderkrankenhaus in Thailand von Integrated Field

Kinderkrankenhaus in Thailand von Integrated Field