Projekte

Scarpa trifft Corbusier

Unweit des Canale Grande wagen Marcante Testa den Sprung in eine andere Zeit

von Julia Bluth, 27.11.2017

Kaum ein Ort ignoriert die Moderne so elegant wie Venedig, und doch hat sie auch hier ihre Spuren hinterlassen. Für ihr jüngstes Umbauprojekt Another Venice an einem Seitenarm des Canale Grande ließen sich die Architekten Andrea Marcante und Adelaide Testa von Carlo Scarpa inspirieren, der in der Lagunenstadt einige seiner schönsten Entwürfe realisierte.

Das Architektenduo mit Sitz in Turin war mit dem Innenausbau eines Wohnhauses aus dem 19. Jahrhundert im Viertel San Marco beauftragt worden. Die Sanierung betraf sowohl die privaten Wohnbereiche als auch den repräsentativen Hausaufgang. Anders als die gut erhaltene Fassade des Gebäudes vermuten lassen würde, fanden sie im Inneren nur wenige historische Baudetails vor. „Das Projekt begann für uns mit einer Neuinterpretation der Beziehung zwischen innen und außen“, berichten die Planer.

Stilvolle Transit-Zone
So schufen sie im Treppenaufgang eine sanfte Transition vom öffentlichen zum privaten Teil des Gebäudes. Eine nach ihren Vorgaben gestaltet Holzvertäfelung mit filigraner Musterung nimmt Bezug auf die Stuckverzierungen der Fassade, während eine Sitzgruppe mit Stühlen der Serie 618, die Carlo Scarpa 1964 für Meritalia entwarf, dem Treppenabsatz einen wohnlichen Charakter verleiht. Grafisch-großflächige Metallverzierungen an den Wänden setzen einen bewusst modernen Kontrapunkt zum nostalgischen Treppengeländer aus Gusseisen.

Midcentury venezianisch
Die erste fertiggestellte, rund 220 Quadratmeter große Wohnung befindet sich im zweiten Obergeschoss. Bereits im Eingangsbereich erschließt sich das Gestaltungskonzept, das wie eine venezianisch prunkvolle Reminiszenz an die Midcentury-Ära wirkt. Trennwände aus rot lackierten Stahlrahmen, grünem Glas und Stucco Veneziano verbinden den Eingangs- mit dem Wohn- und Essbereich. Zwischen Entree und Schlafzimmer bilden sie einen Korridor, der einmal quer durch das Arbeitszimmer führt.

„Inspiriert von Carlo Scarpas Eingriff in Ca´Foscari lassen sie das Tageslicht auch in die Bereiche ohne Fenster vordringen“, erklären Marcante und Testa. Während Scarpas Einbauten im Großen Saal (Aula Magna) der venezianischen Universität monochrom hölzern gehalten sind, setzten sie jedoch auf eine charakteristische Farbkomposition. Leuchten aus blau changierendem Muranoglas und fein abgestufte Wandfarben mit „Sfumato-Effekt“ sollen an die Abendstimmung in der Lagune erinnern.

Getreu ihrem Motto „nichts passiert zufälligerweise“ legten die Planer auch bei der Wahl der Lichtschalter großen Wert auf farbliche Harmonie. Sie wählten den Schalter LS 990 von Jung in vier verschiedenen Farben des architektonischen Farbsystems Les Couleurs ®Le Corbusier. Die von Hand lackierten Schalter in Terrakotta- und Blautönen runden das gemäldeartige Gesamtbild perfekt ab. Mit Another Venice beweisen Andrea Marcante und Adelaide Testa erneut, wie meisterlich sie es verstehen, den kulturellen Kontext eines Ortes zu interpretieren – und etwas gänzlich Neues daraus entstehen zu lassen.

Links

Projektarchitekten

Marcante Testa

Another Venice

Umbau im Bestand, 450 Quadratmeter, Venedig 2017

Mehr Projekte

Australisches Strandhaus

Anbau in Fremantle von David Barr Architects

Sinnlicher Brutalismus

Neubau von Studio Rick Joy in Mexiko-Stadt

Jenseits der Norm

XYZ Lounge von Künstler und Architekt Didier Fiúza Faustino in Gent

Nuancen der Durchlässigkeit

Die Boutique des jungen Modelabels Geijoeng in Shenzhen

Geometry of Light

Luftwerk beleuchtet das Farnsworth House als Kunstwerk

Galaktisches Dinner

Inneneinrichtung für ein Restaurant in Mexiko-Stadt

Light Falls

Flow Architecture und Magrits in einem Londoner Reihenhaus

Architektur der Schwerelosigkeit

Ein Münchner Dachausbau von Pool Leber Architekten

Formen des Lichts

Einfamilienhaus in Melbourne von Layan

In perfektem Licht

Das dänische Skou-Institut für Biomedizin von Cubo

Theaterhimmel

Lichtinstallation von Ingo Maurer im Münchner Residenztheater

Provisorium von Dauer

Neue MCM-Boutique in München von Gonzalez Haase AAS

Licht macht Raum

Xu Tiantian entwirft einen Leuchtenhybriden für den Arbeitsplatz

Raumspirale für Wissensdurstige

Durch Licht in Szene gesetzt: der Erweiterungsbau des Science Centers experimenta in Heilbronn von Sauerbruch Hutton.

Irisierende Lichtspielgarage

Moskaus temporäre Kino-Pyramide von Syndicate Architects.

Versteckt zwischen Meer und Sand

In eine Düne eingegraben: das UCCA Dune Art Museum von Open Architecture.

Meditativer Lückenfüller

Miniwohnhaus von Takeshi Hosaka in Tokio

Unbekanntes Raumobjekt

Kein Perpetuum Mobile, aber ein beweglicher Eyecatcher: Ingo Maurers mobiles Pendel-Ei.

Der Sonne entgegen

Immer in Bewegung: Robert Koniecznys Quadrant House.

Gezeichnete Lichtarchitektur

Dialog zwischen Realität und Vergangenheit: Alberto Caiolas Dachterrassenbar Nyx in Shanghai.

Eine Bühne für Blumen

Der beste Blumenladen der Welt.

Shoppen in der Unterwelt

Ein Shop auf den Spuren einer geheimnisvollen Lichthöhle.

Lineare Lichteleganz: Lernen im vertikalen Campus

Lernen im vertikalen Campus: die neue FHNW Muttenz von pool Architekten.

Kristallbrunnen statt Gelbwesten

Brunnenlandschaft von Ronan und Erwan Bouroullec in Paris.

Rhythmische Eleganz in Hainan

Schöne Grauzone: Projekt Rhythm von Wei Yi International Design Associates.

Wege des Lichts: Apartment in Den Haag

Ein Apartment mit unkonventionellen Winkeln und Durchsichten von Ana Rocha.

Minimal Rustikal: La Maison Gauthier

In diesem kanadischen Haus von Atelier Barda ist Minimalismus das Leitmotiv.

Schauspielschule Ernst Busch: Grosses Theater

So wie Schauspieler improvisieren müssen, geht es auch der Baukunst.

Balenciaga zeigt Balance in Paris

Dieses Retailkonzept von Gonzalez Haase AAS und Demna Gvasalia erzeugt eine anonyme Ästhetik.

Baldachin der Stille

Kaan Architecten haben die passende Form für ein Krematorium im belgischen Aalst gefunden.