Projekte

Villa für außergewöhnliche Gentlemen

von Tanja Pabelick, 28.02.2011


Das Gebäude am Manchester Square verrät nichts von seiner eigentlichen Funktion: kein Schild, kein Firmenname, kein Branding. Es scheint sich um ein gewöhnliches, altehrwürdiges Londoner Stadthaus zu handeln. Im Inneren dann das: elegante Konferenzräume, moderne Arbeitsplätze und ein Pausenraum, der mit seiner schweren Leder-Eleganz an die traditionellen britischen Gentlemen`s Clubs
erinnert. Kein Zufall, denn die wurden einst genau hier, im – auch heute noch als Clubland bezeichneten – West End der Stadt gegründet. Sie waren sowohl zweites Zuhause als auch Treffpunkt für Geschäftsmänner. Ähnlich verhält es sich mit der von SSH Architects umgebauten Bürovilla: Sie ist ein Ort zum Arbeiten mit den gemütlichen Qualitäten eines Wohnzimmers – allerdings nicht nur für Herren.


Vor einigen Jahrzehnten noch waren die Fronten geklärt: Das Büro war Büro, das Zuhause privat und deshalb arbeitsfreie Zone. Diese Funktionstrennung der nine-to-five-Mentalität schlug sich auch auf das Mobiliar und Erscheinungsbild vieler Bürowelten nieder: Sterile Arbeitskuben beherbergten funktionale Tische und Stühle, erleuchtet vom strahlenden Schein einer Neonröhre. Die Möbel wurden als Werkzeuge gesehen, die neben Schreibmaschine, Telefon und Papierkorb für einen reibungslosen Arbeitsablauf sorgten. Jetzt, da im Zuge von Globalisierung, gesteigerter Mobilität und Strukturwandel das Ende starrer Arbeitsstrukturen gekommen ist, werden auch starre Einrichtungskonzepte aufgeweicht. Wer 24/7 erreichbar ist und mit dem Laptop auf dem Schoß auf den laufenden „Tatort“ schielt, erstrebt auch am Arbeitsplatz ein wenig Wohnzimmer-Flair.

Living, Working, Lounging

Bei ihrem Konzept für das Büro im Londoner Stadthaus ging das Architekturbüro SHH noch einen Schritt weiter: Es gestaltete das denkmalgeschützte Gebäude zu einem einladenden Lounge-Büro um und schuf damit einen Ort, an dem  Arbeit, Freizeit und Wohnen verschmelzen. „Ein belastbares  Bürointerieur des 21. Jahrhunderts mit einer starken Persönlichkeit“  hatten die Auftraggeber gefordert, und als Projektort das georgianische Gebäude mit Marmor-Mosaik und stuckverzierten Decken präsentiert, an dessen Rückseite  sogar noch die alten Stallungen angegliedert sind. Um es in ein modernes Ambiente zu überführen, mussten die Architekten deshalb auf Kontraste setzen. Alle herausragenden Besonderheiten des historischen Gebäudes wurden erhalten, restauriert  und inszeniert – wie die Marmorböden, die fast vier Meter hohen Decken und die großen Straßenfenster. Dem gegenüber stellten die Architekten eine moderne Ausstattung und verschiedene Themenbereiche, die die fünf Stockwerke des Hauses unterteilen.

Grand Hall


Im Eingangsbereich und in dem zu den Arbeitsräumen führenden Treppenaufgang ist das besondere Flair des Gebäudes zu spüren: Mosaikfußboden, Stuckleisten, Bogen-Durchgang und die in einem warmen Anthrazit gestrichenen Wände vermitteln eine feudale Bürgerlichkeit, die als drückend empfunden werden könnte, würden ihr nicht durch eine künstlerische Lichtprojektion und Röhren-Lampen aus Bronze strengere, grafische Elemente entgegen gesetzt. In der ebenfalls im Erdgeschoss untergebrachten Rezeption erlebt der Besucher dann ein visuelles Kontrastprogramm: ein fast komplett weißes Interieur sowie eine in Flieder gestrichene Wand, die den Hintergrund für zwei weiße stilisierte Garderoben-Bäume von Swedese bildet. Der Boden hingegen besteht aus einem im Fischgrät-Muster verlegten, schwarz lackierten Eichenparkett, zu dem wiederum die schwarzen Arbeitsstühle Worknest von Vitra passen.

Break Out-Room

Im ersten Stock sind die eigentlichen Arbeitsräume der Mitarbeiter untergebracht, die die Architekten mit einem geradlinigen Mobiliar ausgestattet haben. Genau wie in den anderen Räumen des Gebäudes kontrastiert dieses auch hier mit dem Dekor-schwangeren Altbau. Und es finden sich die ersten Zitate aus den traditionellen britischen Herren-Clubs, wie die Stühle Silver von Interstuhl, die in ihrer Silhouette und durch die Lederpolsterung an Lounge-Sessel erinnern, durch die Aluminium-Schale aber eine technische Anmutung erhalten. Sie sind ein Vorgeschmack auf das eigentliche Highlight des Bürohauses, das sich im dritten Stockwerk neben den Konferenzräumen verbirgt: den schokoladen-braunen „Break Out“-Raum, der den Mitarbeitern als Pausenraum, Entspannungszimmer und Rückzugsmöglichkeit dient. 

Hier tritt der „Geist des Hauses“ am deutlichsten zutage: Holzpaneele, Vintage-Messinglampen aus den 1930ern, ein Leder-Pouf im Chesterfield-Stil und zwei Cité-Armstühle von Vitra lassen sofort an vom Zigarrenrauch geschwängerte Luft und ein gutes Glas Whiskey denken, bei dem über die Weltpolitik oder die nächsten Investitionen diskutiert wird. Dabei sind es gerade die Klischees, von denen sich die Architekten mit diesem Projekt verabschiedet haben: Sie haben ein spezifisches Ambiente zu einer artfremden Umgebung in Kontrast gesetzt und schaffen damit neue Qualitäten. Natürlich nicht für die Raucher, sondern für die Arbeitnehmer.

www.vitra.com www.interstuhl.de
Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Projektarchitekten

SHH Architects

www.shh.co.uk

Interstuhl

www.interstuhl.de

Mehr Projekte

Das Café als Blaupause

Büro Pankrath baut den Quadriga Campus in Berlin im Bestand um

Büro Pankrath baut den Quadriga Campus in Berlin im Bestand um

Räume mit Haltung

Veranstaltungszentrum der Münchner Aids-Hilfe von INPULS

Veranstaltungszentrum der Münchner Aids-Hilfe von INPULS

Ade Palais

Zirkuläre Arbeitsgarage von Caramel ArchitektInnen in Wien

Zirkuläre Arbeitsgarage von Caramel ArchitektInnen in Wien

Mehr als eine Hülle

Wie Dan Vakhrameyev die klassische Flugzeughalle neu definiert

Wie Dan Vakhrameyev die klassische Flugzeughalle neu definiert

Farbrausch im Engadin

Künstlerresidenz in Maloja von Kueng Caputo

Künstlerresidenz in Maloja von Kueng Caputo

Konkurrenz fürs Homeoffice

Das neue Büro von Studio McW in London

Das neue Büro von Studio McW in London

Schimmerndes Gewand

HENN gestaltet Büroräume für BestSecret in München

HENN gestaltet Büroräume für BestSecret in München

Räume wie gedruckt

Risotto HQ von Gabriella Marcella in Glasgow

Risotto HQ von Gabriella Marcella in Glasgow

Pause im Palmenhof

Ein Tropicália-Workplace von Tabitha Isobel und Studio Multi in London

Ein Tropicália-Workplace von Tabitha Isobel und Studio Multi in London

Arbeitsplatz auf Zeit

Züricher Co-Working-Space von HSB Architekten für FlexOffice

Züricher Co-Working-Space von HSB Architekten für FlexOffice

Flurfunk war gestern

Umbau einer Firmenzentrale in Berlin von brandherm + krumrey

Umbau einer Firmenzentrale in Berlin von brandherm + krumrey

Stadt der Advocati

Erweiterung einer Anwaltskanzlei in Münster von studio eto

Erweiterung einer Anwaltskanzlei in Münster von studio eto

Lernen im Holzhybridbau

Bildungshaus NeckarPark von Glück + Partner in Stuttgart

Bildungshaus NeckarPark von Glück + Partner in Stuttgart

Zwischen Atmosphäre und Funktion

Büroräume für eine Social-Media-Agentur in Berlin von RHO

Büroräume für eine Social-Media-Agentur in Berlin von RHO

Im Geist der Sechziger

Ortsspezifischer Büroumbau von Christopher Sitzler und Gizzem Cinar in Hamburg

Ortsspezifischer Büroumbau von Christopher Sitzler und Gizzem Cinar in Hamburg

Offen für Neues

Agiles Arbeitsumfeld im Continental-Headquarter in Hannover

Agiles Arbeitsumfeld im Continental-Headquarter in Hannover

Bunte Begegnungen

Shared Spaces im Bürobau M40 von Kinzo in Berlin

Shared Spaces im Bürobau M40 von Kinzo in Berlin

High Heels im Hochhaus

Aeyde-Headquarter in Berlin von Gonzalez Haase AAS

Aeyde-Headquarter in Berlin von Gonzalez Haase AAS

Yellow Submarine im Gewerbegebiet

Bürobau für Agrosemillas von Impepinable Studio in Spanien

Bürobau für Agrosemillas von Impepinable Studio in Spanien

Grüne Achse

Dschungel-Flur von Beyond Space in der Schweiz

Dschungel-Flur von Beyond Space in der Schweiz

Im Geist der Vergangenheit

Neugestaltung einer Bürofläche in Tokio von Symbolplus

Neugestaltung einer Bürofläche in Tokio von Symbolplus

Roter Riese

In Odense wurde das größte Holzbürohaus Dänemarks bezogen

In Odense wurde das größte Holzbürohaus Dänemarks bezogen

Neue Welt in altem Gewand

Blomus Headquarter in Sundern

Blomus Headquarter in Sundern

Kulturaffine Büro-WG

Neues Office von Kinzo und Karsten Jahnke in Hamburg

Neues Office von Kinzo und Karsten Jahnke in Hamburg

Flurfunk und Fernsehturmblick

Tech-Büro im Haupttelegrafenamt Berlin von de Winder

Tech-Büro im Haupttelegrafenamt Berlin von de Winder

Raum mit Reserven

Umbau von YONT Studio für das Musiklabel Seven in Berlin

Umbau von YONT Studio für das Musiklabel Seven in Berlin

Flexible Arbeitslandschaft am Hafen

Umbau der Maersk-Zentrale in Rotterdam

Umbau der Maersk-Zentrale in Rotterdam

Schlichte Bühne für starke Bilder

Fotostudio-Interieur von Sapid Studio in Genf

Fotostudio-Interieur von Sapid Studio in Genf

Umbau mit Gütesiegel

Neue Arbeitswelt für den TÜV-Verband in Berlin

Neue Arbeitswelt für den TÜV-Verband in Berlin

Vertikal verbunden

Neues Headquarter der Publicis Groupe in Shanghai von Ippolito Fleitz

Neues Headquarter der Publicis Groupe in Shanghai von Ippolito Fleitz