Stories

Sternstunde des Designs

Virtuelle Werkschau De-siderio von Studiopepe

Immer hereinspaziert: Am 17. November haben Arianna Lelli Mami und Chiara Di Pinto von Studiopepe ihre erste rein digitale Manifesto-Ausstellung eröffnet. Der Titel De-siderio ist nicht nur das italienische Wort für Sehnsucht oder Verlangen. Er ist auch ein Hinweis darauf, dass die Mailänder Designerinnen beim Entwerfen und Konzipieren gerne nach den Sternen greifen.

von Stella Hempel, 26.11.2020

Ihre spannenden Inszenierungen zählten in den vergangenen Jahren stets zu den Highlights und Besuchermagneten des Fuorisalone. Die Studiopepe-Gründerinnen Arianna Lelli Mami und Chiara Di Pinto präsentieren ihre Entwürfe am liebsten als Gesamtkunstwerk im Rahmen einer Ausstellung. Dieses Format passt perfekt zu ihrer künstlerischen und konzeptuellen Arbeitsweise. Jede ihrer Ausstellungen ist als Teil des Studiopepe-Ma­ni­fests zu verstehen und gewährt interessante Einblicke in das kreative Universum der beiden Designerinnen.

Schöne, neue virtuelle Welt
Während des Salone del Mobile 2019 zeigten Arianna Lelli Mami und Chiara Di Pinto ihre mystische Les Arcanistes-Installation, bei der es um Alchemie und Wahrsagerei ging, noch vor Ort in Mailand. In einem ehemaligen Fabrikgebäude konnten Designinteressierte mit allen Sinnen in die Welt von Studiopepe eintauchen – zwischen Messebesuch und Aperitivo. Im Corona-Jahr 2020 muss auch ein Projekt wie die Manifesto-Ausstellung neue Wege gehen: Die Designerinnen haben den Ausstellungsort nun in virtuelle Gefilde verlegt – und dabei eine schöne neue Welt entdeckt.

Die Sehnsucht nach Live-Erlebnissen
„Es ist eine sehr herausfordernde und neue Art, Dinge zu präsentieren. Der Kreativität sind praktisch keine Grenzen gesetzt, aber gleichzeitig ist es wichtig, die richtige Sprache zu finden. In unserem Fall ist es eine sehr visuelle und durch die Kunst inspirierte Sprache“, sagen Arianna Lelli Mami und Chiara Di Pinto. „In den heutigen Zeiten sehnen sich die Menschen mehr als je zuvor nach Live-Erlebnissen. Dieses Bedürfnis haben wir schon zu Beginn unserer Manifesto-Projekte erkannt. Durch Covid-19 wird es aber deutlich schwieriger. In diesem Jahr hat Corona die Karten neu gemischt.“ Das diesjährige Projekt De-siderio ist eine Ausstellung im Cyberspace, die ausschließlich digital besucht werden kann.

Ein Bauwerk aus Einsen und Nullen
Auch im Jahr 2020 werden aktuelle Entwürfe der Designerinnen an einem Ort versammelt und in den Kontext einer Narration eingebunden. Dieser Ort ist jetzt aber ein von Studiopepe gestaltetes Gebäude, zu sehen als 3-D-Animation im De-siderio-Film. Der imposante Sichtbetonbau, errichtet aus Einsen und Nullen, steht in einer virtuellen Wüstenlandschaft. Arianna Lelli Mami und Chiara Di Pinto haben sich von Architekten wie Álvaro Siza Vieira, Carlos Alberto Naves oder John Lautner inspirieren lassen, von einer Kirche in Brasilien, einem Stufenbrunnen in Indien, einer Gedenkstätte in Israel, einer Nachtclub-Ruine in Italien und einer „Himmelstreppe“ im Süden Marokkos.

Sogar Karl Friedrich Schinkels Bühnenbild für Die Zauberflöte zählt zu den zahlreichen Inspirationsquellen. Das Kuppeldach des digitalen Bauwerks von Studiopepe verweist aber auch auf eine andere Vorlage: Sternwarten. „Wir ließen uns von der Architektur der Observatorien inspirieren“, erzählen die Italienerinnen. „Es ist eine Mischung aus zeitgenössischen und alten Observatorien – wie das in Jaipur, das wir vor vielen Jahren besucht haben und das uns sehr beeindruckt hat. Ein antikes Observatorium mit Architekturen, die gebaut wurden, um die Sonnenwende, den Stand der Sonne oder der Sterne zu berechnen. Das Observatorium ist eine Verbindung zwischen uns und dem Weltraum. Es ist eine sehr kraftvolle Architektur.“

Spaciges Möbeldesign
Nicht nur das virtuelle Bauwerk, das im Mittelpunkt des Projekts De-siderio steht, ist thematisch mit dem Sternenhimmel verbunden. Auch die sehr realen Möbelentwürfe, die in diesem Haus platziert wurden – entwickelt für Hersteller wie Baxter, cc-tapis, Gallotti&Radice, Petite Friture, Tacchini, Tooy und Wall&decò – scheinen direkt aus dem Weltall in die irdischen Möbelshowrooms gebeamt worden zu sein. So erinnert der Teppich Lunar Addiction für cc-tapis an die Mondphasen und die runden Pluto-Tische für Tacchini sind nach dem Zwergplaneten benannt. Studiopepes De-siderio-Film führt durch die möblierten Räume der digitalen Architektur und erzählt auf poetische Art und Weise viele der Entwurfsgeschichten.

Das Gefühl von Sternenmangel
Die kosmische Inspirationsquelle erklärt auch den Bindestrich im Titel der Ausstellung De-siderio: „Das Wort ‚desiderio‘ setzt sich zusammen aus der lateinischen Vorsilbe ‚de-‘, die ‚Mangel an‘ bedeutet, und dem Wort ‚sidus‘, das wörtlich ‚Stern‘ bedeutet. Etwas zu begehren, bedeutet wörtlich ‚Sternenmangel‘, ‚Sternenmangel spüren‘ oder mit anderen Worten: zu spüren, dass etwas fehlt. Und damit ein Gefühl leidenschaftlichen Suchens zu fördern“, erläutern Arianna Lelli Mami und Chiara Di Pinto.

Eine Ausstellung wie ein Trip
Um die neue Ausstellung von Studiopepe zu besuchen, muss man nicht weit reisen. Man braucht noch nicht einmal vom Sofa aufzustehen. Ein Klick genügt. „This is a trip“ heißt es im Voiceover des De-siderio-Films – und das trifft es ganz gut. Wobei „trip“ nicht nur als Reise in den virtuellen Raum oder Rundtrip durch die Welt von Studiopepe zu verstehen ist. De-siderio ist vielschichtige Videokunst, ein rauschhaftes Erlebnis, das sich aus Bildercollagen, Musik, Klängen, gesprochenen Texten und wilden Assoziationsketten zusammensetzt.

Fridays for Creativity
Arianna Lelli Mami und Chiara Di Pinto haben die Zeiten des Lockdowns genutzt, um sich gestalterisch auszutoben: „Für kreative Menschen war es eine großartige Gelegenheit, innezuhalten, nach innen zu gehen, neue und alte Gedanken oder Ideen zu erforschen. Wir haben uns zum Beispiel jeden Freitag freigenommen. Es sollte ein Tag sein für reine Kreativität, um in Büchern zu schmökern, ein paar Zeichnungen anzufertigen oder eine Ausstellung zu besuchen“, berichten sie. Wer diesem guten Beispiel folgen möchte, klickt sich einfach ins De-siderio-Projekt und lässt sich in den virtuellen Ausstellungsräumen inspirieren.

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Links

Studiopepe

Arianna Lelli Mami (l.) und Chiara Di Pinto (r.) von Studipepe, Foto: Andrea Ferrari

Zum Profil

Studiopepe

www.studiopepe.info

De-siderio

www.de-siderio.com

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