Menschen

Arianna Lelli Mami von Studiopepe

Ein Interview über die Rückkehr der Mystik

von Katharina Horstmann, 17.04.2019

Formale Archetypen in der Gestaltung, Materialexperimente und der Dialog von Gegensätzen sind nur einige der Motive, die sich in den Projekten von Arianna Lelli Mami und Chiara Di Pinto von Studiopepe wiederfinden. Für den diesjährigen Fuorisalone haben sich die beiden Mailänderinnen von dem Ausstellungsort inspirieren lassen und schufen mit Les Arcanistes eine Installation, die von Alchemie und Wahrsagerei erzählt. Damit greifen sie eine gegenwärtig sichtbare Tendenz unter Gestaltern auf, Elemente aus Astrologie, Tarot und anderen Formen der Mystik in den Fokus popkultureller Inszenierungen zu rücken. Wir sprachen mit Arianna Lelli Mami über das kollektive Unterbewusstsein, fantasievolle Szenographien und die Wichtigkeit des Narrativen.

In diesem Jahr zeigt ihr mit Les Arcanistes ein geradezu mystisches Projekt, in dem ihr die Wechselbeziehung zwischen Materie und der Macht archetypischer Symbole untersucht. Gibt es dazu eine Vorgeschichte?
Arianna Lelli Mami: Es begann an diesem Ort, einer ehemaligen Fabrik, in der im letzten Jahrhundert Gold verarbeitet wurde. Wir hatten schon seit Längerem die Idee, ein Projekt in Zusammenhang mit Alchemie zu machen und als uns dieser Ort vorgeschlagen wurde, war es fast wie ein Zeichen. Schließlich begann ein Alchemist seinen Prozess mit Blei, einem sehr reinen Material, um daraus Gold zu gewinnen.

Könnt ihr etwas zu Eurer inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Alchemie in der Installation sagen?
Im kreativen Prozess beschäftigen wir uns oft mit Archetypen. Das führt dazu, dass wir uns mit verborgenen Bedeutungen auseinandersetzen, die in verschiedenen Epochen und Kulturen Formen und Materialien zugeschrieben wurden. Die Arkanisten waren die ersten Chemiker, die das geheime Wissen zur Herstellung von Porzellan und Materie im Allgemeinen besaßen. Auf Tarotkarten repräsentieren sie die Archetypen, die ein kollektives Unterbewusstsein darstellen. Für Designer wiederum ist es sehr wichtig die Archetypen und Materie zu kennen und zu wissen, wie Dinge erzeugt werden.

Das Projekt führt das Publikum dramaturgisch durch verschiedene Räume, wovon drei ganz besondere Geschichten erzählen.
Es gibt einen Raum, der einen Wasserbrunnen beherbergt. Ein Butoh-Tänzer, der eine Art Wächter des Wassers darstellt, verabreicht es den Besuchern zum Trinken. Außerdem gibt es ein alchemistisches Labor, in dem Tau destilliert und mit Heilkräutern versetzt getrunken werden kann. Dies symbolisiert einen Prozess der Reinigung und Selbstreflexion. Wer im Anschluss dazu bereit ist, kann die Società Mantica, den Weissagungs-Club, im Untergeschoß besuchen, das Herzstück des Projektes. Für uns bedeutet Weissagung nicht nur, die richtige Antwort zu kennen, sondern auch die richtige Frage zu stellen. Dies kann nur, wer sich selbst sehr gut kennt.

Was passiert in der Società Mantica?
In einem mehrheitlich in Weiß gehaltenen Raum stehen drei Tische. An zwei davon kann man sich selbst spielerisch befragen. An einem dritten Tisch sitzt ein Weissager vor Objekten in verschiedenen Formen und aus unterschiedlichen Materialien, die von ihm gelesen werden. Für das Projekt haben wir die archetypischen Figuren der Tarotkarten in Objekte übersetzt. Das ist die Geschichtserzählung dahinter.

Was lässt sich darüber hinaus in den Räumen entdecken?
Die Räume bringen viele unserer Entwürfe zusammen. Einige davon sind oder kommen in Produktion, andere sind experimentelle Projekte und limitierte Editionen, die keinen kommerziellen Richtlinien folgen und uns die Möglichkeit einer anderen Auseinandersetzung geben. Dazu haben wir Produkte von Designfirmen ausgewählt, mit denen wir zusammenarbeiten, und in Dialog mit Vintage-Stücken gestellt.

Les Arcanistes ist sehr beispielhaft für die verschiedenen Bereiche, mit denen ihr euch beschäftigt: Ihr habt 2006 als Stylistinnen angefangen und im Laufe der Jahre kam auch Innenarchitektur und Produktdesign dazu. Wie ging diese Entwicklung mit eurem Schaffen einher?
Wir haben beide Industriedesign am Politecnico in Mailand studiert. Nach unserem Abschluss zogen wir es jedoch vor, keine eigenen Produkte zu entwerfen, da wir das Gefühl hatten, dass es schon ein zu großes Angebot gab und wir darüber hinaus relativ wenig über die Produktion wussten. So haben wir uns entschieden, kreativ mit Objekten und Materialien zu spielen und fantasievolle Szenographien zu gestalten. Als noch die Innenarchitektur dazu kam, spürten wir erst die Notwendigkeit, selbst Produkte zu entwerfen, die wir auf dem Markt nicht finden konnten. So ging es mit dem Produktdesign los, und heute spielt es bei uns in der Agentur eine sehr wichtige Rolle.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Studiopepe

Arianna Lelli Mami (l.) und Chiara Di Pinto (r.) von Studipepe, Foto: Andrea Ferrari

Zum Profil

Studiopepe

www.studiopepe.info

Les Arcanistes

www.lesarcanistes.com

Mehr Menschen

Die Bescheidene

Rising Star 2000: Cecilie Manz

Rising Star 2000: Cecilie Manz

Der bescheidene Humanist

Highflyer 2000: Alfredo Häberli

Highflyer 2000: Alfredo Häberli

Der Designentdecker

2000-2020: Giulio Cappellini im Gespräch

2000-2020: Giulio Cappellini im Gespräch

Individualisierung durch Innenarchitektur

2000-2020: Jutta Blocher im Interview

2000-2020: Jutta Blocher im Interview

Captain Organic

Highflyer2000: Ross Lovegrove

Highflyer2000: Ross Lovegrove

Il grande maestro

Vico Magistretti zum 100. Geburtstag

Vico Magistretti zum 100. Geburtstag

Tom Dixon

„Wir dürfen nicht statisch bleiben.“

„Wir dürfen nicht statisch bleiben.“

Der Betonflüsterer

Omer Arbel im Gespräch

Omer Arbel im Gespräch

Reuber Henning

Bei dem Berliner Teppichlabel ist der Zufall Spielgefährte

Bei dem Berliner Teppichlabel ist der Zufall Spielgefährte

Studio Aberja

Räume ohne Dogma

Räume ohne Dogma

Thomas Kröger

Der Berliner Architekt über seine Leidenschaft für Innenräume

Der Berliner Architekt über seine Leidenschaft für Innenräume

Cristina Celestino

„Ein Interieur darf nicht wie ein Showroom aussehen.“

„Ein Interieur darf nicht wie ein Showroom aussehen.“

Gesa Hansen

Die in Paris lebende Designerin im Gespräch

Die in Paris lebende Designerin im Gespräch

Sabine Keggenhoff

„Ein guter Entwurf ist harte Arbeit.“

„Ein guter Entwurf ist harte Arbeit.“

Jonas Bjerre-Poulsen

Der Gründer von Norm Architects über Design als Evolution

Der Gründer von Norm Architects über Design als Evolution

Konstantin Grcic

Ein Gespräch über die vergangenen 20 Jahre

Ein Gespräch über die vergangenen 20 Jahre

llot llov

Ein Besuch im Studio von Ania Bauer und Jacob Brinck in Berlin

Ein Besuch im Studio von Ania Bauer und Jacob Brinck in Berlin

Camille Walala

Über die Gestaltung von Plätzen, Museen und Hotels

Über die Gestaltung von Plätzen, Museen und Hotels

David Löhr

Der Creative Director des Labels Loehr über Auswirkungen und Chancen der Coronakrise

Der Creative Director des Labels Loehr über Auswirkungen und Chancen der Coronakrise

Stefan Diez

Über die Globalisierung, sympathische Zukunftsvisionen und Sabbaticals

Über die Globalisierung, sympathische Zukunftsvisionen und Sabbaticals

Francesco Rota

Der italienische Designer über das Leben im Freien

Der italienische Designer über das Leben im Freien

Christian Haas

Der in Porto lebende Designer über das Comeback der Empathie

Der in Porto lebende Designer über das Comeback der Empathie

Robin Rizzini

Inmitten der Corona-Krise trafen wir den Designer von Studio Metrica

Inmitten der Corona-Krise trafen wir den Designer von Studio Metrica

Tilman Harlander

Der emeritierte Architektur- und Wohnsoziologe erklärt den Trend zu kleinen Wohnungen

Der emeritierte Architektur- und Wohnsoziologe erklärt den Trend zu kleinen Wohnungen

Lucidi Pevere

„Das Möbel soll sein eigenes Umfeld kreieren."

„Das Möbel soll sein eigenes Umfeld kreieren."

Patrick Batek

Der Berliner Architekt über die Bedeutung von Atmosphären

Der Berliner Architekt über die Bedeutung von Atmosphären

Raw-Edges

Yael Mer und Shay Alkalay über den Prozess des Experimentierens

Yael Mer und Shay Alkalay über den Prozess des Experimentierens

MUT Design

Ein Interview mit den spanischen Designern über Tradition und Moderne

Ein Interview mit den spanischen Designern über Tradition und Moderne

Keiji Takeuchi

„Mein Entwurf sollte etwas sehr Freundliches und Weiches besitzen.“

„Mein Entwurf sollte etwas sehr Freundliches und Weiches besitzen.“

Elli Mosayebi

Interview über das performative Haus

Interview über das performative Haus