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„Alle am Bau Beteiligten haben Verantwortung“

Ein Gespräch über nachhaltiges Bauen mit Lamia Messari-Becker

Wir haben mit Lamia Messari-Becker über die Chancen der Bauwende für eine baukulturelle Vielfalt, über notwendige politische Reformen und die Rolle der Innenarchitektur gesprochen.

von May-Britt Frank-Grosse, 19.02.2024

Lamia Messari-Becker ist Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik an der Universität Siegen und eine der prominentesten Beraterinnen der Politik. Sie war und ist Mitglied in zahlreichen Gremien, unter anderem von 2016 bis 2020 im Sachverständigenrat der Bundesregierung für Umweltfragen. Anfang des Jahres wurde Frau Messari-Becker zur Vordenkerin 2024 gewählt und am 6. Februar als Staatssekretärin des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum vereidigt.

Frau Messari-Becker, für welche Themen der Bauwende setzen Sie sich ein?
Ich beschäftige mich mit Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit im Hoch- und Städtebau. Dazu gehören unter anderem bauphysikalische und gebäudetechnische Fragen, Energiefragen, aber auch Kreislaufwirtschaft, Ressourcenpass-Lebenszyklusanalysen, Bauen im Bestand, Quartiersansätze, klimagerechtes Bauen und einiges mehr.

Würden Sie sagen, dass sich diese Themen in Deutschland auf einem guten Weg der Umsetzung befinden?
Es gibt noch viel zu tun und sehr viel Luft nach oben. Dass es 25 Jahre lang kein eigenständiges Bundesbauministerium gab und Bauen de facto ein Nomadenleben geführt hat, hat eindeutig Spuren hinterlassen. Die Innovationskraft der Baubranche wurde zu wenig genutzt. Dann der Zustand der Infrastruktur, die massive Wohnraumknappheit, die Überregulierung und ein fehlender Blick für das Ganze. Aber es wird besser, je mehr die Politik das Bauwesen als ein wichtiges soziokulturelles Handlungsfeld versteht.

Sie haben schon oft darauf hingewiesen, dass es wichtig ist, verschiedene Lösungen zu kombinieren. Weil die Ausgangsbedingungen divergieren und wir uns auch nicht nur auf eine Ressource fokussieren sollten. Bedeutet das nicht auch, dass wir viel regionaler und individueller an Bauaufgaben herangehen müssen?
Absolut. Jede Region hat ihre Stärken, ihre Eigenschaften und ihre Begabungen. Nehmen wir das Thema Energie. In Norddeutschland ist Windkraft sinnvoll, in Teilen von Süddeutschland empfiehlt sich auch Geothermie. Oder nehmen wir die Baumaterialien. Es ist wunderbar, dass im Norden mit Backstein gebaut wird. Im Süden hat Holzbauweise eine lange Tradition. Einige Infrastrukturbauwerke lassen sich besser in Stahlbetonbauweise errichten. In dieser Vielfalt liegt eine Stärke. Und natürlich werden Regionen ihre eigenen Kreisläufe aufbauen müssen – mit dem, was sie haben und in Kooperation mit der dortigen Industrie. In dieser Perspektive liegt auch eine große Chance, die baukulturelle Vielfalt zu bewahren und damit Identität zu stiften. Wichtig ist nur, dass alle insgesamt nachhaltiger handeln, egal ob bezogen auf Materialien, Energieversorgung oder Mobilität.

Kann der Markt die Bedarfe der Bauwende regeln? Wo müssen staatliche Regularien ergänzt werden?
Der Markt braucht Spielregeln, denn er alleine hat kein automatisches Gewissen oder einen Gerechtigkeitssinn. Die soziale Marktwirtschaft trägt nicht umsonst das Adjektiv „sozial“ vorneweg. Für die Bauwende braucht es viele Maßnahmen, die sich ergänzen. Einen anderen Umgang mit Fläche als die einzige nicht vermehrbare Ressource, mehr Innovation, mehr Kreislauf und Lebenszyklus im Blick, Reformen im Baurecht. Und übrigens nicht mehr, sondern an der Stelle weniger Richtlinien, weniger Bürokratie. Es ist nicht nur mit Gesetzen getan, davon haben wir sehr viele. Nach fünfzig Jahren Baurecht kann man die Ziele von morgen eben nicht mit veralteten und teils widersprüchlichen Gesetzen erreichen. Wir sollten das Baurecht derart reformieren, dass Qualität mit weniger Aufwand erreicht wird. Wichtig wäre auch, schrittweise ein nachhaltigkeitsorientiertes Vergabewesen zu etablieren.

Kann nachhaltiges Bauen überhaupt ökonomisch sinnvoll sein?
Es ist leider viel komplizierter. So wie unser Baurecht, unsere Standards und unsere Abläufe heute sind, verbrauchen wir leider extrem viele Ressourcen, sei es Fläche, Rohstoffe, Energie, Kosten und so weiter. Und das für eine letztlich fragwürdige ökologische und baukulturelle Qualität. „Nachhaltiges Bauen“ könnte in die Breite kommen, wenn wir Reformen anpacken, wenn wir Kreislaufwirtschaft etablieren und unsere Standards überdenken sowie Normen und Richtlinien entlüften.

Welche Relevanz haben Architekt*innen und Innenarchitekt*innen bei der Umsetzung der Bauwende?
Ich finde, alle am Bau Beteiligten haben Verantwortung, ob Kommunen, Betreiber, Projektentwickler – alle Planenden und später auch die Nutzer*innen. Jeder kann in seinem Rahmen agieren. Das heißt aber nicht, dass alle in jeder Phase den gleichen Einfluss haben. Nur einige Beispiele: Wenn Grundstücke überteuert verkauft werden, erschwert das von vornherein, darauf irgendwie kostengünstigen Wohnraum zu schaffen. Sind gesetzliche Standards bei Umbauten zu streng, ist es schwer, Bestandsbauten klug weiterzuentwickeln und umzunutzen und letztendlich so auch Wohnraum ohne Flächenverbrauch zu schaffen. Haben benachbarte Bundesländer völlig unterschiedliche Bauordnungen, so unterbinden sie – ungewollt – den Wissenstransfer zwischen Projektträgern. Und auch unser Normungswesen ufert ins Absurde. Das ist die Gesetzesseite. Wir Planer haben aber auch Verantwortung für architektonische, baukulturelle Qualität, für Lebenszykluskosten, für flächeneffiziente, flexible Grundrisse. Ähnlich tragen andere Fachdisziplinen der Raum-, Landschafts-, Verkehrs-, Energieplanung und -entwicklung Verantwortung. Am Ende geht es darum, gemeinsam lebenswerte Räume zu schaffen und zu erhalten.

Und wo wäre die Rolle der Innenarchitekt*innen bei alldem?
Mittendrin. Eine lange Nutzungsdauer von Gebäuden ist per se nachhaltig. Und kluge Innenarchitektur trägt grundsätzlich genau dazu bei, dass Menschen ihre Gebäude lange nutzen, sich gerne darin aufhalten, leben und arbeiten. Wir alle wissen, wie oft der Innenausbau während der Nutzungsphase eines Gebäudes – je nach Funktion und teils bei Nutzerwechsel – geändert oder erneuert wird. Die Innenarchitektur kann hier dafür sorgen, durch kreislauffähige Einbauten den Ressourcenaufwand zu reduzieren. Wie gesagt, jeder im Rahmen seiner Aufgabe.

Die Innenarchitektur gilt ja eher als schnelllebige Disziplin.
Und gerade deshalb ist es immens wichtig, all diese schnell wechselnden Innenausbauten und Inneneinrichtungen kreislauffähig, rückbaubar zu konzipieren und umzusetzen. Auch Innenausstattungen auf Zeit mieten, anstatt „als Eigentum oder festen Bestandteil einbauen“ wäre grundsätzlich denkbar. Das führt übrigens teils dazu, dass die Lieferanten ein hohes Eigeninteresse haben, die Einbauten möglichst schonend abzubauen und sie anderweitig zu nutzen. Das ist ökonomisch und ökologisch sinnvoll.

Welche Voraussetzungen müssen Büros erfüllen, um im Sinne der Nachhaltigkeit zu planen und zu bauen?
Eine Voraussetzung wäre, dass ein Büro in der Lage sein muss, über sein Fachgebiet hinaus, das ja sein Kerngeschäft definiert, mit den anderen Fachgebieten sehr frühzeitig zusammenzuarbeiten. Das schafft man eigentlich nur, wenn man eine weitere Voraussetzung mitbringt, nämlich offen gegenüber Lösungen, Entwürfen, Ideen anderer zu sein. In dieser Offenheit entwickeln sich gemeinsame nachhaltige Lösungen. Auch deshalb plädiere ich schon länger dafür, Wettbewerbsteams, die gemeinsam gewonnen haben, dann auch gemeinsam zu beauftragen. Das unterstützt eine integrale Zusammenarbeit.

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