Menschen

Für die Schönheit des Planeten

Ein Gespräch über nachhaltige Möbel mit Andrea Mulloni von Arper

Man kann sagen, dass Arper in Bezug auf die Nachhaltigkeit von Möbeln so etwas wie ein Vorreiter ist. Denn das italienische Unternehmen, im Jahr 1989 gegründet, hatte bereits 2005 eine eigene Umweltabteilung ins Leben gerufen. Das bedeutet, dass Arper seit 18 Jahren eine Sensibilität für die vielfältigsten Nachhaltigkeitsfragen hat - mit zahlreichen Zertifikaten und Erfahrungen in diesem Bereich. baunetz id sprach mit Andrea Mulloni, dem Leiter der Umweltabteilung, über den ersten Nachhaltigkeitsbericht von Arper, über smarte Strategien, Erfolge und eine wertorientierte Ästhetik.

von Kathrin Spohr, 12.12.2023

Warum veröffentlichen Sie ausgerechnet jetzt Ihren ersten Bericht? Inwieweit ist dies ein wichtiger Schritt für Arper, da Sie sich schon so lange mit Nachhaltigkeit beschäftigen?
Nachhaltigkeit ist eine der Grundlagen unserer Marke. Der Report ist ein Ausgangspunkt, um unseren Einfluss konkret zu messen und unser Engagement zu präsentieren. Außerdem haben wir so viele Projekte ins Leben gerufen und so viele verschiedene Dokumente und Broschüren zum Thema Nachhaltigkeit erstellt. Wir mussten unsere Bemühungen an einem Ort bündeln.

Wie ist die Reaktion auf den Bericht?
Er ist extern wie intern auf große Resonanz gestoßen! Das ist cool, es bringt sozusagen unsere ganze Maschine neu zusammen. Der Bericht ist in der Tat ein sehr wirkungsvolles Instrument zur Fokussierung!

Ihre Nachhaltigkeitsstrategie stützt sich auf drei Säulen: Wellbeing of People, Circular Business Models und Full Life-Cycle Traceability. Können Sie diese Säulen ein wenig näher erläutern?
Unter „Wellbeing of People“ verstehen wir das Wohlbefinden all jener, die sich um uns herum bewegen – von Kunden über Mitarbeiter bis hin zu allen unseren Stakeholdern. Die zweite Säule besteht darin, den Übergang zur Verwirklichung einer Kreislaufwirtschaft zu gestalten. Linearität ist keine Option mehr. Das ist eine große Sache. Um dies zu betonen, haben wir uns für kreislauforientierte Geschäftsmodelle entschieden. Und was am Ende des Tages wirklich zählt, ist die Reduzierung der Auswirkungen. Das ist die dritte Säule. Aus diesen Themen haben wir unsere kurz- und langfristigen Strategien entwickelt. Wenn etwas nicht in eine dieser drei Säulen passt, ist es keine Aktivität unseres Fokus. Nachhaltigkeit ist ein riesiges, neues Feld, daher ist es erneut wichtig, den Fokus zu behalten.

Haben Sie ein Beispiel für Ihre Projekte in einer Ihrer Säulen?
Für das „Wellbeing of People“ haben wir zum Beispiel letztes Jahr das „Carpooling“-Projekt gestartet. Es funktioniert mit einer App: Man verbindet sich mit anderen Kollegen, die in der Nähe wohnen, um sich abholen zu lassen oder abzuholen und gemeinsam zur Arbeit zu fahren. Abgesehen davon, dass es zu weniger Verkehr, weniger Umweltverschmutzung und so weiter führt, hat es einen weiteren positiven Nebeneffekt: Wir haben neue Verbindungen zwischen Kollegen kreiert, die sich vorher nicht kannten, zum Beispiel aus Verkauf und Logistik. Wir haben Communities geschaffen. Wir retten damit nicht die Welt, aber wir ermutigen die Menschen zu verstehen, dass sie das Auto nicht wirklich brauchen. Auf diese Weise fangen sie an, die positiven Effekte von Nachhaltigkeit zu sehen. Und dann ist man als Unternehmen in der Lage, etwas Größeres zu bewirken. Man muss Wege finden, um die Leute mit ins Boot zu holen.

Haben Sie ein Beispiel für ein Projekt im Bereich „Full Life-Cycle Traceability“?
Wir erstellen jedes Jahr einen CO2-Fußabdruck für unser Unternehmen. So wissen wir, wie viel CO2 Arper mit all seinen Prozessen, Lieferanten und Materialien ausstößt – es dauert etwa 6 bis 7 Monate, all diese Informationen und Berechnungen zu sammeln. Jedes Unternehmen sollte dies tun, weil man dabei entscheidende Dinge lernt: Wir wissen zum Beispiel jetzt, dass mehr als 80 Prozent unserer Emissionen von unserem Lieferantennetzwerk stammen. Mit anderen Worten: Es macht für uns keinen Sinn, mit Sonnenkollektoren auf dem Dach zu beginnen, denn das sind nur 3 Prozent unserer Auswirkungen. Es macht mehr Sinn, unsere Zulieferer mit Solarzellen auszustatten.

Was war Ihre Konsequenz aus der Erkenntnis?
Wir haben ein Projekt mit dem Namen „Arper District“ ins Leben gerufen: 73 Prozent unseres Lieferantennetzes befindet sich jetzt in einem Umkreis von 100 Kilometern. Dadurch sind wir gezwungen, bestimmte Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel das Unternehmen auszuwählen, das vielleicht ein bisschen mehr kostet. Einmal im Jahr laden wir die Unternehmen ein, um sie über unsere aktuellen und zukünftigen Nachhaltigkeitsmaßnahmen zu informieren. Wir legen Zahlen und Berechnungen vor. Die meisten dieser Lieferanten sind kleine Unternehmen. Oft haben sie keine Ahnung von Nachhaltigkeit. Deshalb haben wir beschlossen, sie kostenlos mit Wissen zu versorgen. Wir betrachten sie als eine Erweiterung unseres Unternehmens. Deshalb zählen sie zu den 80 Prozent unserer Emissionen.

Sie planen, Ihren Fußabdruck bis 2030 um 42 Prozent zu verringern. Wie wollen Sie das erreichen?
Diese Zahl verstehen wir als Verpflichtung uns selbst gegenüber. Es ist unsere selbst gewählte Herausforderung. Wir haben Ideen, wie wir das Ziel erreichen können, denn wir wissen, wo unser Hauptimpact liegt: Leder und Aluminium sind große Themen. Werkzeuge, aber auch unsere Energiebeschaffung und Effizienz sind hier wichtig.

Worin sehen Sie derzeit die größte Herausforderung für Ihr Unternehmen in Bezug auf Nachhaltigkeit?
Wir müssen noch mehr in die interne Wahrnehmung von Nachhaltigkeit investieren. Wir brauchen jeden bei Arper an Bord, wenn wir diese 42 Prozent erreichen wollen. Vor ein paar Wochen haben wir mit allen Mitarbeitern Workshops zum Thema Nachhaltigkeit durchgeführt. Wir investieren in „Nachhaltigkeitsbotschafter“ im gesamten Unternehmen: 12 Personen, die sämtliche Arper-Abteilungen repräsentieren. Diese Botschafter sind in alle Prozesse und Entscheidungen bei Arper eingebunden. Je allgegenwärtiger Nachhaltigkeit wird, desto besser!

Ihre „sustainable journey“ führt Sie zu vielen neuen Projekten. Eines davon ist die „End-of-Life-Montage“ mit einem Unternehmen in den Niederlanden. Können Sie uns mehr über dieses Projekt erzählen?
Die niederländische Regierung übt Druck auf die Unternehmen aus, damit sie Möbel länger benutzen. Tun sie das nicht, werden etwa Subventionen gekürzt. Daher können viele Unternehmen keine neuen Möbel anschaffen. Mit diesem Projekt bieten wir die Möglichkeit, unsere Produkte zurückzunehmen, zu renovieren, aufzupolstern und die Komponenten auszutauschen, die nicht mehr funktionieren. Wir verlängern die Lebensdauer unserer Produkte.

Ist der Mehrwert der Nachhaltigkeit bei Ihren Produkten mit höheren Preisen verbunden?
Arper erhöht die Preise nur, wenn die Kosten für Material, Energie und Transport steigen. Man sollte nicht mehr für Nachhaltigkeit bezahlen! Weil die Leute dann nicht auf das Boot der Nachhaltigkeit aufspringen. Sie wollen nicht mehr für Nachhaltigkeit bezahlen. Nicht jetzt. Für die Unternehmen aber ist es wichtig, weiterzumachen – dies ist ein historischer Moment, in dem wir eine Führungsrolle in diesem Bereich einnehmen können.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus 18 Jahren Umweltabteilung bei Arper?
Um einen großen Schritt nach vorne zu machen, muss man seinen Ausgangspunkt kennen: Man muss zuerst wissen, wie stark die Umwelt durch das eigene Unternehmen belastet wird, bevor man sagen kann, wie man es besser macht. Oft wollen Unternehmen ihre Auswirkungen einfach um 10, 20, 30 Prozent verringern, ohne irgendeine Ahnung zu haben, wie hoch ihr Impact ist und woher er kommt.

Es ist eine sehr interessante Zeit mit vielen neuen Entwicklungen…
Nachhaltigkeit ist eine neue Wissenschaft. Wir stehen am Anfang dieser großen Sache. Das bedeutet eine Menge neuer Möglichkeiten. Aber es gibt so gut wie keine Erfahrung, die einem sagen könnte, wie und was als Nächstes zu tun wäre. Nachhaltigkeit ist also etwas, das jeden Tag neu entdeckt werden muss: Neue Normen, neue Berichte, neue Ansätze, neue Materialien, neue Energieformen. Man muss immer auf dem neuesten Stand sein! Das ist sehr spannend und gleichzeitig auch anstrengend, weil man sich nicht wirklich zurücklehnen kann.

„Eine schöne, vitale Welt“ – so lautet die Brand Vision von Arper. Wie sieht diese schöne, vitale Welt in zehn Jahren aus?
Wahrscheinlich wird eine schöne, vitale Welt in Zukunft etwas sein, wo Werte über Ästhetik siegen. Das bedeutet auch, dass die Bereitschaft zu ästhetischen Kompromissen steigen muss, um zum Beispiel Möbel besser zerlegen zu können. Es geht dann um die Frage, wie wir Dinge tun. Und nicht darum, was wir tun. Wo ein Teil der Design-Entscheidungen Nachhaltigkeit im Sinne eines sozialen Ansatzes versteht, im Sinne der guten Dinge, die man für die Welt tut. Für die Schönheit des Planeten!

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