Menschen

Das Beste aus zwei Welten

Jungdesignerin Anna Herrmann im Porträt

Schwedische Mutter, deutscher Vater, dazu drei gestalterische Ausbildungen und erste Praxiserfolge: Die Jungdesignerin Anna Herrmann steht für eine neue Generation so umweltbewusster wie ganzheitlicher Formgeber*innen.

von Franziska Horn, 25.07.2023

Auf dem Tisch des Studios von Anna Herrmann südlich der Münchner City liegen bunte Holzproben, gefärbt mit alternativen Methoden. „Synthetische Farben und Lacke bewirken den größten Mikroplastikanteil im Ozean“, erklärt Anna Herrmann. „Daher experimentiere ich aktuell mit natürlichen Materialien und Pflanzen wie Rotkohl, Kurkuma, Avocadoschalen oder Algen.“ Es handelt sich dabei um eine Versuchsreihe im Rahmen ihrer Bachelorarbeit des Studiengangs Innenarchitektur an der Akademie der Bildenden Künste München. Auch Backpulver setzte die junge Designerin schon als Finish ein. Überraschenderweise sorgt es beim Trocknen für eine glänzende Oberfläche. Manchmal sind es ungewöhnliche Ansätze, die – konsequent umgesetzt – erstaunlich viel bewirken können.

Ressourcenschonendes Design
Natürlich sind Aspekte der Nachhaltigkeit im Jahr 2023 aus dem Alltagsleben nicht mehr wegzudenken und daher auch elementar für die Arbeit heutiger Designer*innen. Dazu gehört das Upcycling, das Umnutzen gebrauchter Gegenstände, um ihren Lebenszyklus zu verlängern. Ein Statement gegen die Wegwerfgesellschaft. In diesem Sinne entwarf Anna Herrmann den Freischwinger 50 den und verwebte hierfür wiederverwertete Nylonstrümpfe zu einer Sitzfläche für ein Drahtrohrgestell. „Sobald Nylons Laufmaschen ziehen, sind sie praktisch wertlos“, beschreibt sie ihren Ansatz. „Zu einer kompakten Sitzfläche verwebt, erweist sich das empfindliche Material jedoch als widerstands- und strapazierfähig.“ Außerdem hat die aus mehreren Farben bestehende Oberfläche eine interessante Optik. Gebrauchsgegenstände mehrfach zu nutzen, diese in einen neuen Kontext zu stellen und damit Ressourcen zu schonen, das wird künftig immer wichtiger werden.

Einfluss zweier Kulturkreise
Derzeit arbeitet die Jungdesignerin in München daran, sich ein eigenes Label aufzubauen. Mit besagter Bachelorarbeit schließt sie ihren insgesamt dritten Studiengang ab: Zuvor absolvierte sie gestalterische Ausbildungen an der Universität Aachen und am Beckmanns College of Design in Stockholm. Diese schulische Ausbildung trifft auf den Input zweier Kulturkreise: Anna Herrmann ist mit einer schwedischen Mutter und einem deutschen Vater aufgewachsen und profitiert von den Designtraditionen zweier Welten. Wie die kulturellen Unterschiede aussehen? Ihre Antwort bezieht sich eher auf das Prozedere als auf Aspekte wie Handschrift oder Formgebung: „In Schweden werden die Argumente in der Diskussion um Design weicher verpackt, man ist offener und man wird für seine unterschiedliche Art oder Individualität eher gefeiert als in Deutschland. Dafür ist man in Deutschland zielorientierter, perfektionistischer und kritikfreudiger“, erklärt sie.

Erste Entwürfe
Im Fokus der 1994 geborenen Gestalterin stehen Licht, Möbel, Produktdesign und Innenraumkonzepte. Schon während ihres Praktikums bei Ikea entwarf sie realitätstaugliche Modelle wie eine Kräuter- und eine Pflanzenschere mit Namen Brytböna, die in Produktion gingen. Auch das Regalsystem Tullstorp, entstanden in Zusammenarbeit mit ihrem Kollegen Friso Wiersma, brachte Ikea auf den Markt. Gedanken zu „typisch schwedischem“ oder „typisch deutschem“ Design kann Anna Herrmann aber nicht wirklich nachempfinden. Sie stellt infrage, ob Design überhaupt eine nationale Identität hat. „Allein in Schweden gibt es 1.000 unterschiedliche Strömungen, wobei die Szene insgesamt kleiner ist als in Deutschland“, meint sie.

Wut ist ein Giftzwerg
Viel Sensibilität strahlen ihre Entwürfe für Kinder aus. Da sind zum Beispiel der Spielzeugbär Franka aus gesteckten Holzelementen oder die Modelle der Serie Coto: vier kleine Seelenschmeichler aus Fell, Stoff und Holz, die jeweils eine Emotion verkörpern – Trauer, Angst, Freude oder Wut. Die Serie entstammt einer Semesterarbeit vom Beckmans College of Design zum Thema Tod. „Manche Studenten arbeiteten an einem neuen Typ von Urne, aber ich habe mir eine Nische gesucht und wollte positivere Objekte entwerfen“, erzählt sie. In Gesprächen mit ihrer Mutter, einer Psychotherapeutin, entwickelte sie die Mini-Figuren, die es dem Kind erleichtern sollen, über Gefühle zu sprechen. Für „Wut“ steht ein kleiner Knautschball mit Hut, „eine Art Giftzwerg“, meint die Designerin. „Trauer“ wird von einem Objekt mit Schlappohr umrissen, „Freude“ in Form eines Holzkreisels. Produziert wird die Serie noch nicht – doch vielleicht findet sich bald ein Hersteller, der das Potenzial der Modelle erkennt.

Türöffner für Designerinnen
Und die Zukunftsmusik? „Ich möchte gerne frei arbeiten“, sagt Anna Herrmann. Die Weichen hierfür sind gestellt, dafür sorgte auch ihre Zusammenarbeit mit dem bekannten schwedischen Designer Alexander Lervik. In seiner Funktion als Designdozent hatte Lervik beobachtet, dass es zwar viele Studentinnen an den Hochschulen gibt, aber nur wenige in der Branche ankommen. Also rief er das Projekt Plus 1 ins Leben, bei dem ein etablierter Gestalter (Lervik) mit einer Nachwuchsdesignerin (Herrmann) im Tandem für große Einrichtungsfirmen entwirft und arbeitet. Um Türen zu öffnen, um bewusst den weiblichen Nachwuchs zu fördern und in der Branche zu etablieren. Den Praxistext bestehen müssen die Mentees dann aber alleine.

Gestalten im Tandem
So half Lervik dabei, Herrmanns Bachelorarbeit – die Wandleuchte Juno – vom Hersteller Noon produzieren zu lassen. Für den Möbelproduzenten Johanson aus dem schwedischen Markaryd entwickelte das Duo gemeinsam einen Polstersessel, der im September 2022 auf der Stockholm Design Week präsentiert wurde. Mit seinen weichen Linien und Rundungen erinnert der Poodle Armchair nicht zufällig an die Silhouette eines ondulierten Pudels. „Auf der Suche nach einer Frisur für meinen Hund bin ich im Internet auf das Porträt eines Rassepudels gestoßen. Er inspirierte mich zu diesem Modell“, erzählt Anna Herrmann. Der Poodle Armchair wurde inzwischen um einen Stuhl erweitert, ein Tisch komplettiert die Serie. Für den ebenfalls schwedischen Möbelproduzenten Gärsnäs entwickelte Herrmann den stapelbaren Barstuhl Fransson aus Holz und Leder. Auch ihr Kinderstuhl Kinzen vereint als Mitwachsmöbel praktische mit ästhetischen Aspekten. Summa summarum: Von dieser Designerin werden wir in Zukunft noch viel hören.

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Links

Webpräsenz

Anna Herrmann

www.herrmann-anna.com

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