Menschen

Atelier OÏ

„Wir denken mit den Händen und finden die Lösungen im Umgang mit Materialien."

von Dorothea Scheidl-Nennemann, 27.03.2019

Dank technischer Errungenschaften, neuer Arbeitsphilosophien und Unternehmenskulturen sind wir heute sehr mobil in der Wahl des Arbeitsortes. Diese Gegebenheit erfordert eine ganz neue Definition des Büros, das überall sein kann. Insbesondere die sogenannten Wissensarbeiter sind führend unter den Virtuosen der gelebten Selbstbestimmung wenn es darum geht, im Homeoffice, in der Bahn, im Café oder eben im Büro zu arbeiten. Doch auch innerhalb einer Organisation und baulichen Einheit werden Arbeitsräume zunehmend prozess- und projektorientierter gedacht und umgesetzt.

Konzentriertes Arbeiten, Besprechungen, Präsentationen, informelle Begegnungen oder teambasierte Projektarbeit erfordern unterschiedlichste räumliche Gegebenheiten und dazu passendes Mobiliar. Anlässlich der Zusammenarbeit beim Loungemöbel Velum sprach die Pressesprecherin des Möbelherstellers Girsberger, Dorothea Scheidl-Nennemann, mit Aurel Aebi und Reto Ulrich vom Schweizer Atelier Oï. Die Arbeit des transdisziplinär arbeitenden Büros mit Sitz in einem ehemaligen Motel aus den Sechzigerjahren ist in den Bereichen Architektur, Innenarchitektur, Interior- und Produktdesign angesiedelt.

Welche Kriterien muss Ihrer Meinung nach ein Büro heute unter dem Aspekt „Cosy Office“ erfüllen? Aurel Aebi: Bisher gab es die allgemeine Auffassung, Räume müssten multifunktional sein. Heute gehen wir davon aus, dass es verschiedene Zonen geben muss, die unterschiedlichen Anforderungen gerecht werden. Man überlegt sich morgens, welche Tätigkeit man verrichten wird und wählt dann die ideale Umgebung dafür. Co-Working, Co-Living …, all diese Begrifflichkeiten bewegen sich zwischen dem Physischen und dem Digitalen. Man bewegt sich auch zwischen dem Arbeiten und dem Wohnen. In den kommenden zehn Jahren wird es viel um dieses Dazwischen gehen, denn in vielen Berufen ist man noch nicht ganz im Digitalen angekommen. Wir befinden uns heute an der Schnittstelle nach dem Motto „Arbeitest Du noch oder wohnst Du schon?“ Es geht also auch um die Frage, ob ich noch ins Büro fahren muss oder auch von zu Hause arbeiten kann. Grundsätzlich gilt: Je mehr man am Computer arbeitet, desto mehr sehnt man sich nach einem soften Umfeld. Daher spielt es eine grosse Rolle, welche Gebärden Räume und Möbel wie etwa eine Lounge zum Ausdruck bringen.

Ihr Büro ist eine kreative Ideenschmiede, die intellektuelles und handwerkliches Knowhow verbindet. Welche Prinzipien setzen Sie in der Bürogestaltung um? Reto Ulrich: Gerade beim kreativen Austausch fühlt man sich freier in einer Atmosphäre, die nicht nach Büro schreit. Das Wohlfühlen ist hier wichtig, damit man effizient ist. Aber es gibt auch Tätigkeiten, die ein anderes Umfeld und andere Raumeigenschaften verlangen, um ein angenehmes Zusammenarbeiten zu gewährleisten.

AA: Es gibt doch den Spruch: „Es war einmal ein Lattenzaun mit Zwischenraum, um durchzuschaun. Ein Architekt, der dieses sah, nahm den Zwischenraum heraus und baute draus ein Haus.“ Wir jedoch zeigen, dass aus dem Zwischenraum selbst auch etwas entstehen kann. Unsere Arbeitsplätze beispielsweise befinden sich in Räumen, den ehemaligen Motel-Zimmern, in denen wir einerseits konzentriert arbeiten können, die aber zum Gang hin offen sind und Einblick gewähren. Auf der gegenüberliegenden Gangseite haben wir jeweils Nischen in der Fassade geschaffen, in denen Materialproben, Details oder auch fertige Produkte gezeigt werden. So ist einerseits der Stauraum vom unmittelbaren Arbeitsplatz ausgelagert, bietet aber andererseits immer Partizipations- und Diskussionsmöglichkeit – er funktioniert wie ein Schaufenster, an dem jeder vorbeikommt.

Gibt es Konzepte und räumliche Problemlösungen aus dem Atelier Oï, die Sie auch interessant fänden, um sie als Modell auf andere Bürostrukturen zu übertragen? RU: Aus meiner Sicht als Mitarbeiter ist es gerade dieser grosse Raum, in dem wir uns befinden. Hier werden die erreichten Arbeitsschritte eines Entwurfsprozesses gemeinsam diskutiert – hier erhalten wir von den Kollegen unmittelbares Feedback. Der Austausch funktioniert ganz natürlich, denn nebenan befindet sich unser Pausenraum und jeder schaut hier auch rein, probiert aus, hat eine Meinung. Wenn ein Betrieb eine offene Diskussionskultur fördert, ist dies eine wesentliche Voraussetzung für das New Office. Denn alleine durch eine Fancy Lounge und einige nette Möbelkonstellationen oder sonstige Gags können keine zufälligen Gespräche forciert werden. Man muss es auch vorleben und kultivieren.



Für Girsberger haben Sie im vergangenen Herbst die Business Lounge „Velum“ entworfen. Wie sah das Briefing aus? AA: Das Briefing war relativ offen. Bei der Suche nach dem zentralen Thema entschieden wir uns für einen leisen Ansatz, der nicht schreit. Schliesslich geht es darum, Schutz und Geborgenheit zu bieten. In Japan sagt man: Vier Stützen definieren einen Raum. Es braucht nicht mehr. So kann man sich auch vorstellen, dass mit einer definierten Ecke ein Raum eröffnet werden kann. Man muss mehr die Leere planen, als das Volle. Es geht um den Ansatz von „in Feld“ und „Umfeld“. Ist etwas nur das eigene Teil selbst oder beinhaltet es räumliche Aspekte. Hier im grossen Raum des Ateliers haben wir beispielsweise diese Vorhänge, die wie durch eine Art grosse Büroklammer gehalten und gereiht werden. Dadurch ergibt sich ein regelmässiger architektonischer Wellenschlag – fast mit der Anmutung eines Wellblechs. Hier entsteht mit einem simplen Faltenwurf „halb Raum, halb Möbel“. Dies ist für uns spannend, weil es dem Material eine gewisse Freiheit lässt.

Wie kann das Wesentliche Ihres Entwurfsansatzes zusammengefasst werden?AA: Wir denken mit den Händen und finden die Lösungen im Umgang mit den Materialien – durch Fühlen, Ausprobieren und Versuchsmodelle. Dabei ist unsere Matériauthèque im Untergeschoss sehr wertvoll, eine Materialbibliothek, in der wir rund 20.000 verschiedenste Materialien archivieren. Oft haben wir vor der Formidee eine Materialidee und aus dem Material heraus entsteht eine Form. Wir gehen also wie ein Koch an die Sache heran. Wenn wir etwas besser machen wollen, verändern wir die Zutaten. Genauso funktionieren wir. Wenn das Material etwas nicht mitmachen will, bringt es dies zum Ausdruck. Im Modellbau fertigen wir Eins-zu-eins-Modelle, um die Raumverhältnisse genau zu prüfen, oftmals greifen wir auch auf archivierte Ideen und Lösungsansätze aus der Vergangenheit zurück, die in einem ganz anderen Kontext in verwandelter Weise wieder Sinn machen.

Der Gedanke, wie in Zukunft gearbeitet werden wird, wird sicher von Girsberger mitgeprägt und ist in den Entwurf eingeflossen. Velum entstand in einer Art Co-Creation. Auch im Atelier Oï sind wir keine One-Man-Show. Viele geben beim Entstehungsprozess gemeinsam das Beste für die Sache. So ist es uns auch willkommen, wenn erfahrende Experten und Designer wie bei Girsberger auch während des Prozesses noch klare Inputs geben.

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Girsberger

Die Schweizer Unternehmensgruppe wurde im Jahr 1889 als Drechslerei gegründet und entwickelte sich bald zu einem namhaften Sitzmöbelhersteller. Schwerpunkt des Angebots sind heute qualitativ hochwertige und innovative Möbellösungen für den Büro-, Objekt- und Wohnbereich sowie eine besondere Verarbeitungskompetenz im Segment Massivholz.

Zum Showroom

Atelier OÏ

Zum Profil

Mehr Menschen

Ein Däne in Berlin

Studiobesuch bei Sigurd Larsen

Studiobesuch bei Sigurd Larsen

Der Mensch im Mittelpunkt

Georg Thiersch vom Münchner Büro 1zu33 im Gespräch

Georg Thiersch vom Münchner Büro 1zu33 im Gespräch

Karim El Ishmawi

Der Partner des Berliner Büros Kinzo im Interview

Der Partner des Berliner Büros Kinzo im Interview

Ippolito Fleitz Group

Ein Gespräch über die Entstehung der modularen und vertikalen Pflanzwand für Brunner

Ein Gespräch über die Entstehung der modularen und vertikalen Pflanzwand für Brunner

Gonzalez Haase AAS

Ein Interview über kritische Räume und die Arbeit in Quarantäne

Ein Interview über kritische Räume und die Arbeit in Quarantäne

Susanne Hofmann

Wir trafen die Partizipations-Pionierin zum Gespräch.

Wir trafen die Partizipations-Pionierin zum Gespräch.

Samir Ayoub

Ein Interview, das verrät wie Räume Leistungsergebnisse steigern

Ein Interview, das verrät wie Räume Leistungsergebnisse steigern

LXSY Architekten

Margit Sichrovsky im Gespräch über die Gestaltung neuer Arbeitswelten

Margit Sichrovsky im Gespräch über die Gestaltung neuer Arbeitswelten

Atelier I+N

Ein Interview mit den Zwillingen Ismaël und Nathan Studer

Ein Interview mit den Zwillingen Ismaël und Nathan Studer

Philippe Malouin

„Die meisten Bürostühle sind technisch überzüchtet.“

„Die meisten Bürostühle sind technisch überzüchtet.“

Katrin Ohlmer und Dirk Krischenowski

Das Duo von Dotzon über digitale und analoge Heimat

Das Duo von Dotzon über digitale und analoge Heimat

Konstantin Grcic

Die Gedankenwelt des Designers ist leise. Wir haben ihn interviewt.

Die Gedankenwelt des Designers ist leise. Wir haben ihn interviewt.

Jehs+Laub

Das Stuttgarter Duo im Interview über den perfekten Stuhl, den es nie geben wird

Das Stuttgarter Duo im Interview über den perfekten Stuhl, den es nie geben wird

Antonio Citterio

Ein Gespräch über die Tugend guter Gestaltung

Ein Gespräch über die Tugend guter Gestaltung

Kollektiv A

Ein Interview über die Freiheit

Ein Interview über die Freiheit

Relvao Kellermann

Die Designer über Normcore fürs Büro

Die Designer über Normcore fürs Büro

Michael Englisch und Burkhard Remmers von Wilkhahn

Gedanken über die Bürowelt

Gedanken über die Bürowelt

Ellen van Loon

Die OMA-Partnerin im Interview

Die OMA-Partnerin im Interview

Ole Scheeren

Wir sprachen mit dem Architekten über sein erstes deutsches Projekt

Wir sprachen mit dem Architekten über sein erstes deutsches Projekt

Max Dudler

Wir sprachen über die Moderne und den Look eines seriösen Architekten

Wir sprachen über die Moderne und den Look eines seriösen Architekten

Judith Daur

Die Sedus-Designerin und ihre Erfahrungen aus der Inhouse-Gestaltung

Die Sedus-Designerin und ihre Erfahrungen aus der Inhouse-Gestaltung

Dieter Rams

Schon vor zehn Jahren hat Dieter Rams uns das Geheimnis guter Gestaltung anvertraut.

Schon vor zehn Jahren hat Dieter Rams uns das Geheimnis guter Gestaltung anvertraut.

New Tendency

Ein Gespräch mit den Brüdern Manuel und Christoph Goller

Ein Gespräch mit den Brüdern Manuel und Christoph Goller

Andrés Damjanov

Der Sales-Director von Newforma über Ängste von Architekten und die Verwaltung von Nullen und Einsen.

Der Sales-Director von Newforma über Ängste von Architekten und die Verwaltung von Nullen und Einsen.

Konstantin Grcic

Hört Musik oder tut auch mal nichts: Der Münchner Gestalter über Werkzeuge, Bürokultur und richtig Sitzen.

Hört Musik oder tut auch mal nichts: Der Münchner Gestalter über Werkzeuge, Bürokultur und richtig Sitzen.

Thorsten Franck

„Design ist für mich ein Dreiklang.“

„Design ist für mich ein Dreiklang.“

Werner Aisslinger

Der Berliner Designer über luftige Büromöbel, farbige Arbeitswelten und Roboter im Strickpullover.

Der Berliner Designer über luftige Büromöbel, farbige Arbeitswelten und Roboter im Strickpullover.

Pernilla Ohrstedt & Jonathan Olivares

Ein Gespräch über Collagen, Kollaborationen und die Karambolagen des Arbeitsalltags.

Ein Gespräch über Collagen, Kollaborationen und die Karambolagen des Arbeitsalltags.

Edward Barber und Jay Osgerby

Edward Barber und Jay Osgerby im Interview über ihren Pacific Chair für Vitra.

Edward Barber und Jay Osgerby im Interview über ihren Pacific Chair für Vitra.

Wie big ist BIG: Kai-Uwe Bergmann

BIG-Partner Bergmann über Ideen aus dem Vakuum und warum gute Dinge ihre Zeit brauchen.

BIG-Partner Bergmann über Ideen aus dem Vakuum und warum gute Dinge ihre Zeit brauchen.