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Braucht man wirklich einen neuen Teppich?

Die Innenarchitektin Monika Lepel im Gespräch

Monika Lepel ist Innenarchitektin und Gründerin des Büros Lepel & Lepel in Köln. Zusammen mit ihrem Ehemann, dem Architekten Reinhard Lepel, führt sie dort ein circa 30-köpfiges Team. Räume, die Identität stiften, unter Berücksichtigung sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Verantwortung, sind schon lange der Fokus. Im Interview erzählt Monika Lepel, welche Bedeutung die „Deklaration Nachhaltigkeit Innenarchitektur“ für sie hat, wie sie das Dokument in der Arbeitspraxis einsetzt und welche Perspektiven sie dafür sieht.

von Kathrin Spohr, 05.04.2022

Inwiefern spielt Nachhaltigkeit eine Rolle in Ihrem Arbeitsalltag?
Nachhaltigkeit ist seit Langem bei uns Thema: Unser Büro befindet sich in dem Gebäude Clouth 104 in Köln-Nippes, das mit DGNB Platin zertifiziert ist. Außerdem haben wir vor einiger Zeit das Fachgebiet „Nachhaltigkeit“ aufgebaut, wo Architekt*innen und Innenarchitekt*innen das Thema Nachhaltigkeit proaktiv und projektübergreifend vorantreiben. Seit geraumer Zeit sind wir dabei, unsere Materialbibliothek konsequent zu sichten: Wir sortieren aus. Schauen, welche Materialien wirklich nachhaltig sind. Das ist komplex. Denn Aspekte wie Transport, Regionalität, Recycelfähigkeit und Wiederverwendbarkeit spielen eine Rolle. Wir haben auch damit begonnen, unsere eigene Arbeit bezogen auf Nachhaltigkeit zu überdenken, und schauen, wie wir den Alltag im Büro noch ressourcenschonender hinbekommen.

Sie nehmen teil an der Initiative Phase Nachhaltigkeit. Nutzen Sie die Deklaration Nachhaltigkeit Innenarchitektur bereits?
Die Unterlagen der Phase Nachhaltigkeit haben wir hier im Team mehrfach vorgestellt und auch in alle unsere internen Unterlagen integriert. Wir haben das Papier seit Januar bei einigen Projekten im Einsatz.

Wie nutzen Sie das Papier?
Als Einstiegstool ist es Gold wert! Die verschiedenen Aspekte der Nachhaltigkeit sind sehr umfassend integriert, von der Baukultur bis hin zur sozialen Verantwortung. Für alle Beteiligten zeigt es damit gut auf, wie weitreichend das Thema ist. Unsere Kund*innen sehen: Es geht nicht darum, einen Billigteppich durch einen hochwertigen, ökozertifizierten Teppich zu ersetzen. Sondern um die Frage: Braucht man wirklich einen neuen Teppich? Mit unserer Arbeit versuchen wir, den Wert von Architektur und Innenarchitektur zu steigern. Nachhaltigkeit bedeutet eine weitere Aufwertung. Zu Beginn eines Projekts klären wir: Wie langlebig soll ein Entwurf sein? Wie können wir die Haltbarkeit erhöhen? Wie flexibel darf ein Projekt gestaltet sein? Das nennen wir den „strategischen Entwurf“. Das Pamphlet der Phase Nachhaltigkeit stützt also die Haltung, die wir ohnehin schon vertreten. Und das hilft uns in der Argumentation.

Wie reagieren Ihre Bauherr*innen auf das Dokument?
Es wird sehr positiv angenommen. Die Deklaration ist eine Möglichkeit, anders ins Gespräch zu kommen. Das Dokument hat offizielles Format und ist somit eine Handreichung, die mehr Allgemeingültigkeit kommuniziert. Wir haben aber auch Bauherr*innen, die sich ohnehin schon lange der Nachhaltigkeit verpflichtet fühlen. Das sind vor allem inhabergeführte Unternehmen.

Sind Sie zufrieden mit dem Deklarationspapier? Oder muss da nachgebessert werden?
Ich finde das Dokument gut als einen ersten Baustein. Ich sehe es wie eine Abfrage, einen Vokabeltest. Das Ausfüllbare der angestrebten Nachhaltigkeitsziele ist aus unserer Sicht jedoch sehr unterschwellig. Man muss tiefer, differenzierter einsteigen, weitere Aspekte festhalten.

Was meinen Sie konkret?
Zum einen: eine Unterscheidung in die unterschiedlichen Aufgabengebiete der Innenarchitektur. Grundsätzlich jedoch liegen die großen Herausforderungen im Projektverlauf. Was machen wir, wenn es schwierig wird? Wenn Nachhaltigkeit mehr Anstrengung, Zeit oder Geld kostet, als ursprünglich geplant? Wie kommen wir also in der Arbeitspraxis auch wirklich an die Umsetzung der angestrebten Ziele, damit es nicht bei „angestrebt“ bleibt? Da müssen wir uns alle gemeinsam noch einmal austauschen.

Denken Sie, dass es klare Regelsätze braucht für eine konsequent nachhaltige Innenarchitektur?
Eine Regel ist ja wie eine Formel. Wenn sich ein Parameter ändert, ist die Regel außer Kraft gesetzt. Das macht keinen Sinn. Es geht vielmehr darum, den Nutzen zu kommunizieren: Wo lohnt sich Nachhaltigkeit – auch für die Bauherr*innen? Um das volle Potenzial von Nachhaltigkeit zu vermitteln, braucht man meiner Meinung nach als Architekt*in oder Innenarchitekt*in Erfahrung. Und: Werkberichte, Best Practice – gute Nachrichten!

Haben Sie da weitere Umsetzungsvorschläge?
Wir neigen derzeit zur Erschöpfung. Wir versuchen in Deutschland alle wie wahnsinnig, Regeln einzuhalten. Gelingt es uns nicht, werden Entschuldigungen gesucht. Anstatt zurechtzulegen, warum Nachhaltigkeit hier und da nicht möglich war, sollten wir aktiv und überzeugt handeln. Dazu brauchen wir mehr Triebkraft. Und zwar nicht nur für die erste „Zündstufe“, das wäre das Dokument der Phase Nachhaltigkeit. Wir brauchen auch „Booster“ mitten im Projekt. Das Ganze ist aus meiner Sicht eine kommunikative Herausforderung: Wie bleibe ich durchgehend am Ball der Nachhaltigkeit? Wir brauchen ein Forum, wo wir uns untereinander als Innenarchitekt*innen über Best Practice austauschen können. Intern lösen wir dies in unseren Projektdokumentationen, die im Projektverlauf ein Innehalten, ein „lessons learned“, ein Nachbessern vorsehen. Es ist wichtig, zu reflektieren!

Sie sind spezialisiert auf die Gestaltung von Arbeitsgebäuden. Was ist hier der wichtigste Aspekt, um eine nachhaltigere Architektur oder Innenarchitektur zu realisieren?
Ein Beispiel: Bei Arbeitsgebäuden braucht der Betrieb die meiste Energie. Also muss dieser frühzeitig in die Gesamtplanung integriert werden. Unsere Beratung und Expertise sollte beispielsweise die Aufmerksamkeit darauf richten, keine Außenräume zu planen, die ausschließlich mit Heizungsbetrieb laufen. Mir ist es wichtig, nichts zu bauen, was nicht zwingend nötig ist. Das heißt, sehr diszipliniert zu gucken: Müssen hier wirklich fünf verschiedene Räume her oder reichen zwei Typen, die dann multipliziert werden?

Was ist die größte Herausforderung?
Der genannte Marathon im Projektverlauf! Zeit, Kosten und Qualität nachhaltig in ein gutes Gleichgewicht zu bringen. Dinge, die man sich am Anfang vorgenommen hat, durchzuziehen. Auch wenn es, wie jetzt, überall Lieferschwierigkeiten gibt, darf man auf Kosten der Nachhaltigkeit nicht einknicken. Wir sollten unser Augenmerk darauf richten, dass wir, wo es in eine Unternehmensstrategie passt, eine sehr langlebige Innenarchitektur kreieren. Disziplin bei der Neuanschaffung ist ein weiterer entscheidender Punkt. Eine bessere Bewertung von Vorhandenem und mehr Mut gegenüber Entscheidern, um zu sagen: Das wird nicht neu gebraucht. Denn oft ist es ja so: Kommt ein neuer Geschäftsführer, möchte der Zeichen setzen, alles wird rundum erneuert.

Bedingt durch Corona müssen sich viele Firmen plötzlich verkleinern. Sie gehen raus aus der maßgeschneiderten Innenarchitektur und ziehen um. Wird die Idee eines langlebigen Interiors in solchen Situationen nicht obsolet?
Maßgeschneiderte Innenarchitektur widerspricht natürlich meistens der Übernahme von Vorhandenem. Gleichzeitig ist Individualisierung ein Trend, vor dem man sich nicht verschließen kann. Wir müssen beispielsweise wieder auf eine kluge Vorfertigung gehen und Innenausbauten im Bestand ganz anders adaptieren. Es erfordert eine intelligente Entwurfsstrategie, die die Nachhaltigkeit von Anfang an berücksichtigt. Die Frage ist, was wir unabhängig von geschlossenen Mietverträgen an zentralen Ausstattungselementen vorschlagen, die übernommen werden können. Möbel, mit denen man umziehen kann. Bei denen es sich lohnt, diese in neue Planungen einzubeziehen.

Lässt sich der Erfolg der Deklaration Nachhaltigkeit irgendwie messen?
Unsere Projektabläufe sehen an zwei Stellen „lessons learned“-Termine mit den Bauherr*innen vor. Ein Unterpunkt ist dort das Thema „Nachhaltigkeit“. Wir sollten darüber hinaus kollegial die Bürogrenzen überwinden, alle miteinander über Nachhaltigkeit in einen Austausch kommen – und unser Wissen teilen!


Das Interview ist Teil einer Gesprächsreihe über die Deklaration Nachhaltigkeit Innenarchitektur, die der Bund Deutscher Innenarchitekten (BDIA) zu Unterstützung nachhaltiger Interiordesign-Lösungen veröffentlicht hat. Sie wurde entwickelt, um bei Gesprächen mit Bauherr*innen den Einstieg in diesen Themenbereich zu erleichtern. Das Ziel: Nachhaltiges Planen soll zum „neuen Normal“ werden.
Zum Interview mit Pia A. Döll, Präsidentin des BDIA

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