Menschen

Didier Gomez

Der Pariser Designer und Innenarchitekt über Pianoklänge in Ipanema

von Norman Kietzmann, 07.02.2019

Didier Gomez’ Leidenschaft ist die Musik. Lange stand er als Sänger auf den großen Opernbühnen der Welt, bis er sich in den späten Siebzigerjahren dem Design und der Innenarchitektur widmete. Er richtet Boutiquen für Cartier, Louis Vuitton und Yves Saint-Laurent ein und stattet Häuser und Apartments für Filmgrößen aus. Auf der Kölner Möbelmesse haben wir mit dem Pariser Gestalter über kulturelle Einflüsse, kreative Querschläge und seine zweite Heimat Rio de Janeiro gesprochen.  

Didier Gomez, vor Ihrer Karriere als Designer und Innenraumgestalter waren Sie Opernsänger. Was verbindet diese beiden Welten für Sie? Musik ist Atmosphäre, Rhythmus, eine Frage der Proportion. Es geht um Bewegung und Tempo, um das Wechselspiel aus dunkel und hell. Musik kann Bilder kreieren und durch Tonlängen Räumlichkeit entwickeln. Insofern gibt es etwas Musikalisches in der Architektur und umgekehrt. 

Wie kam die Entscheidung, von der Musik in die Gestaltung zu gehen? Ich bekam Probleme mit meiner Stimme und musste mehrfach unterbrechen. Als es nicht besser wurde, habe ich entschieden, mit dem Singen aufzuhören. Ich spiele aber weiterhin Piano, im Grunde jeden Tag. Beruflich habe ich mich meiner anderen Leidenschaft gewidmet, der Innenarchitektur und dem Design.

Warum die Gestaltung? Sie hätten ja auch etwas ganz anderes machen können. Ich weiß wirklich nicht warum. Man wird schon in der Kindheit von den Dingen angezogen. Ich habe Häuser und Möbel in meine Hefte gezeichnet, als ich vielleicht zehn Jahre alt war. Das hat mich immer fasziniert. Und dann gibt es natürlich Dinge, die einen geprägt haben. Ich bin Spanier. Als ich sieben Jahre alt war, haben wir die Alhambra bei Granada besucht. Daran erinnere ich mich noch heute. Es war mein erstes architektonisches Erlebnis. Mein Onkel hatte ein Haus nicht weit von dort. Wir sind jedes Jahr hingefahren – und jedes Mal wollte ich wieder in die Alhambra (lacht). 

Was hat diesen Ort für Sie besonders gemacht? Es gibt in der Alhambra diese beeindruckend-menschlichen Dimensionen. Die Gärten, das Wasser, die Vegetation. Der Bezug zur Umgebung, die Blicke, die sich nach außen auf die Berge öffnen. Das hat meine Leidenschaft entfacht! Es gibt einen großen Einfluss der arabischen Welt. Diese Mixtur der Kulturen habe ich sehr gemocht. Man sieht Dinge, die erhaben und von Kraft und Schönheit durchdrungen sind. Es ist wahre Poesie. 

Wie zeigt sich die Mixtur der Kulturen in Ihren Arbeiten? Ich lebe seit zehn Jahren in Brasilien und habe ein Haus in Rio, direkt im Ipanema-Viertel. Nicht weit davon steht ein Gebäude von Oscar Niemeyer, die Casa das Canoas. Alles ist rund und erinnert an Wellen. Die Formen sind nah an der Natur. Und das keineswegs nur in diesem Haus: Nichts ist eckig und kubisch in diesem Land, was für mich zunächst eine Herausforderung war. Ich selbst habe über viele Jahre hinweg nur kubische Formen gezeichnet. Doch seitdem ich in Brasilien bin, hat sich das komplett verändert. Sehen Sie diese Sofa-Kollektion hier – Ipanema von Ligne Roset. Die Formen sind vollkommen organisch und erinnern an Steine, die vom Wasser rund geschliffen wurden. 

Inwieweit verändern die fließenden Konturen das Verhalten? Eine gewölbte Sitzfläche ist viel kommunikativer, weil man sich besser anschauen kann. Auch lädt sie dazu ein, sich auf unterschiedliche Art und Weise hinzusetzen. Es gibt nicht nur eine vorgegebene Sitzhaltung, sondern viele Positionen. Alles wird freier. Man kann lesen, Musik hören, sich entspannen, doch ebenso auch arbeiten. Die Haltung auf dem Sofa ist sehr viel angenehmer, als an einem Schreibtisch zu sitzen. 

Die Arbeit fühlt sich nicht nach Arbeit an. Genau. Ich denke, dass jeder Ort, der nach Arbeit aussieht, unterbewusst Stress verursacht. Denn man fühlt sich gezwungen, zu arbeiten. Auf dem Sofa ist das etwas vollkommen anderes. Man kann arbeiten, muss es aber nicht. Das Sofa ist ein multifunktioneller Ort geworden. Ich muss sagen, dass ich sogar lieber auf dem Sofa esse als am großen Esstisch. Das ist viel entspannter und weniger formell. Auch funktioniert das gut in kleineren Wohnungen, weil man den Esstisch zugunsten einer größeren Polstergruppe auflösen kann. Es ist wichtig, einen Raum erleben zu können. Und das funktioniert mit einem großen Sofa eindeutig besser. Selbst wenn ein Zimmer nur dreieinhalb oder vier Meter lang ist, kann es mit einem langen Sofa sehr viel größer wirken.

Warum sind Sie nach Brasilien gegangen? Südamerika hat mich immer fasziniert. Anfangs bin ich nach Argentinien gezogen. Doch dann gab es dort eine schwere Krise und ich konnte nicht mehr bleiben. Also habe ich mich gefragt, wohin ich gehen soll. Ich hatte Freunde in Brasilien und habe sie besucht. Ich fand dort eine Kultur, die mir zunächst eher fremd war. Argentinien ist ja sehr nah an Europa, nah an Italien. In Brasilien gibt es hingegen einen viel stärkeren afrikanischen Einfluss und eine viel stärkere Vermischung der Kulturen. Doch die Energie der Menschen war unglaublich. Es ist ja eine sehr junge Gesellschaft. Und dann natürlich die Gebäude von Oscar Niemeyer und vielen anderen Architekten aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Es gibt eine enorm starke Identität im Bauen. Die brasilianische Musik hingegen mag ich nicht so sehr. 

Kommt an dieser Stelle Ihre Ausbildung zur klassischen Musik durch? Nicht ganz (lacht). Ich mag Unterhaltungsmusik genauso wie klassische Kompositionen. Vor allem die kubanische Musik gefällt mir sehr sogar. Doch die brasilianischen Klänge verbinde ich zu sehr mit Karneval und Parties. Sie sind mir zu rhythmisch, zu Samba-artig.

Erzählen Sie uns, wie Sie in Rio wohnen. In einem Haus, das von Carlo Mendes Rocha erbaut wurde. Er hat es ursprünglich für sich und seine Frau entworfen. Doch als das Haus fertig war, hat seine Frau beschlossen, fortan mit dem Bauleiter aus seinem Architekturbüro zusammen zu leben. Die Geschichte hat ihn wirklich traumarisiert. Er war fast fünf Jahre lang depressiv danach. Wir haben einmal telefoniert und er hat mir die ganze Geschichte erzählt. 

Hat er das Haus seitdem wieder betreten? Nein, er ist nie mehr zurückgekehrt. Das konnte er nicht. Er hat seine Frau einfach zu sehr geliebt. Daher wollte er von dem Haus nicht mehr wissen und hat es seiner Frau vermacht, von der ich es später gekauft habe. Es ist ein wirklich außergewöhnliches Gebäude. Es liegt in der Stadt und doch ist es komplett von einem Wald umgeben. Man hat den Eindruck, inmitten der Natur zu sein. Ein wirkliches Paradies. Es gibt nur die Bäume und das Meer, zu dem das Haus ausgerichtet ist: mit großen Fensterscheiben und einem weiten 180-Grad-Blick. 

Was tun Sie, wenn Sie dort sind? Ich öffne alle Fenster und lausche den Geräuschen der Wellen, Vögel und anderer Tiere. Und ich spiele Piano! Als ich das Haus gekauft habe, bin ich zu einem Instrumentenbauer gegangen, der Pianos speziell für die Tropen entwirft. Sie müssen ja diese enorme Luftfeuchtigkeit aushalten können, um nicht unentwegt verstimmt zu sein. Ich liebe es, dort zu spielen, ganz eins mit der Natur. Ein Nachbar von mir ist der große, brasilianische Pianist Nelson Freire. Wir haben zusammen schon mehrfach gespielt. Das ist eine sehr schöne Erfahrung. 

Vielen Dank für das Gespräch.

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Fertigungsstandorte von Ligne Roset mit ca 800 Mitarbeitern. 95% der Sitz-, Kasten-, Kleinmöbel und Accessoires werden hier gefertigt. Das seit 1860 bestehende Familienunternehmen exportiert in 5. Generation weltweit in 70 Länder und begeistert überall Menschen für hochwertige französische Möbel. Anspruchsvolle und zeitlose Ästhetik prägen die Marke sowie ein hohes Maß an Innovation und Kreativität. Möbel von Ligne Roset werden im gehobenen stationären Handel, in Exklusivgeschäften sowie über einen eigenen Onlineshop vertrieben. Darüber hinaus sind Hotels, Sternerestaurants, Kreuzfahrtschiffe und Luxusboutiquen ein wichtiges Geschäftsfeld.

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