Menschen

Kontinuierlicher Prozess

Jan Böttcher über Nachhaltigkeit bei Gira

Was bedeutet unternehmerische Verantwortung im neuen Klimazeitalter? Im Interview beschreibt Jan Böttcher von Gira, wie sich ein „Good Citizen“ verhält – vom Bekenntnis zum 1,5-Grad-Ziel über modulare, langlebige Produkte und regionale Fertigung bis hin zu Solarstrom am Standort.

von Kathrin Spohr, 07.01.2026

Entscheidungen werden bei Gira traditionell weitsichtig und generationenübergreifend getroffen. Das Unternehmen ist seit seiner Gründung 1905 in Familienbesitz und zählt zu den führenden deutschen Herstellern für Gebäudetechnik. Seit 2013 ist die von Verantwortungsbewusstsein geprägte Grundhaltung noch stärker strukturiert: mit einem betrieblichen Nachhaltigkeitsmanagement, klaren Zielen und einem systematischen Reporting. Neu ist vor allem die tiefergehende Integration einzelner Themen, etwa bei der Klimastrategie, die mittlerweile in alle Abteilungen hineinwirkt.

In Ihrem Nachhaltigkeitsbericht taucht der Begriff „Good Citizen“ immer wieder auf. Welche Bedeutung hat er für Gira?
Er beschreibt unser Selbstverständnis als Unternehmen, das Verantwortung für sein gesellschaftliches und ökologisches Umfeld übernimmt. Wir verstehen uns als Teil der Gesellschaft – und damit sowohl als Teil des Klimaproblems als auch der Lösungsansätze. Diese Haltung spiegelt sich in langfristigen Investitionen, einer verantwortungsvollen Standortentwicklung sowie in der Art wider, wie wir bauen, produzieren und Entscheidungen treffen. Nachhaltigkeit ist für Gira kein zeitlich begrenztes Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der fest in unserer Unternehmenskultur verankert ist.

Gira bekennt sich zum 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens. Aktuelle Pläne in vielen Ländern und auch in Deutschland reichen jedoch nicht aus, um das 1,5-Grad-Limit sicher einzuhalten. Bleibt es trotzdem bei Ihrer Zielsetzung?
Die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels wird immer ambitionierter – dennoch bleiben wir konsequent. Nachhaltige Unternehmensführung bedeutet für uns, über gesetzliche Mindestanforderungen hinauszugehen. Sie ist kein Risiko, sondern ein entscheidender Erfolgsfaktor für die Zukunft. Wir arbeiten mit klaren CO₂-Budgets und prüfen unsere Fortschritte kontinuierlich, um bei Bedarf nachzujustieren. Gleichzeitig bleibt es eine Herausforderung, nachhaltige Produkte bezahlbar zu gestalten. Genau hier liegt unser Anspruch: ökologisches Handeln mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit zu verbinden.

„Made in Germany“ ist ein zentraler Bestandteil Ihrer Nachhaltigkeitsstrategie. Welche Fortschritte konnten Sie hier bereits erzielen?
Entwicklung und Produktion finden in Deutschland statt, rund 90 % unserer Lieferanten haben ihren Sitz ebenfalls in Deutschland beziehungsweise in EU-Nachbarländern. Nur dort, wo es keine europäischen Alternativen gibt, etwa für bestimmte Chips, greifen wir auf Zulieferer aus Asien zurück. Die regionale Fertigung ist nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch klimafreundlich: Kürzere Transportwege sowie langlebige und hochwertige Produkte verbinden Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und Innovationskraft in einem durchgängigen Ansatz.

Gira setzt auf modulares Design. Wie trägt dieses Konzept konkret zur Nachhaltigkeit der Produkte bei?
Das Prinzip eines modularen Baukastensystems hat Gira bereits 1960 eingeführt. Es ermöglicht die flexible Kombinierbarkeit und Austauschbarkeit von Schaltern, Tastern und Abdeckungen in unterschiedlichen Farben und Materialien. Nach diesem Ansatz haben wir später unser System 55 entwickelt, das seit 1998 erfolgreich am Markt ist und inzwischen sechs Designlinien umfasst. Die Produkte bleiben updatefähig und generationsübergreifend kompatibel, verlängern ihre Nutzungszyklen und reduzieren den Ressourcenverbrauch.

Wie hoch ist der Rezyklatanteil in Ihren Produkten derzeit?
Eine pauschale Bezifferung ist aktuell noch nicht möglich, da Materialien, Farben und deren Kombinationen stark variieren. Bei Metallen liegen die Rezyklatanteile aktuell zwischen 30 und 60  Prozent.

Wie sieht es bei Kunststoffen aus?
Nicht sichtbare Komponenten wie Steckdosensockel bestehen bereits vollständig aus Rezyklat und weisen einen über 90 Prozent geringeren CO₂-Fußabdruck als Bauteile aus neuem Polycarbonat auf. Wir nutzen ausschließlich recycelfähige Thermoplaste, sodass eine spätere Wiederverwertung möglich ist. Zudem tragen die hohe Materialqualität der Kunststoffe und ihre besonderen Eigenschaften – Gestaltungsvielfalt, die Möglichkeit zur Integration verschiedener Funktionen, lange Lebensdauer – zur Nachhaltigkeit unserer Produkte bei. Wir wollen den Rezyklatanteil künftig transparent erfassen und seine Auswirkungen auf die Umweltleistung vergleichbar machen.

Wo sehen Sie weiteres Potenzial für recycelte oder neue Materialien?
Vor allem bei Kunststoffen. Gleichzeitig sind die technischen Anforderungen hoch: Produkte wie Steckdosen müssen über Jahrzehnte mechanischen Belastungen standhalten. Rezyklate verlieren jedoch mit jedem Recyclingzyklus an Materialqualität. Deshalb prüfen wir neue Materialien intensiv in unserer eigenen Forschung, Entwicklung und Fertigung. Dabei gilt es, den gesamten Lebenszyklus zu betrachten: Ein Material, dessen CO₂-Fußabdruck in der Herstellung zwar gering ist, aber nicht recycelt werden kann, muss unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten nicht die beste Wahl sein. Wir setzen daher inzwischen komplett auf Thermoplastkunststoffe, weil diese eben wiederverwertbar sind.#

Re-Use gilt als großer Hebel für CO₂-Einsparungen im Interior. Inwiefern denkt Gira die Wiederverwendung seiner Produkte bereits mit?
Der bewusste Rückbau elektrotechnischer Kleinteile gewinnt an Bedeutung. Bei bestimmten Serien denken wir das bereits mit. Etwa bei Produkten wie Esprit Linoleum-Multiplex oder Aufputz-Lösungen wie Gira Studio AP und Gira E2 AP, wo ein „zerstörungsfreier“ Rückbau möglich ist. Ein flächendeckendes Rücknahmesystem ist derzeit jedoch wirtschaftlich noch nicht umsetzbar.

Fragen Architekt*innen und Planer*innen gezielt nach nachhaltigen Gira-Produkten?
Ja – sie suchen aktiv nach Lösungen, um CO₂-arme und langfristig flexible Gebäude zu realisieren. Nachhaltigkeit wird immer stärker Teil der Planung. Hersteller, Planer und Handwerk müssen hier eng zusammenarbeiten. Zur Messe Light + Building im März 2026 in Frankfurt werden wir erneut einige Innovationen vorstellen, die kreislauffähig sind.

Vor Kurzem hat der Gira Solarpark bei ihrem Unternehmenssitz in Radeformwald seinen Betrieb aufgenommen. Welche Rolle spielt er für Ihre Klimastrategie?
Seit Juni 2025 versorgt der Gira Solarpark mit 13.772 Photovoltaik-Modulen das Unternehmen mit emissionsfreiem Strom. Aktuell decken wir rund 40 Prozent unseres Strombedarfs direkt aus eigener Photovoltaik. Durch den Einsatz von Großspeichern sowie die Elektrifizierung der Wärme- und Kälteerzeugung soll dieser Anteil mittelfristig noch weiter zunehmen. Denn bereits jetzt produzieren wir von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang insgesamt mehr Strom, als wir in dieser Zeit selbst verbrauchen. Diesen überschüssigen „grünen“ Strom speisen wir ein, was durch entsprechende Herkunftsnachweise unserer CO₂-Bilanz zugutekommt. Im Ergebnis können wir voraussichtlich bereits 2026 unseren Stromeinkauf bilanziell als CO₂-neutral ausweisen. Finale Kennzahlen dazu werden wir zeitnah veröffentlichen.

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