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Schattenmeister

Der spanische Innenarchitekt Francesc Rifé im Gespräch

Francesc Rifé hat ein Gespür für anmutige Räume. Ruhe, Einfachheit und Klarheit werden von ihm stets mit wohnlicher Wärme verbunden. Der 1969 im katalanischen Sant Sadurní d’Anoia geborene Innenarchitekt und Designer unterhält seit 1994 sein eigenes Studio in Barcelona. Ein Gespräch über charaktervolle Materialien, japanische Ästhetik und das in seinen Augen wichtigste Zimmer: die Abstellkammer.

von Norman Kietzmann, 01.04.2022

Warum sind Sie Innenarchitekt geworden?
Mein Vater und Großvater waren Schreiner. Ich bin also mit Möbeln aufgewachsen. Als ich jung war, habe ich mich vor allem für Sport interessiert. Ich habe viel Inlinehockey gespielt. In Barcelona und Katalonien wird die Sportart ganz groß geschrieben. Doch an einem bestimmten Punkt musste ich mich entscheiden, ob ich Interiordesign studieren oder ins Finanz-Business gehen sollte. Also habe ich mich für das Familiengeschäft entschieden.

Welche Architekt*innen haben Sie beeinflusst?
Während meines Studiums hat mich vor allem die japanische Architektur geprägt. Kurz nach der Gründung meines Studios habe ich in der Nähe von Barcelona eine Boutique für die französische Juweliermarke Chaumet gestaltet. Nach diesem Projekt habe ich ein weiteres Geschäft im To­kio­ter Stadtteil Ginza entworfen. Seitdem habe ich elf, zwölf Jahre lang an verschiedenen Projekten in Japan gearbeitet. Der Einfluss der traditionellen, japanischen Kultur ist sicher sehr groß. Doch auch heutige Architekt*innen wie David Chipperfield, John Pawson oder Kengo Kuma haben mir geholfen, meine Richtung zu finden.

Was haben Sie von der japanischen Architektur gelernt? Ist es der Umgang mit dem leeren Raum oder die stets wichtige Verbindung von Innen und Außen?
Ich würde sagen: Ordnung und Harmonie. Ein Gleichgewicht zwischen den Komponenten, die in einem Raum zusammentreffen. Und sicher spielt auch die Ehrlichkeit der Materialität eine wichtige Rolle. Man sieht das in meinen Projekten im Einsatz von Holz und Stein. Die Materialien sind die Protagonisten des Projekts. Sie geben den Räumen ihren Charakter.

Welche Rolle spielt dabei der Aspekt der Sinnlichkeit?
Ich bin sehr beeinflusst vom japanischen Konzept des Kintsugi. Es bedeutet, dass Bruchstücke aus Keramik oder Porzellan mit einem edlen Material wie Gold wieder verbunden und somit repariert werden. Viele meiner Projekte entstehen im Kontext von historischen Gebäuden. Die Idee des Kintsugi hilft mir beim Entwerfen darauf zu achten, die Harmonie und den Dialog zwischen dem Alten und dem Neuen zu erhalten. Darum versuche ich stets, ein Interieur so einfach wie möglich zu machen. Es gibt jeweils nur ein Material, das heraussticht und für das Projekt spricht. Der Rest sollte ruhig sein. Dieser Ansatz ist eng mit der japanischen Architektur und Ästhetik verbunden.

Könnte man sagen: Es ist wie das Kochen mit wenigen, aber sehr guten Zutaten?
Ja, es ist wie das Kochen. Eines meiner ersten Projekte war 2003 das Restaurant Can Fabes im spanischen Sant Celoni. Es war die zweite Dependance des Kochs Santi Santamaria (1957-2011), der als erster Katalane drei Sterne vom Guide Michelin erhielt. Er hat immer die guten Produkte verteidigt. Das kann man wirklich mit der Architektur vergleichen. Er war ein sehr intellektueller Koch, der sich nicht nur mit dem Kochen beschäftigt hat. Santi Santamaria war sehr wichtig für mich und hat sicher auch ein Stück weit meine Art der Gestaltung inspiriert. Darum habe ich ihm auch mein letzten Buch (Francesc Rifé: Space and Time, erschienen 2019 bei Loft Publications, Anm. d. Red.) gewidmet. Seitdem habe ich zahlreiche andere Projekte für Sterneköche realisiert.

Was führt dazu, dass man sich in einer Inneneinrichtung wohl fühlt?
Wir gestalten sehr neutrale und zeitlose Räume. Die Person, die in einem unserer Projekte wohnt, nimmt es als ihr eigenes Zuhause wahr. Wir stülpen nicht etwas über. Dazu ist es wichtig, die Kund*innen zuvor genau kennenzulernen. Denn nur so können wir sehr spezifische und persönliche Lösungen entwerfen. Es geht aber auch darum, den Ort richtig zu verstehen. Wie ich zuvor schon sagte: Wir schaffen den Hauptcharakter mit nur einem Material. Das ist unser Ansatz für einen Ort zum Wohlfühlen.

Beginnen Sie bei der Planung einer Wohnung oder eines Hauses mit einem speziellen Raum? Oder denken Sie alles zusammen?
Wir fokussieren uns vor allem auf die Küche und das Wohnzimmer. Die Orte, an denen die Menschen ihr soziales Leben entwickeln. Dass sie sich immer mehr zu Hause treffen und zusammen kochen, hat sicher auch durch die Covid-Pandemie zugenommen. In Spanien treffen wir normalerweise Menschen auf der Straße. Doch auch bei uns hat man die Auswirkungen von Covid-19 stark gespürt. Wir haben viele Anfragen erhalten, Apartments umzubauen. Das Zuhause soll zu einem Ort werden, an dem man möglichst lange bleiben möchte. Und die Küche ist der Raum, in dem alle zusammenkommen.

Welcher Raum wird am meisten unterschätzt?
Also, ich muss gestehen: Ich liebe ja Abstellkammern. Sie sind enorm wichtig. Es gefällt mir, dafür die passenden Möbel zu entwerfen. Unsere Großeltern hatten noch eine andere Art von Kammer, in der sehr wertvolle Dinge aufbewahrt wurden. Man kann sie mit dem Ankleidezimmer von heute vergleichen. Ich bin total besessen davon, Ordnung zu schaffen. Ordnung ist alles für mich! (lacht) Es gibt ein lateinisches Sprichwort: Behalte die Ordnung im Leben. Und die Ordnung wird Dich halten.

In Ihrer Arbeit verbinden Sie die Einfachheit der Form mit der Wärme der Materialität. Erzählen Sie mehr davon.
Das hat sicher mit meinem Vater und meinem Großvater zu tun, die ja Schreiner waren. Holz ist ein Material, in dessen Umgebung ich mich immer wohl fühle. Holz ist ein sehr warmes Material. Es kann auch ein sehr expressives Material sein. Es hat sehr viel Potenzial, wenn man damit arbeitet. Man kann es auf so unterschiedliche Weise verwenden. Es kann sehr prägnante  Auswirkungen beim Entwerfen haben.

Bevorzugen Sie ein spezielles Holz?
In Spanien benutzen wir vor allem Eiche. Sie hat eine sehr schöne Textur. Es gibt außerdem zwei Arten von Walnuss: helles und dunkles Walnussholz. Ich mag vor allem das helle Walnussholz. Es ist in der Hierarchie ganz oben. Die Königin der Holzarten. In Mexiko ist Walnuss ein armes, einfaches Material. In Spanien ist es hingegen sehr teuer, luxuriös. Wir arbeiten gerade an einem großen Projekt im Libanon – in Beirut. Zedern sind die am häufigsten anzutreffenden Bäume in diesem Land, aber wir konnten das Ze­dern­holz dort nicht nutzen. Der Baum ist geschützt. Das macht sein Holz noch begehrter. Es ist ein wirkliches schönes Holz.

Lassen Sie uns über die Rolle des Lichts sprechen.
Ich kann kein Projekt entwerfen, ohne gleich das Licht mit zu bestimmen. Es ist derselbe Prozess. Hier in Spanien gibt es Tageslicht im Überfluss. Und damit kann man spielen. Es hilft einem dabei, einen Ort zu gestalten. Zugleich muss man Elemente hinzufügen, die einen vor diesem Lichtexzess schützen. In gewisser Weise ist die Art, wie wir ein Projekt entwerfen, die Konsequenz aus diesem Lichtexzess. Wir haben gerade den Auftrag bekommen, auf Ibiza mehrere Häuser zu bauen. Jeder auf der Insel will, dass alles weiß ist. Dabei ist das Sonnenlicht so stark, dass man in den Innenräumen eine Sonnenbrille tragen muss, um sich nicht die Augen zu verletzen. Ich warne die Kund*innen immer davor. Sie sollen vorsichtig mit dem Licht sein.

Die Schatten sind genauso wichtig wie das Licht.
Die Schatten sind sogar noch wichtiger. Die Atmosphäre eines Zuhause wird durch die Schatten erzeugt, nicht durch das Licht. Das Wohlbefinden entsteht durch warme, dunkle Räume. Schatten sind sehr wichtig für mich.

Da kommen wir wieder auf Japan zurück. Tanizaki Jun’ichirō hat mit dem Essay Lob des Schattens (1933) die Ästhetik des Landes auf den Punkt gebracht.
Tanizaki ist natürlich eine wichtige Referenz. Das Buch steht immer in meinem Bücherregal. Es ist ein Meisterwerk. Ein anderes, sehr wichtiges Buch für mich ist Atmosphären von Peter Zumthor.

In dem Buch will Zumthor ein „Gefühl von Gegenwart, Wohlbefinden, Stimmigkeit, Schönheit“ einfangen. Was bedeutet Schönheit für Sie?
Ich möchte mit meiner Arbeit der Funktion Schönheit geben. Schönheit selbst ist sehr subjektiv. Wir arbeiten daran, Probleme zu lösen und funktional zu sein. Wenn das Lösen von Problemen und die Funktionalität schön sind, ist ein Projekt gelungen. Mit unbehandelten Materialien kann man Schönheit auf eine ehrliche und natürliche Weise erreichen. Diese Materialien erzeugen eine Ruhe, die im Kontrast zu der Welt steht, in der wir leben: Kapitalismus, Technologie, Künstlichkeit. Einem Raum Ruhe zu geben, kann helfen, aus dieser chaotischen Welt auszubrechen. Der Raum gibt die Energie zurück an die die Menschen, die in dem Raum leben.

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