Menschen

„Ich liebe es, mit Licht zu arbeiten“

Designer Michael Anastassiades im Gespräch

Michael Anastassiades hat das Leuchtendesign der Gegenwart geprägt wie wenige andere Gestalter*innen – mit Entwürfen für seine eigene Marke Michael Anastassiades und mit zum Teil sehr populären Kollektionen für den Leuchtenhersteller Flos. Wir trafen den Designer zum Gespräch auf der Euroluce 2023 in Mailand.

von Jasmin Jouhar, 28.04.2023

Häufig arbeitet Michael Anastassiades mit einfachen Elementen wie Kugel, Stab, Zylinder oder Seil. Auch Bewegung und Balance spielen in vielen seiner Entwürfe eine Rolle, ebenso ausdrucksstarke, natürliche Materialien. Neben Leuchten entwirft der Londoner mit zypriotischen Wurzeln auch Möbel für Herman Miller, Cassina, B&B Italia oder Molteni. Zur Euroluce 2023 präsentierte Flos sein Schienensystem My Circuit. Am Stand seines eigenen Labels zeigte Anastassiades unter anderem die Tischleuchte Blue Skies und die Pendelleuchte Peaks.

Dieses Interview führen wir am Euroluce-Messestand Ihres Unternehmens Michael Anastassiades. Sie machen beides, im Auftrag der Industrie entwerfen und selbst Produkte entwickeln und herstellen. Warum?
Meine eigene Marke war zuerst da. Ich habe sie 2007 gegründet, um meine Ideen zu erforschen und zu zeigen, was ich kann. Ich entschied mich für ein Leuchtenlabel, weil ich eine Leidenschaft für Licht habe. Ich liebe es, mit Licht zu arbeiten. Die Zusammenarbeit mit Flos begann 2011, die ersten Produkte wurden 2013 auf der Messe präsentiert. Für mich ist meine unabhängige Plattform, für die ich entwerfe, produziere, verkaufe und bei der ich über jeden Aspekt der Kommunikation entscheiden kann, sehr wichtig. Sie gibt mir enorme Freiheit.

Glauben Sie, dass Sie mit den Kollektionen für Flos und Ihrer eigenständigen Arbeit verschiedene Menschen erreichen?
Ja. Als ich meine Marke startete, war es eher eine handwerkliche Produktion mit kleinen Stückzahlen. Das spiegelte sich im Preisniveau der Produkte wider. Damit unterschied sie sich von Flos, denn sie haben auch erschwinglichere Produkte in ihrem Portfolio. Aber langsam nivelliert sich dieser Unterschied.

Zum Salone del Mobile 2023 haben Sie mit Flos das Schienensystem My Circuit vorgestellt. Was ist so ungewöhnlich daran?
Es ist das erste Mal, dass ein Schienensystem tatsächlich vollständig flexibel ist, denn es besteht aus Gummi. Deshalb können Sie das Produkt in jede beliebige Form biegen. Lichtschienen ähneln für mich all diesen Stuckdekorationen in barocken Innenräumen. Die Idee war, diese beiden Funktionen, die Technik und das Dekorative, zusammenzuführen. So wird die Schiene zu einem dekorativen Element. Bei solchen Systemen geht es normalerweise immer darum, was darunter passiert, es geht um die Beleuchtung. Bei diesem Projekt lag der Schwerpunkt darauf, was an der Decke passiert. Denn Menschen schauen immer nach oben.

Und dann sehen sie meistens etwas sehr Technisches.
Genau. Deswegen hat My Circuit ein geschlossenes Profil. Man kann nicht von unten hineinsehen.

Viele Ihrer Entwürfe leben stark von einem bestimmten Material, neuerdings zum Beispiel auch Bambus.
Nun, ich denke, man sollte immer wieder mit neuen Materialien experimentieren. Bambus ist eines der nachhaltigsten Materialien überhaupt, die man verwenden kann. Natürliche Materialien können allerdings etwas unberechenbar sein. Bambus lebt regelrecht. Er bewegt sich, er bekommt Risse, er verzieht sich, all diese Dinge. Das muss man annehmen als Designer.

Und wie vermittelt man diese Eigenschaften als Vorteil?
Das ist nicht leicht, weil Menschen nicht immer bereit sind, die natürliche Schönheit des Unvollkommenen zu akzeptieren. Bei meiner eigenen Marke sind zum Beispiel alle Produkte aus Messing nicht lackiert. Wenn die Oberfläche glänzend bleiben soll, kann man sie ab und an polieren. Da ist ja eigentlich nichts dabei. Aber es gibt immer wieder Kund*innen, die sich beschweren. Manchmal schicken sie Leuchten sogar zurück, weil sie Spuren auf der Oberfläche haben. Wir legen beim Kauf mittlerweile weiße Handschuhe bei, damit sie die Produkte damit montieren können. Vielen anderen Unternehmen wäre das zu viel Aufwand, sie lackieren ihre Produkte einfach. Wir aber nicht. Ich glaube an die Patina. Ich glaube an die Qualitäten, die ein Gegenstand mit der Zeit erwirbt.

Welche Rolle spielt für Sie das Verhältnis vom Objekt zum umgebenden Raum?
Ich glaube nicht, dass man ein Objekt isolieren kann, insbesondere eine Leuchte nicht. Der Raum, den ein Objekt einnimmt, wird nicht nur von seiner Körperlichkeit bestimmt. Die Interaktion mit dem Raum geschieht auch, wenn das Objekt leuchtet. Durch die Schatten, die es wirft. Durch den Schein des Leuchtmittels. All das verändert den Raum um ein Objekt.

Beeinflusst das Ihr Design?
Man muss eine Leuchte in beiden Zuständen betrachten. 80 Prozent der Zeit ist sie ausgeschaltet, 20 Prozent angeschaltet. Wie geht man mit diesen beiden Szenarien um? Für mich ist es der Ausgangspunkt für alles. Der gesamte Designprozess dreht sich um die Beleuchtung.

Das heißt, Sie haben eher eine Vorstellung davon, welche Art von Licht Sie schaffen möchten, als welche Art von Objekt?
Interessant, dass Sie zwischen Licht und Objekt unterscheiden. Ich würde es in einen anderen Kontext stellen und sagen, dass mich das Erlebnis interessiert, das ich bieten möchte.

Hat Ihre Kindheit und Jugend auf Zypern Einfluss darauf gehabt, wie Sie arbeiten?
Natürlich! Ich denke, dass jede Umgebung, der man ausgesetzt ist, Einfluss auf einen hat. Insbesondere in jungen Jahren, und insbesondere, wenn man aus einem kleinen Ort stammt, von einer Insel. Zu einer anderen Zeit, ohne Internet. Man versucht, so viel wie möglich von der unmittelbaren Umgebung aufzunehmen, man versucht, überall Schönheit zu finden.

Erinnern Sie sich noch, worin Sie als junger Mensch Schönheit gefunden haben? Vielleicht in der Landschaft?
Ich denke, das ist das erste, worauf man sich beziehen kann. Und besonders, wenn es um Licht geht, ist es wichtig, es wirklich in der Natur zu studieren und wie es dort auftritt. Ich erinnere mich an reines, natürliches Licht, an eine Fülle von Licht. In Zypern sind wir verwöhnt vom Licht. Aber das wurde mir erst so richtig bewusst, als ich nach London gezogen bin.

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