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Leuchtende Symbolik

Nanda Vigo-Retrospektive im madd-bordeaux

Nanda Vigo hat Kunst und Interieur wie kaum eine andere Gestalterin unter einen Hut gebracht. Sie hat die Avantgarde der Sechziger- und Siebzigerjahre bestimmt – und damit einen Anker in die Gegenwart geworfen. Das Musée des Arts Décoratifs et du Design in Bordeaux (madd-bordeaux) lässt mit der Retrospektive Nanda Vigo, l'espace intérieur einige ihrer Raumerfahrungen neu aufleben.

von Norman Kietzmann, 24.08.2022

Die Siebzigerjahre sind derzeit schwer angesagt im Design. Kaum jemand kann der Sogkraft dieser Dekade widerstehen, die den Übergang zwischen Midcentury-Moderne und Postmoderne markiert. Eine Gestalterin, die die späten Sechziger und frühen Siebziger entscheidend geprägt hat, ist Nanda Vigo (1936-2020). Die italienische Architektin hat sich der Gestaltung über die Kunst genähert. Dabei hat sie nicht nur tradiertes Schubladendenken über Bord geworfen. Sie hat Räume wie Installationen betrachtet, Möbel und Leuchten in Skulpturen verwandelt, Interieurs mit bühnenreifen Qualitäten aufgeladen – und zwar ohne in Manieriertheit abzudriften. Sie hat die Avantgarde in den Alltag übersetzt und damit Dinge geschaffen, die bis heute Relevanz entfalten.

Carte blanche
Das Musée des Arts Décoratifs et du Design in Bordeaux (madd-bordeaux) beweist an dieser Stelle Timing für den Zeitgeist und widmet der im September 2020 verstorbenen Gestalterin die erste große posthume Retrospektive: Nanda Vigo, l'espace intérieur. Diese richtet einen ganzheitlichen Blick auf ihr Werk, das von einem nonkonformistischen Zugang begleitet wird. Es ging um Freiheit – was auf Gegenseitigkeit beruhte. „Die Unternehmen wie auch die Bauherr*innen hatten damals einen ganz anderen Zugang. Sie waren offen für Neues, wollten Dinge ausprobieren. Und sie hatten den Mut, dies auch umzusetzen“, sagte Nanda Vigo einmal. Sie erhielt bei fast allen Projekten Carte blanche – und wusste diese Chance zu nutzen.

Bereits nach ihrem Architekturstudium am Institut Polytechnique in Lausanne ging die gebürtige Mailänderin an Frank Lloyd Wrights School of Architecture in Taliesin, Arizona. 1959 zog sie zurück nach Mailand und gründete ihr eigenes Büro. Sie tauchte in die lebhafte Kunstszene der Stadt ein, lernte Piero Manzoni kennen und lieben und kam über ihn in engen Kontakt mit Lucio Fontana und Enrico Castellani. Fontana wollte mit der von ihm gegründeten Spazialismo-Bewegung die Kunst zu einem „Environment“ machen, das Farbe, Klang, Raum und Bewegung vereinen sollte.

Räumliche Utopien
Nanda Vigo entwickelte das Spazialismo-Manifest weiter zu „chronotopischen Räumen“ – begehbaren Skulpturen aus Glas und Stahl, die von reinem, ungefiltertem Licht durchdrungen wurden, es reflektierten und verstärkten. Zusammen mit Lucio Fontana schuf sie die Installation Ambiente Spaziale Utopie auf der XIII. Triennale di Milano im Jahr 1964, bei der sich die Besucher*innen durch einen ganz in rotes Licht getauchten Raum mit roten Teppichen und spiegelnden Wänden aus Edelstahl bewegten. Eine Rekonstruktion dieser Arbeit bildet den Mittelpunkt der Ausstellung im Musée des Arts Décoratifs et du Design in Bordeaux. Über Enrico Castellani kam Nanda Vigo in Kontakt mit der Düsseldorfer Künstlergruppe Zero – und wurde aktives Mitglied. Sie begann mit der Planung eines Zero-Hauses in Mailand, das 1962 fertiggestellt wurde. Parallel nahm Vigo an dreizehn Zero-Ausstellungen teil, darunter Schauen im Amsterdamer Stedelijk Museum und der Gallery of Modern Art in Washington D.C. 1965 organisierte und kuratierte Vigo die viel beachtete Zero-Ausstellung in Lucio Fontanas Mailänder Studio.


Fell und Fliesen
Die Innenarchitektur hat Nanda Vigo dabei nicht aus den Augen gelassen. Im Gegenteil: Sie hat die Erfahrungen aus der Kunst in den Kontext des Interieurs übertragen. Über einen Kontakt zu Gio Ponti erhielt sie 1964 den Auftrag für die Innenausstattung des von Ponti entworfenen Hauses des Kunstsammlers Giobatta Meneguzzo in Malo unweit von Vicenza. In der Casa Lo Scarabeo Sotto la Foglia (Der Käfer unter dem Blatt) sind alle Wände und Böden mit weißen Fliesen im Format 20 mal 20 Zentimeter verkleidet. Der Grundriss ist offen. Keine Trennwände oder Türen unterteilen den gekachelten Innenraum. Dem Kalten und Klinischen setzte Nanda Vigo eine provokante Sinnlichkeit entgegen: flauschiges Kunstfell, mit dem sie Sessel und Sofas ebenso bezog wie eine Wendeltreppe mit auskragenden Stufen. Nanda Vigo vertrat keine starre, monotone Moderne. Sie hat das Harte mit dem Weichen verbunden, das Schroffe mit dem Sensuellen. Sie hat den Pop auf souveräne Weise in den Alltag eingeflochten.

Im Rausch der Farben
Als Innenarchitektin entwarf Nanda Vigo sechs monochrome Interieurs: Casa Zero (1959-1962), Lo Scarabeo Sotto la Foglia (1965-1968), Casa Museo Remo Brindisi (1967-1971), Casa Blu (1967-1972), Casa Gialla (1970) und Casa Nera (1970). Die Farben sind kein Selbstzweck: Die Casa Gialla (gelbes Haus) entstand für einen Kunden aus Süditalien, der in Mailand wohnte und sich immer über den vielen Nebel beschwerte. Er vermisste die Sonne, weshalb die Wohnung gelb wurde. Die Casa Nera in Mailand war deswegen schwarz, weil der Bauherr – ein Galerist und Sammler – sagte, dass man relevante Kunstwerke nur beim Kerzenlicht betrachten könne. Und so hüllte Nanda Vigo alle Räume in die Farbe der Nacht. Der schwarz glänzende Fußboden im Wohnzimmer wurde von weiß erleuchteten Glasfeldern unterbrochen, die Assoziationen an das 1982 gedrehte Billie-Jean-Musikvideo von Michael Jackson erwecken. Ohnehin wirkt das Interieur wie eine Mixtur aus Wohnraum und Nachtclub – als Vorahnung der nur wenige Jahre später einsetzenden Disco-Ära.

Kunst für den Alltag
In den späten Sechzigerjahren widmete sich Nanda Vigo immer mehr dem Produktdesign. Die Stehleuchte Golden Gate für Arredoluce (1969/1970) verfügt über einen 2,15 Meter ausladenden, verchromten Stahlarm, der aus einem zylindrischen Sockel emporwächst. Zwischen Purismus und Steinzeit changiert der Stuhl Due Più (1971) für More Coffee, bei dem zwei fellbezogene Rollen als Sitzfläche und Rückenlehne dienen. Auch der Hocker Blocco (1971) von Driade wartet mit kubischem Holzrahmen, schlanker Polyurethan-Polsterung und einem Bezug aus schwarzem, zotteligem Kunstfell auf. Das Sideboard Cronotopo (1971) – ebenfalls für Driade – präsentiert sich als ein puristischer Korpus aus Aluminium, der sich mit gläsernen Ablagen und verspiegelten Rückwänden nach vorne öffnet. Türen aus gefrostetem Glas werden durch die Spiegel multipliziert. Das Möbel wirkt wie eine Adaption aus ihren Arbeiten für die Zero-Gruppe. Kunst gehört nicht ins Museum, sondern in den Alltag, so die Botschaft.

Brücken in eine andere Welt
Ab 1972 begann für Nanda Vigo eine zweite Phase, die stark von Reisen in außereuropäische Kulturen wie Algerien, Ägypten, Iran, Afghanistan, Indien, Nepal, Guatemala oder Mexiko beeinflusst wurde. Sie entdeckte Zeichen und Syntagmen – und integrierte diese ethnologischen Einflüsse in ihre gestalterische Sprache. Quadrat, Rechteck und Kreis bestimmten fortan ihre zweidimensionalen Arbeiten, Pyramide, Würfel, Kugel und Zylinder ihr dreidimensionales Werk. Die in den Siebzigerjahren begonnene Werkreihe Trigger of the space umfasst pyramidenartige Lichtskulpturen, die mithilfe von Spiegeln und Neonröhren spannungsvolle Reflexe erzeugen. „Sie erscheinen wie Sprungbretter in neue Welten, Brücken in das riesige und unbekannte Universum“, so Victoire Brun, Leiterin der Designabteilung des madd-bordeaux und Kuratorin der Ausstellung. Nanda Vigo hat in ihrer Karriere an 112 Solo- und 435 Gemeinschaftsausstellungen teilgenommen. Sie hat mit vielen Gruppen und Bewegungen zusammengearbeitet. Und doch lässt sie sich keiner einzelnen zuordnen. Sie saß zwischen den Stühlen und hat das gemacht, was nur wenigen gelungen ist: Sie ist stets ihren eigenen Weg gegangen.

Nanda Vigo, l'espace intérieur
Noch bis zum 08.01.2023 im Musée des Arts Décoratifs et du Design in Bordeaux (madd-bordeaux)

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Links

Nanda Vigo

www.nandavigo.com

Musée des Arts Décoratifs et du Design (MADD)

www.madd-bordeaux.fr

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