Stories

Alpine Sinnlichkeit

Entdeckungen auf der Sammlermesse Nomad St. Moritz

Flammende Teppiche, funkelnde Vasen und bäuerliche Holzmöbel: Auf der Sammlermesse Nomad im St. Moritz-Nachbarort Samedan wurden Dinge mit Seele gezeigt. Neues und Historisches ging dabei ebenso Hand in Hand wie das Extravagante und Bodenständige.

von Norman Kietzmann, 09.03.2022

Klein, aber fein: Nomad ist eine reisende Designmesse, die 2017 gegründet wurde. Limitierte Designeditionen werden nicht in neutralen Messehallen oder Zelten präsentiert wie bei der Design Miami oder der in London und Paris stattfindenden PAD (Pavilion of Art and Design), sondern im Kontext besonderer Räume. Nach Stationen in Karl Lagerfelds einstiger Villa in Monaco oder in einem prachtvollen Palazzo in Venedig hat die neunte Nomad-Edition im März 2022 wieder in der Chesa Planta Station gemacht. Das größte Patrizierhaus im Engadin wurde 1595 erbaut und 1760 erweitert. Der Charme der alpinen Barockzimmer mit holzvertäfelten Wänden entfaltet sich umso mehr, wenn der Blick durch die Fenster hinaus auf die schneebedeckten Gipfel fällt.

Dialog mit dem Berg
Auf die Spuren des Ortes begibt sich Innenarchitekt und Designer Pierre Yovanovitch mit der Kollektion New Alpine für seine 2021 gegründete Marke Pierre Yovanovitch Mobilier. Zu den 23 Möbeln und Leuchten zählen ein geschwungenes Sofa mit massivem Eichenholzrücken, eine an einen Boxball erinnernde Stehleuchte oder ein neu produzierter Stuhl, der mit einem Vintage-Gobelin-Stoff bezogen ist. „Die Installation ist eine Hommage an die alpine Ästhetik. Aber die tiefere Inspiration kommt von meiner langjährigen Liebe für die schwedische Grace-Bewegung der Zwanzigerjahre, die von Axel Einar Hjorth und der Ästhetik seiner Sportstugemöbler geprägt wurde“, sagt der Pariser Gestalter.

Neue Draußen-Bewegung
In der Chesa Planta zeigte er noch eine Zusammenarbeit mit Dior Maison: Die Kollektion Midi umfasst 15 Wohnaccessoires aus Eichenholz, darunter eine Tischleuchte mit Ballonschirm, ein konischer Kerzenhalter oder eine Zigarrenbox mit konkav gewölbten Seitenflächen. Es sind auffallend schlichte, fast schon von einer bäuerlichen Einfachheit geprägte Dinge, für die sich Yovanovitch vom Landleben in Südfrankreich leiten ließ, wo Christian Dior seine Kindheit verbrachte und in den Fünfzigerjahren ein Anwesen erwarb.

Auf die Wechselwirkung von Design und Mode setzte Loro Piana Interiors mit der Kollektion Delight Chairs St. Moritz. Die von Paola Navone entworfenen Sitzmöbel sind von Klappstühlen inspiriert, wie sie an Deck historischer Yachten Verwendung fanden. Die Rückenlehnen und Sitzflächen sind aus Kaschmir und Wolle gearbeitet mit abnehmbaren Überwürfen aus Cashfur: einer an Fell erinnernden Mixtur aus Kaschmir und Seide, mit der sich die Outdoor-tauglichen Teak­holz-Stühle zur Möblierung einer Berghütte oder Chalet-Terrasse empfehlen.

Ran an die Sonne
Das Mailänder Label Fornasetti war ebenfalls nach St. Moritz gereist und zeigte eine Serie von zwölf handgeknüpften Wandteppichen aus Wolle und Seide mit dem Titel Dodici mesi dodici soli (Zwölf Monate, zwölf Sonnen). Die Motive stammen aus dem 1942 von Piero Fornasetti veröffentlichten Buch Lunario del Sole (Almanach der Sonne), das in einer handgedruckten Serie von fünfzehn Exemplaren neu aufgelegt wurde. Auf dem Cover des Buches sind neben der Sonne auch Mond und Sterne zu sehen. Barnaba Fornasetti, der Sohn von Piero Fornasetti, hat daraus zusammen mit Giovanni Bonotti eine Kollektion von 13 weiteren Teppichen abgeleitet, die zu 60 Prozent aus recyceltem Kunststoff und zu 40 Prozent aus organischen Materialien gefertigt werden.

Feurige Quadrate
Dass Teppiche nicht auf den Boden, sondern an die Wand gehören, bewies die Mailänder Textilgalerie Altai. In der Chesa Planta wurden antiquarische Matten, Filze und Kelims ausgestellt, die mit den Sehgewohnheiten brechen. Denn viele der vermeintlich zeitgenössischen Arbeiten sind weit über 100 Jahre alt. Absolute Hingucker waren die Teppiche aus der Serie Zakatala (Feurige Flamme), die in den Zehnerjahren des 20. Jahrhunderts von kurdischen Enklaven in Anatolien und im Kaukasus angefertigt worden sind und mit langen „Zotteln“ in leuchtenden Rot- und Orangetönen aufwarten. Die Teppiche waren der Zoroastrismus-Religion und ihren Feuerkulten gewidmet, bei denen das Quadrat eine wichtige Rolle spielte. An ihrer Rückseite sind die Teppiche mit totemistischen Symbolen bestickt, die vor den Geistern der Unterwelt schützen sollten.

Feuerwerk an Reflexionen
An kultische Objekte erinnerten auch die Glasskulpturen der Engländerin Anna Dickinson, die von der Basler Galerie von Bartha gezeigt wurden. Auf den ersten Blick muten die zylindrischen Arbeiten wie Gefäße an, die trotz ihrer relativ geringen Größe eine monumentale Wirkung entfalten. Ein wiederkehrendes Motiv ist die Verbindung gegensätzlicher Materialien. Transparentes oder transluzentes Glas wird mit massivem Metall oder Kunststoff kombiniert – jeweils so, dass die Oberflächen, Texturen, Farben oder bläschenartigen Einlässe des Glases auf den anderen Werkstoff reagieren, ihn regelrecht umgarnen und eine Art Symbiose mit ihm eingehen. Als in der Chesa Planta die Strahlen der Nachmittagssonne über die puristischen und geheimnisvollen Werke wanderten, entfachten sie ein Feuerwerk an Reflexionen.

Reisen durch die Zeit
Mit leuchtenden Qualitäten punktete das Sideboard Cronotopo (1971) von Nanda Vigo, das von der Mailänder Galleria Luisa Delle Piane gezeigt wurde. Zwei gläserne Einlegeböden werden von einem breiten, umlaufenden Rahmen aus Aluminium eingefasst. Ein rückseitiger Spiegel sowie versteckt angeordnete Lichtleisten setzen die ausgestellten Objekte inmitten dieses bühnenartigen Möbelstücks in Szene. Schade, dass der ursprünglich von Driade produzierte Entwurf noch nicht als Kandidat für eine serielle Reedition ins Auge gefasst wurde, was ausdrücklich zu begrüßen wäre.

Zwischen Gegenwart und Vergangenheit oszilliert eine neue Arbeit von Sabine Marcelis, die von der Kopenhagener Designgalerie Etage Projects auf der Nomad St. Moritz präsentiert wurde: Stacked Fountain ist ein Wohnzimmerbrunnen, bei dem das Wasser über zwei versetzt angeordnete Kunstharzblöcke läuft. Diese sind in einer intensiven, sinnlichen Pfirsichfarbe gehalten und korrespondieren aufgrund ihrer glänzend-polierten Oberflächen mit dem kühlen Nass. Ein Sockel aus Travertin sorgt mit seiner dreidimensionalen Textur für eine haptische Komponente, die sich von der glatten Präzision der Gießharzblöcke abhebt. Dem Poetischen und Leichten wird das Bodenständige entgegengestellt – ein passendes Sinnbild für eine Messe, bei der das Extravagante und das Bäuerliche Hand in Hand gingen.

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