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Kontext statt White Cube

Designmesse Nomad im größten Engadiner Patrizierhaus

Die Sammlerschau Nomad hat vom 08. bis 11. Juli in der Chesa Planta Station gemacht, dem größten Patrizierhaus im Engadin. Design und Kunst wurden hier Seite an Seite gezeigt – mit spannungsvollen Rückkoppelungen zwischen Historie und Gegenwart.

von Norman Kietzmann, 14.07.2021

Bei der Sammlermesse Nomad ist der Name tatsächlich Programm. Das reisende Ausstellungsformat wurde 2017 von Giorgio Pace und Nicolas Bellavance-Lecompte gegründet, um historische Designraritäten und limitierte Editionen von heute im Wechselspiel mit Kunst zu zeigen – nicht im sterilen White Cube, sondern in historischen Umgebungen. Die einst von Karl Lagerfeld bewohnte Villa La Vigie in Monaco, der Palazzo Soranzo Van Axel in Venedig oder das von Antii Lovag für Pierre Cardin entworfene Palais Bulles bei Cannes dienten als Austragungsorte. Nachdem die letzte Edition Corona-bedingt ins Digitale verlagert wurde, ging nun in der Chesa Planta in Samedan die erste physische Designmesse der Post-Pandemie über die Bühne. Zielgruppe sind Designenthusiasten und solche, die mit hochpreisigen, oft zu fünf- bis sechsstelligen Beträgen gehandelten Möbeln und Objekten ihre Kunstsammlung ergänzen wollen. 
 
Verhüllte Möbel
Das 1595 erbaute und 1760 erweitere Patrizierhaus im Nachbarort von Sankt Moritz wartet mit holzgetäfelten Wänden, schweren Stofftapeten und barocken Fresken auf. Normalerweise beherbergt es das Kulturarchiv Oberengadin sowie ein Museum für Wohnkultur des 18. Jahrhunderts. Im einst als Teesalon genutzten Blauen Raum der Chesa Planta wurde die von Christopher Taylor und Alessandro Possati kuratierte Ausstellung Christo. Wrapped Furniture and Objects: 1961 - 1963 gezeigt: Frühwerke des 2020 verstorbenen Künstlers, die sich noch nicht im architektonischen oder landschaftlichen Maßstab bewegen, sondern aus vorgefundenen Stühlen, Kommoden und anderen Dingen mit einem hohen Maß an Spontanität umgesetzt wurden.  
 
Bei einigen Werken handelt es sich um verhüllte Gemälde, die Christo – der seine Karriere als Portraitmaler begonnen und darüber auch seine spätere Frau und Projektpartnerin Jeanne-Claude kennen gelernt hatte – als Kopien berühmter Werke selbst angefertigt hat. In einem mit Eichenholz getäfelten Raum zeigten die Galerien Larkin Erdmann aus Zürich und Knoell aus Basel mehrere kleinformatige Werke. Die bunten Farbfelder von Alighiero Boetti wurden in ungewöhnlicher Höhe in quadratische Holzkassetten eingesetzt. Andere Werke, darunter eine Handzeichnung von Picasso oder ein Frauenkopf von Giacometti, waren inmitten von Wandschränken platziert: hinter Holztüren verborgene Private Viewing Rooms, die einen intimen, gleichsam charmanten Hintergrund für die Werke lieferten. 
 
Kulturelle Brücken
Das zentrale Wohnzimmer der Chesa Planta – Chesa steht im Rätoromanischen für Haus, Planta lautet der Name der Familie, die das Gebäude 1817 erwarb – ist in einem satten Rot gestrichen. Hier präsentierte die Galerie Mercado Moderno aus Rio de Janeiro Arbeiten der brasilianischen Gestalterin Inês Schertel. Ihre organisch anmutenden Hocker, Stühle, Vasen, Teppiche und Wandverkleidungen lassen mal an Blumen, mal an zottelige Tiere denken. Sie sind aus Wolle gefertigt, die mithilfe von Reibung, Wasser- und Seifenzusätzen zu einem filzartigen Stoff verarbeitet wurden. Diese Technik fand bereits vor 6000 Jahren von nomadischen Stämmen in China, Iran und Afghanistan Verwendung und wurde hier nun in einen neuen zeitlichen wie kulturellen Kontext gesetzt. 
 
Hängende Träume 
Filz spielt auch in der Arbeit der libanesischen Designerin Rumi Dalle eine entscheidende Rolle, die von der Iwan Maktabi Gallery aus Beirut vertreten wird. Sie hat den Prozess der traditionellen Filzherstellung selbst erlernt, der aufgrund seiner hohen Kraftanstrengung im Nahen Osten bis heute fast ausnahmslos von Männern ausgeführt wird. Anstatt ein flächiges Gewebe zu erzeugen, hat Rumi Dalle die Wollfasern Schicht für Schicht übereinandergelegt und so lange gerollt, bis aus ihnen lange, feste „Lianen“ wurden. Diese wachsen bei der Serie I felt like a dream aus rundlichen Körpern heraus, die an die weiße Wand eines Korridors der Chesa Planta montiert wurden, sodass die Filzrollen – allesamt in warmen, changierenden Farben – zu Boden hingen. Die somit erzeugten „Wesen“ lassen nicht nur an überdimensional vergrößerte Quallen denken. Sie bilden eine sinnliche Neuinterpretation eines typischen Filzproduktes, das nun von der Fläche in den Raum erweitert wurde: des Wandteppichs.
 
Chaos und Schutz
Auf die Spuren des Alten Ägyptens begibt sich die Kairoer Designerin Lina Alorabi und das ebenso vor Ort ansässige Label Don Tanani. Die Möbelkollektion Duality greift historische Verarbeitungstechniken und mythologische Referenzen aus dem Land der Pharaonen auf – und setzte einen atmosphärischen Kontrapunkt zu den schweren, beinahe schwarzen Tapeten aus dem 19. Jahrhundert. Der Beistelltisch Apep trägt den Namen jenes Gottes, der Chaos und Finsternis heraufbeschwört. Das aus Eiche geschnitzte Möbel lässt an eine zusammengerollte Schlange denken, deren Rücken von einem weißen Band akzentuiert wird. Bei ihnen handelt es sich um Inlays aus Kamel-Knochen, die eine ebenso lange Tradition im altägyptischen Möbelbau haben wie Blattgold. Die hauchdünnen Metallschichten bedecken den runden Raumteiler Shen, der nach dem Schutzring des Hauptgottes Horus benannt ist. 
 
Verfestigte Pulver
Die in Athen ansässige Carwan Gallery war mit neuen Arbeiten des Büros Hot Wire Extensions in Sankt Moritz präsent. Sie bespielte einen weiß gestrichenen Raum mit großformatigem Eichenparkett inmitten der Chesa Planta. Das vom Londoner Designer Fabio Hendry gegründete Büro kreiert Objekte aus Nylonpulver-Resten, die in großen Quantitäten beim 3D-Druck übrig bleiben. Die Serie Faux Species umfasst mehrere Hocker mit organisch anmutenden Konstruktionen, die an die Strukturen von Knochen erinnern. Sie sind das Ergebnis eines eigens entwickelten Herstellungsprozesses, bei dem ein Nichromdraht in die gewünschte Form gebogen und in einen Container mit Nylonpulver und Quarzsand gelegt wird. Indem elektrischer Strom durch den Draht geleitet wird, verschmelzen Nylon und Sand zu einem festen Material mit feinporöser Oberflächenstruktur. 

 
Weiche Landung
An den Tastsinn appelliert die Chaiselongue The Palm Duet, die der Franzose Raphael Navot in Zusammenarbeit mit Loro Piana Interieurs gestaltet hat. Die Präsentation fand in einem intimen Kabinettzimmer im Obergeschoss der Chesa Planta statt. Das Möbelstück ist von einer Handfläche inspiriert und besitzt eine auffallend breite Armlehne. „Ich wollte eine Form finden, die den Körper auf anmutige Weise stützt und sich gleichzeitig neu und zeitlos anfühlt, frei von historischen Konnotationen. Da die Armlehne wie eine Sitzfläche anmutet, lädt sie eine zweite Person ein, sich ebenfalls niederzulassen und das Sitzerlebnis zu teilen“, sagt Raphael Navot, der zusammen mit David Lynch den Pariser Club Silencio gegründet hat. 

Sinnlichkeit wird hierbei nicht nur durch die Gestalt eingelöst, sondern ebenso durch einen Bezug aus Cashfur: einem von Loro Piana entwickelten Stoff aus feinen Kaschmirfasern, die auf Rundstrickwebstühlen mit Seide gemischt werden, um eine enorm weiche, fellartige Textur anzunehmen. Die erste Designmesse seit knapp anderthalb Jahren sorgt auf diese Weise keineswegs nur für ein Wiederaufflammen menschlicher Interaktion. Sie beflügelt eine Qualität, die sich über digitale Messeformate bestenfalls erahnen, aber keineswegs erfahren ließ: Haptik. 

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