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Unknown Unknowns

Die XXIII. Internationale Ausstellung der Mailänder Triennale ist eröffnet

Unknown Unknowns. An Introduction to Mysteries lautet der Titel der XXIII. Internationalen Ausstellung der Mailänder Triennale. Vom 15. Juli bis 11. Dezember 2022 geht es um die Wechselwirkung von Natur, Wissenschaft, Kunst und Gestaltung. 23 Länderbeiträge ergänzen die von der Astrophysikerin Ersilia Vaudo kuratierte Hauptausstellung. Pritzker-Preisträger Francis Kéré hat vier Installationen zu Bildern und Stimmen des afrikanischen Kontinents geschaffen.

von Norman Kietzmann, 15.07.2022

Die von Paola Antonelli kuratierte XXII. Triennale Broken Nature im Jahr 2019 hatte sich mit der Frage auseinandergesetzt, wie wir den unterbrochenen Kontakt zur Natur wieder herstellen können. Gestaltung wurde damals interdisziplinär begriffen, als ein Feld, das von Designer*innen, Architekt*innen und Wissenschaftler*innen gleichermaßen bearbeitet wird. Auf der diesjährigen Triennale öffnete Präsident Stefano Boeri den Diskurs noch etwas weiter. Er übertrug die kuratorische Leitung bewusst einer Person außerhalb des Designkosmos: der Astrophysikerin und Chief Diversity Officer bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA Ersilia Vaudo.

Element der Überraschung
Unknown Unknowns schlägt eine neue Betrachtungsweise vor. Nicht durch Polarisierungen wie hell/dunkel, voll/leer, Wissenschaft/Kunst, sondern durch die Möglichkeit der Erforschung: vom weitesten Universum bis zur dunklen Materie, vom Grund der Ozeane bis zum Ursprung unseres Bewusstseins“, erklärt Vaudo ihren Ansatz. „Das Unbekannte wird so zu einer Dimension, die es zu erfahren gilt, zu einem Element der Überraschung angesichts der Weite dessen, was uns entgeht.“ Zu wissen, dass wir nichts wissen: So viel Sokrates ist ungewöhnlich für ein Ausstellungskonzept, welches sich mit Themen der Gestaltung und damit letztendlich mit dem Greifbaren beschäftigt.

Die Hauptausstellung umfasst Arbeiten und Projekte von 400 Künstler*innen, Designer*innen und Architekt*innen aus mehr als 40 Ländern. Den Auftakt markiert eine starke Vergrößerung des Gemäldes Die Flucht nach Ägypten (1609) des deutschen, seinerzeit in Rom lebenden Malers Adam Elsheimer (1578-1610). Das Bild zeigt die heilige Familie unter einem stimmungsvollen Nachthimmel mit einem ungewöhnlichen Detail: Der ältesten, bis heute erhaltenen Darstellung der Milchstraße, deren Form erstaunlich präzise allein durch nächtliche Beobachtungen erfasst wurde.

Reise zu den Ursprüngen
„Noch vor 100 Jahren dachten wir, die Milchstraße sei das gesamte Universum. Heute wissen wir, dass wir eine von 200 Billionen Galaxien sind. Die Ausdehnung des Universums wird so weit voranschreiten, dass das Licht keine Zeit mehr haben wird, uns zu erreichen. Vielleicht werden wir wieder denken, dass es nichts anderes gibt als unsere Insel voller Sterne in der Dunkelheit. Das Mysterium kehrt wieder zurück“, erklärt Ersilia Vaudo. Während der Pressekonferenz im Theater der Triennale zeigt sie ein Foto des Weltraumteleskops James Webb, das just am Vortag von der Nasa veröffentlicht wurde. Es gewährt Einblick in den äußersten Rand des Universums, in eine Zeit vor 13 Milliarden Jahren.

Schwerkraft als Gestalter
Im weiteren Ausstellungsrundgang wird die Gravitation thematisiert: eine treibende Kraft, die unermüdlich das Universum transformiert und, so Vaudo, die Rolle der „größten Designerin“ erfüllt. Karten, Systeme zur Bestimmung von Flugbahnen und Routen sind zu sehen. Hier geht es auch um die Frage, wie das Bauen auf anderen Planeten funktionieren kann. Die Triennale hat dafür vier Kommissionen vergeben: an den japanischen Designer Yuri Suzuki, die italienische Gestalterin Irene Stracuzzi, das US-amerikanische Architektenbüro SOM sowie an den türkisch-amerikanischen Künstler Refik Anadol. 

Entwürfe für extraterrestrische Siedlungsformen sind zu sehen, die auf andere Gravitationsformen ebenso reagieren wie auf eine lokale Ressourcengewinnung. „Man kann nicht alles heranschaffen, sondern muss mit dem arbeiten, was man vor Ort findet“, sagt Joseph Grimma. Mit seinem Büro Space Caviar hat er das Ausstellungsdesign konzipiert. Die Sockel der gläsernen Displays in den Räumen der Triennale wurden mit großen 3D-Druckern aus organischen Abfällen der Lebensmittelindustrie konstruiert. Es ist das erste Mal, dass mit diesem Verfahren eine vollständige Installation in einem Museum realisiert wurde.

Fragile Umwelt
Im weiteren Rundgang beschäftigt sich der Neurowissenschaftler Antonio Damasio mit dem Thema des Selbst und des Gewissens, der Physiker Carlo Rovelli mit der Zeit, der Biologe und Philosoph Telmo Pievani mit dem Ursprung des Lebens und die theoretische Physikerin Lisa Randall mit dem Geheimnis dessen, was jenseits unserer Sinne liegt. Eine von der ESA kuratierte Sonderinstallation beendet die Ausstellung mit einem Blick auf die Erde aus der Ferne. „Diese Perspektive verdeutlicht die Zerbrechlichkeit unseres Planeten und die Auswirkungen von Faktoren wie Urbanisierung, Luftverschmutzung, schmelzende Gletscher, Temperaturanstieg und vieles mehr“, so Kuratorin Ersilia Vaudo. Ergänzt wird die Ausstellung durch ortsspezifische Installationen, die von den Künster*innen Andrea Galvani, Bosco Sodi, Protey Temen, Julijonas Urbonas, Marie Velardi geschaffen wurden sowie die räumliche Adaption eines Werks von Tomás Saraceno.

Länder-Beiträge
Die Triennale ist seit den 1930er Jahren permanentes Mitglied im Bureau International des Expositions, das auch die Weltausstellungen ausschreibt und reguliert. Neben einer Hauptausstellung gehören daher auch Länder-Pavillons zum Programm, wobei diese hier keine separaten Gebäude bespielen, sondern eigene Räume im Erdgeschoss der Triennale di Milano. Der italienische Beitrag La tradizione del nuovo (die Tradition des Neuen) ist eine Weiterentwicklung der Dauerausstellung des Museo del Design Italiano, mit der ihr Direktor und Kurator Marco Sammicheli die Triennalen zwischen 1964 und 1996 unter soziologischen, ökologischen und kulturellen Aspekten beleuchtet. Der tschechische Auftritt Casa Immaginaria: Living in a dream – kuratiert von Adam Štěch – beschäftigt sich mit dem Phänomen rein digitaler Gebäude und Interieurs, die nicht nur die Grenzen der Realität überschreiten, sondern ebenso der Präsenz des Physischen die Immaterialität des Metaverse gegenüberstellen.

#Über den Äther gesprochen
Etwas lustlos und ungreifbar wirkt der deutsche Beitrag Nomadic Cosmologies and Fugitive Power, organisiert vom Goethe Institut. Zwei Bänke aus Baugerüsten stehen etwas verloren auf einem roten, kreisförmigen Teppich und werden von gekrümmten roten Wänden eingefasst. Hier können die Besucher neun Audio-Broadcasts anhören, die mit internationalen Expert*innen und Klimaaktivist*innen geführt wurden. Produziert vom Kollektiv Red Forest werden die Gespräche auf verschiedenen Radiokanälen übertragen. Der niederländische Beitrag Have we met? vom Het Nieuwe Institut untersucht, wie Menschen, Tiere und Pflanzenwelt Räume teilen und interagieren können. Insgesamt sind 23 Länder-Pavillons auf der 23. Mailänder Triennale vertreten, darunter erstmals sechs afrikanische Staaten: Ghana, Kenia, Burkina Faso, Kongo, Ruanda und Lesotho. Hier spielte die Vermittlung von Francis Kéré eine wichtige Rolle.

Projekte von Francis Kéré
Der Pritzker-Preisträger 2022 hat selbst vier Installationen zu Bildern und Stimmen des afrikanischen Kontinents geschaffen, die den Weg ins Innere des Triennalegebäudes begleiten. Vor dem Haupteingang steht der zwölf Meter hohe Turm The Future's Present, der dekorative Elemente der volkstümlichen Architektur in Burkina Faso aufgreift. Die Installation Yesterday's Tomorrow definiert den Mittelpunkt im Ausstellungsraum der Länderbeiträge. Zwei gewölbte, in sich verschlungene Wände kreieren einen Ort, an dem man auf Bänken Platz nehmen und über das Gesehene reflektieren kann. Im ebenso von Kéré konzipierten Länderbeitrag Drawn Together von Burkina Faso können die Besucher*innen eine Wand mitgestalten. Zum Abschluss geht es in das Triennale Caffè zur Installation Under a Coffee Tree, die in Zusammenarbeit mit der Lavazza Group entstanden ist. So wie das Ritual des Kaffeetrinkens Menschen aus der ganzen Welt verbindet, soll der Baum die Besucher*innen zusammenbringen – und aus Unbekannten neue Bekanntschaften schließen. 

23. Triennale Milano International Exhibition
Unknown Unknowns. An Introduction to Mysteries 
Vom 15. Juli bis 11. Dezember 2022

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Triennale di Milano

XXII. Triennale di Milano

Länderbeiträge

www.baunetz-id.de

XXII. Triennale di Milano

Interview Paola Antonelli

www.baunetz-id.de

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