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Lockruf des Nordens

Die Neuheiten vom Festival 3daysofdesign in Kopenhagen

Gegenwart und Vergangenheit liegen in Skandinavien eng beieinander. In der Gestaltung schauen die Meister der Moderne allen neuen Entwürfen über die Schulter. Wie spannungsvoll der Dialog der Zeit sein kann, zeigt die neunte Ausgabe des Festivals 3daysofdesign in Kopenhagen.

von Norman Kietzmann, 22.06.2022

Design reicht über die Ästhetik hinaus. Es geht um das, was hinter der Form steht. Und dazu lohnt sogar die Rückkehr in die Schule. Der Hersteller Mater hat während des Festivals 3daysofdesign in Kopenhagen eine Neuauflage des Conscious Chair BM3161 von Børge Mogensen präsentiert. Während das Original aus dem Jahr 1958 aus Holz gefertigt wurde, kommt nun ein Recyclingwerkstoff zum Einsatz, der zur Hälfte aus Kunststoffresten aus der Sanitärindustrie und zur anderen Hälfte aus Kaffeebohnenfasern besteht. Das Material besitzt eine unregelmäßig changierende Oberfläche und Haptik, die an Beton erinnert. Recycling wird nicht als Downgrading missverstanden. Es bringt vielmehr eine ästhetische Qualität ein, die über die Wahrnehmung konventioneller Rohstoffe hinausgeht. Neben den wiederaufgelegten Mogensen-Entwurf, der ursprünglich für eine Anwendung in Schulen konzipiert wurde, reihen sich aktuelle Arbeiten wie der Hocker Light von Eva Harlou oder der Eternity Sidechair von Space Copenhagen aus demselben Material.

Reisende Kulisse
Fritz Hansen setzt in diesem Jahr auf zwei Reeditionen von Poul Kjærholm. Dessen dreibeiniger Stuhl PKO A aus dem Jahr 1952 ist bislang nur in einer limitierten Auflage gefertigt worden. Nun startet die Serienproduktion des skulpturalen Schichtholzmöbels, das seine Silhouette aus jeder Perspektive verändert. Ein weiterer Kjærholm-Entwurf ist der Beistelltisch PK60, der ebenfalls 1952 entwickelt wurde und mit seinen organisch-schwungvollen Beinen an die Arbeiten des Bildhauers Isamu Noguchi erinnert. Das Unternehmen Fritz Hansen feiert in diesem Jahr sein 150. Jubiläum. Die Neuheiten sind dafür nicht im eigenen Showroom, sondern in einem Pavillon im Garten des Dänischen Designmuseum gezeigt worden. Die Architektur von Henning Larsen reiht schwarz gebeizte Holzträger zu einem archetypischen Satteldachbau, der dank Fassaden und Dächern aus transluzentem Polykarbonat vom Tageslicht durchflutet wird. Im Anschluss an das Festival soll der demontierbare Bau als Event-Location dienen und an andere Orte weiterreisen.

Frische Perspektive 
Auch das Designmuseum selbst ist während der 3daysofdesign nach zweieinhalbjähriger Schließung wiedereröffnet worden. Aufregung lag in der Luft, als der dänische Kronprinz am Dienstag vergangener Woche vorbeischaute. Insgesamt acht neue Ausstellungen sind zu sehen, die sich wohltuend von der angestaubten Präsentation des alten Museums distanzieren. Eine Schau legt den Fokus auf biobasierte Werkstoffe. Eine andere Ausstellung kombiniert Mode verschiedener Epochen mit originalen Kleiderschränken jener Zeit. Man erfährt, dass im Mittelalter sämtliche Kleider in eine keineswegs üppig dimensionierte Kiste hineinpassen mussten, während um 1900 ein schmaler Schrank von vielleicht 70 Zentimetern Breite zur Verfügung stand. Das Möbel wird zum räumlichen Korrektiv des Fast-Fashion-Wahns und Überkonsums. 

Im Kontext zu denken, gilt auch für die ständige Sammlung, die dort im Zusammenspiel mit Kunstwerken (allesamt Leihgaben des Louisiana Museums), Architektur und Innenraumgestaltung gezeigt werden: Als eine Synästhesie, die sich von der Überhöhung im White Cube befreit und Möbel, Leuchten oder Objekte sowohl in den Geist ihrer Zeit als auch in ihre domestizierte Wirklichkeit einbettet – von einer eleganten Fünfzigerjahre-Moderne über eine laszive Siebziger-Disco-Höhle bis zur eklektischen Gegenwart.

Sprung durch die Zeit
Kay Bojesen (1886-1958) ist vor allem für seine hölzernen Tierfiguren bekannt. Dabei hat der ursprünglich als Silberschmied ausgebildete Gestalter zahlreiche Metallarbeiten gefertigt, darunter auch eine Besteckserie für den Königlichen Hof von Dänemark. Seine Urenkelin hat das Besteck Grand Prix wieder in Produktion gebracht, das seinen Namen einer Auszeichnung auf der Mailänder Triennale 1951 verdankt. Neu hinzugekommen ist in diesem Jahr ein Trinkglas mit kreisförmigem Boden und einem Rand, der wie ein Dreieck mit abgerundeten Spitzen anmutet. Als Vorlage diente ein silberner Whisky-Becher aus der Grand Prix-Serie, der jedoch in veränderter Materialität und größerer Dimensionierung eine stimmige Rolle als Cocktail- oder Wasserglas entfaltet.

Gebranntes Doppel
Hochprozentiges bringt auch der Hersteller House of Finn Juhl ins Spiel, der seit 2001 die Möbel des dänischen Gestalters (1912-1989) editiert. Der Whisky Chair aus dem Jahr 1948 ist bislang nur ein einziges Mal produziert wurden. Das Möbel befindet sich in einer japanischen Sammlung und wurde zur Umsetzung der Serienfertigung behutsam auseinander genommen und wieder zusammengesetzt. Ungewöhnlich ist nicht nur die sich trapezförmig nach oben weitende Rückenlehne, sondern vor allem die Asymmetrie der Armlehnen. Die rechte ist breiter und vorne rund gestaltet. Sie nimmt ein halbkreisförmiges Messing-Inlay auf, das sich mit filigranen Scharnieren aufklappen lässt, sodass eine runde Ablage entsteht. Eine kreisförmige Öffnung gibt einem passend gestalteten Glas der Manufaktur Mikkel Yerst sicheren Halt. Die ersten 250 Stühle sind nummeriert und werden zusammen mit einer Flasche Single Malt Whisky der Marke Stauning geliefert, der nur wenige Kilometer von der Produktionsstätte der Finn-Juhl-Möbel gebrannt wird.

Späte Komplettierung
Der dänische Designer Hans Bølling wird vor allem mit seinem faltbaren Tray Table assoziiert, der seit 1963 von Brdr. Krüger produziert wird. Das Möbel ist nun um einen Lounge­chair, einen größeren Couchtisch sowie einen Hocker ergänzt worden. Sie entspringen allesamt der Feder des 91-jährigen Bølling, der gut gelaunt durch den Kopenhagener Showroom der Marke führte. In Kooperation mit dem American Hardwood Export Council (AHEC) kommen drei Hölzer mit betont warmen Farbnuancen – amerikanische rote Eiche, amerikanischer Ahorn und amerikanischer Kirschbaum – zum Einsatz, die die feingliedrigen Gestelle zum Hingucker machen.

Lockruf der Siebziger
Auf der Zeitschiene etwas weiter nach vorne rückt der Hersteller Gubi mit zwei aus Rattan gefertigten Möbelserien. Die erste trägt den Namen Bohemian 72 und stammt von der italienischen Designerin Gabriella Crespi, die 2022 hundert Jahre alt geworden wäre. Fast alle ihrer Entwürfe sind als Einzelstücke für ihre befreundete Jetset-Klientel entstanden. Umso schöner, dass nun ein Loungechair, ein dreisitziges Sofa, eine Ottomane sowie eine Stehleuchte aus dem Jahr 1972 erstmals in Serie gefertigt werden. Die neu aufgelegte Basket Collection von Joe Colombo wurde in den späten Sechzigern vom italienischen Hersteller Pierantonio Bonacina gefertigt. Sie zeigt, dass auch ein von der Zukunft besessener Gestalter wie Colombo mit einem traditionellen Naturmaterial zu arbeiten vermochte und ihm eine formelle Freiheit wie bei seinen zahlreichen Kunststoffarbeiten abringen konnte.

Weiter ins Heute
Den Sprung aus den Siebzigern in die heutige Gegenwart meistert der dänische, in Berlin ansässige Architekt Sigurd Larsen mit der Polsterserie Peak für Formel A. Die schräg gestellten Armlehnen und Rücken erwecken Assoziationen an Dachlandschaften. Sieben Module können frei miteinander kombiniert werden, sodass wechselnde Konfigurationen möglich sind. Während der 3daysofdesign wurden die Möbel in einem besonders weichen Bouclé-Bezug präsentiert. Der Londoner Designer Michael Anastassiades ist ebenfalls nach Kopenhagen gereist, um zwei neue Leuchten vorzustellen, die beide nicht von Flos, sondern von seinem gleichnamigen Eigenlabel produziert werden. Ta-Ke ist eine Stehleuchte, die einen eigens entwickelten LED-Lichtstab mit einem archaisch anmutenden Bambusgestell in Position hält. Bei Relay wird dieselbe Lichtquelle über innen liegende Magnete an einen Marmorsockel angedockt – als puristische Referenz an Castiglionis berühmte Leuchte Arco.

Formen der Aneignung
Befremdlich wirkt hingegen das Regal Pier, das Erwan und Ronan Bouroullec für Hay gestaltet haben. Die Typologie des modularen Wandregals ist auch während des Salone del Mobile auf den Ständen vieler Hersteller präsent gewesen. Doch diese haben sich mit den fließenden Konturen der Ablagen, dem Einsatz hochwertiger Hölzer oder mit durchsichtigem Glas vom ikonischen Regalsystem 606 von Dieter Rams distanziert. Die Bouroullec-Brüder setzen jedoch nicht auf sinnliche Details, sondern folgen einer Klarheit, die Dieter Rams Entwurf einfach ein Stück weit zu nahe kommt, um noch als Hommage durchzugehen. Ist die Design-Sicherung durchgebrannt?

Soziale Tische
Freiräume zu erkunden, lautete die Vorgabe des Herstellers &tradition. Fünf junge Designbüros aus Südafrika, Japan, Dänemark, Indien und den USA wurden eingeladen, für eine Studie die Typologie des Esstisches zu hinterfragen. Die Entwürfe sollten kulturelle Brücken überwinden und auch formal andere Wege einschlagen – ganz ohne Druck der Kostenstelle oder des Vertriebs. Der Tisch Don’t be a Square der Stellenbosch Art Foundry in Kapstadt verfügt über eine gläserne Platte mit unregelmäßigen Vor- und Rücksprüngen. „Laute Tischgäste werden weiter am Rand platziert, die etwas Schüchternen kommen in die Mitte, sodass sie offener werden“, sagt der Designer Jacques Buys. Der Tisch Éclair von Teruhiro Yanagihara aus Osaka besitzt eine zickzackförmige Platte, die eine Ausrichtung zu verschiedenen Gesprächspartnern erlaubt. Design ist nicht nur Form, sondern soziale Interaktion – so die Botschaft dieser 3daysofdesign in Kopenhagen.

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Links

3daysofdesign

www.3daysofdesign.dk

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