Menschen

Gläserne Seifenblasen

Ein Gespräch mit der Leuchtendesignerin Simone Lüling

Mundgeblasenes Glas trifft auf modernes Design: Mit ihrem Label ELOA hat Simone Lüling ein außergewöhnliches Leuchtenuniversum geschaffen. In ihrem neuen Showroom in den Berliner Reinbeckhallen erklärt die Produktdesignerin und Interior-Beraterin, wie Glas zu „ihrem“ Material wurde und welche Wirkung es in moderner Architektur entfaltet.

von Judith Jenner, 20.10.2021

Wie Seifenblasen scheinen die amorphen Körper durch den Raum zu schweben, mal als Solitäre, mal als Ansammlung mehrerer farbiger Objekte. Im September 2021 eröffnete Simone Lüling den 250 Quadratmeter großen Showroom ihres Labels ELOA in den Reinbeckhallen in Berlin-Oberschöneweide. Auf drei Etagen vereint sie Ausstellung, Entwicklung und Montage in einem hellen, offenen Raum, in dem die nach Planeten benannten Leuchten ihre Wirkung entfalten können. Jedes Stück ist ein Unikat. Der Glas-Korpus wird in einer tschechischen Glasbläserei mundgeblasen und in Berlin weiterverarbeitet.

Sie haben in Zürich Design studiert, später bei Jasper Morrison gearbeitet und in Berlin eine Kunstgalerie betrieben. Wie kamen Sie auf die Idee, mit Glas zu arbeiten?
Ich habe mir immer gewünscht, dass ich mal ein Material finde, in das ich mich vertiefen kann. Es kam dann durch die Hintertür: Meine Tochter kam mit einem mundgeblasenen Glasstück nach Hause. Ich spürte fast so etwas wie Eifersucht und den starken Wunsch, das selbst auszuprobieren. Der Herstellungsprozess von Glas hat für mich beinahe etwas Alchemistisches: Es kommt aus dem Sand, braucht Feuer und am Ende steht ein kristalliner Moment. Glas hat etwas Weiches, aber auch eine Festigkeit. Ein paar Wochen später fragte mich ein Freund, ob ich Leuchten für sein neues Loft gestalten möchte. Die Vision kam direkt: Glasobjekte, die sich wie Seifenblasen schwebend durch den Raum bewegen.

Wo entstand Ihre erste Leuchte?
Meine ersten Leuchten habe ich in einer ganz alten, traditionsreichen Glashütte im brandenburgischen Baruth herstellen lassen. Das Unternehmen lieferte einst die Straßenlaternen für ganz Berlin. Inzwischen arbeite ich mit einem sehr versierten Hersteller in Tschechien zusammen. Das Glashandwerk ist eine sehr fordernde Tätigkeit, vor der ich großen Respekt habe.

Wie werden die Leuchten hergestellt?
Das Besondere an meinen Leuchten ist, dass sie nicht in eine Form geblasen werden. Sie werden mit viel Können und Erfahrung frei in der Luft geblasen, somit entstehen natürliche Formen. Für die Farben verwenden wir hochpigmentierte Glasstäbe einer deutschen Firma. Sie werden beim Herstellungsprozess in die Objekte eingearbeitet. Dadurch entsteht eine ganz feine Schicht mit interessanten Farbverläufen. Anschließend wird das Glas 6 bis 48 Stunden lang gekühlt, dann geschnitten.

Was ist Ihre Aufgabe als Designerin in diesem Prozess?
Ich begleite die Produktion vor Ort und bespreche mit den Handwerkern die Techniken und Vorgehensweisen. Die Farben zuzubereiten sowie die Formen- und Produktionskoordination vorzubereiten gehört zu meinen Aufgaben. Was mir im Design bisher gefehlt hat, ist dieser Zufallsmoment, dieses freie Fließen der Schöpferkraft. Das finde ich beim Glas. Es hängt viel von der Farbe ab – und auch von den Leuten, die das Glas bearbeiten. So entsteht immer wieder Neues, Unerwartetes.

Was passiert mit den fertigen Glasobjekten?
In unserem Berliner Atelier geht es dann weiter mit der Handarbeit. Da wir nur Unikate haben, passt unser Elektriker die Halterungen quasi präindustriell an die Objekte an. Die Textilkabel können die Kund*innen in individuellen Farben auswählen.

Wie hat sich Ihre Kollektion im Laufe der Zeit entwickelt?
Am Anfang war das Arbeiten frei. Jede neue Form war willkommen. Mit der Zeit haben wir die Produkte kategorisiert, ihnen Namen gegeben, sie vermessen. Die Kund*innen bestellen gezielt die Produkte, die sie auf Messen, im Internet oder in Prospekten gesehen haben. Wir sagen aber auch dazu, dass die Schattierungen oder die Maße aufgrund der handwerklichen Herstellung variieren können. Eher durch Zufall, nämlich durch Produktionsfehler bei einer Leuchte, kamen wir dazu, auch Schalen und Vasen zu gestalten. Viele Innenarchitekt*innen ergänzen damit inzwischen unsere Leuchten in ihren Interior-Projekten.

Ihre Leuchten sind in sehr internationalen Projekten vertreten, sei es in Büros oder Restaurants. Treffen Sie einen internationalen Geschmack?
Interessanterweise gingen die ersten Leuchten in die Mongolei. In Dubai, New York oder Peking kamen meine Produkte sehr gut an. Sie treffen einen Nerv, weil sie durch ihre amorphe Natürlichkeit an keinen Stil und keine Zeit gebunden sind. Der Zeitgeist ist dem Handwerk zugeneigt, dem Individuellen – also all dem, das die Industrie nicht abbilden kann.

In welchen Settings wirken die Leuchten besonders gut?
Das ist ganz unterschiedlich. Teilweise kommen sie in sehr modernen Bauten zum Einsatz. Momentan arbeiten wir mit der Innenarchitektin Sabine Keggenhoff an einem Projekt, in dem die Leuchten einen weichen, naturnahen Kontrapunkt zur minimalistischen Architektur darstellen. Unsere Leuchten werden oft wie eine Installation eingesetzt und schaffen einen Ort zum Staunen und Durchatmen. Das zeigt sich auch in der Kooperation mit dem Möbelhersteller Kettnaker, für den ich auf der imm cologne in den vergangenen Jahren das Leuchtenkonzept gestaltet habe. Unsere Entwürfe ergänzen die geradlinigen Möbel sehr schön. Zum 150-jährigen Jubiläum des Herstellers haben wir letztes Jahr eine Konstellation von 150 Starglow-Leuchten gezeigt.

Welche Rolle haben Sie im Planungsprozess?
Im Normalfall konzipiere ich eine spezifische Leuchtenkonstellation mit Aufhängung und Baldachin. Manchmal wähle ich zusammen mit den Innenarchitekt*innen die passenden Leuchten aus und hänge sie mit meinem Team auch auf. Die Elektronik und das Gewicht sind dabei Aspekte, die immer wieder neu gedacht werden müssen. Und manchmal bin ich Produzentin, bei der die Leuchten lediglich eingekauft werden.

In welchem Projekt würden Sie Ihre Leuchten gerne sehen?
Es gäbe da eine Liste von Architekt*innen, mit denen ich gerne zusammenarbeiten würde (lacht). Ich wünsche mir, frühzeitig in Projekte involviert zu werden, um die Installationen wie Kunst am Bau zu entwickeln. Öffentliche Gebäude sind interessant, weil sie einfach von vielen Menschen besucht werden. Auch Kulturstätten wie Opern und Museen, wo ELOA mit der Architektur kommunizieren kann. In Restaurants, Bars und Cafés, Lobbys von Hotels, in Konzernen und auch im Wellnessbereich können die Leuchten toll wirken. Die Kombination mit hochwertigen Labels - in Modeläden oder Concept Stores - stelle ich mir ebenfalls spannend vor.

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