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Die Solardemokratin

Interview mit der niederländischen Designerin Marjan van Aubel

Marjan van Aubel nennt sich „Solardesignerin“. Ihre Mission: Solarenergie alltagstauglich machen. In ihrem Studio in Amsterdam arbeitet sie mit einem 12-köpfigen Team daran, Sonnenenergie nahtlos in Produkte und Architektur einzufügen. In ihren Projekten verbindet sie Nachhaltigkeit, Design und Technologie, um so eine positive Zukunft zu gestalten. Sie kooperierte bereits mit Marken wie Cos, Timberland und Swarovski, um „den weltweiten Übergang zur Solarenergie zu beschleunigen“, wie sie sagt. Und ihre Projekte wurden schon vielfach ausgezeichnet. Wir haben mit Marjan van Aubel über ihre aktuellen Arbeiten gesprochen. Sie hat uns verraten, wie Design das „Solar Movement“ beflügeln kann – und warum Solarenergie demokratisch ist.

von Kathrin Spohr, 22.03.2022

Für Ihre neue Leuchte Sunne haben Sie bereits mehrere Designpreise erhalten. Sie fängt tagsüber Sonnenenergie ein, speichert diese und erzeugt Licht. Wie funktioniert das?
Das moderne Solardesign kombiniert Kunst, Nachhaltigkeit und Technologie, um das Kunstlicht der Zukunft zu schaffen. Sunne ist eine solarbetriebene Leuchte, die die verschiedenen Stadien der Sonne nachbildet, vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Sie ist 85 Zentimeter lang und wird ins Fenster gehängt. Auf der einen Seite befinden sich SunPower-Solarzellen, die tagsüber Energie sammeln, um die Leuchte bei Dunkelheit zu betreiben. Um sie ein- und auszuschalten, berührt man einfach ihre Oberseite oder man verwendet die dazugehörige App. Es gibt drei Lichtstimmungen: Sunne rise simuliert den Sonnenaufgang am frühen Morgen mit violetten und gelben Farbtönen. Sunne light bietet ein warmes Licht, das zum Lesen einlädt. Und Sunne set ist ein feuriges Licht, das hilft, am Ende des Tages zu entspannen.

Ein Objekt also, das ganz ohne Kabel, Ladestation oder Ähnliches funktioniert. Demnach ist Sunne portabel?
Noch nicht. Sunne wird mit zwei Stahldrähten durch eine einfache und sichere Aufhängung am Fenster befestigt. Stromkabel oder Ladestationen sind aber nicht nötig. Wir arbeiten daran, die Leuchte auch portabel zu machen. Wir haben die Produktidee kürzlich erst über Kickstarter gelauncht und finanziert. Gerade produzieren wir die erste Kickstarter-Serie. Und danach steigen wir richtig in die Produktion ein. Alles wird in den Niederlanden gefertigt, wir haben dazu eine eigene Produktionsstätte eingerichtet. Es gibt bereits eine Warteliste von ein paar tausend Leuten, die Sunne kaufen wollen.

Ist das Licht stark genug, um als Büroleuchte verwendet zu werden?
Es ist noch keine starke Industrieleuchte. Im Moment ist die Wirkung eher stimmungsvoll. Aber mit der Einstellung Sunne light kann man das Licht wirklich gut nutzen.

Ist die Technologie für größere Anwendungen skalierbar?
Ja, sicher! Wir arbeiten derzeit an den nächsten Versionen, die auf verschiedene Größen skaliert werden können.

Entwickeln Sie die verwendeten Solarzellen selbst?
Die Sunne-Solarzellen haben wir zusammen mit ECN.TNO, einem der fortschrittlichsten Energieforschungszentren Europas, entwickelt. Zusammen mit der TU Eindhoven haben wir die Zellen unter verschiedenen Lichtverhältnissen umfassend getestet. Gemeinsam haben wir die besten Solarzellen für den Innenbereich mit unserer eigenen Leiterplatte kombiniert, die mit einer integrierten Batterie im Inneren der Leuchte verbunden ist.

Designerin, Wissenschaftlerin oder Erfinderin – wie sehen Sie sich selbst?
Ich bin Designerin. Denn ich entwerfe Dinge, die noch nie zuvor gemacht wurden, aber mit bereits bestehenden Technologien.

Bei dem Projekt Power Plant nutzen Sie transparente Solarzellen…
Es handelt sich dabei um ein Forschungsprojekt. Power Plant ist ein Gewächshaus, das mit transparentem Solarglas das Innenraumklima mit Energie versorgt. Eine Kombination aus Hightech-Farming mit natürlichem Sonnenlicht und Wasserkraft. Die Idee ist, Power Plant künftig beispielsweise auf Dächern zu platzieren. So ließe sich der Transport von Lebensmitteln reduzieren, denn sie werden direkt dort angebaut, wo sie gebraucht werden. Die transparenten Solarzellen sind bereits in Produktion. Sie wurden von der Universität Delft entwickelt.

Sie haben auch das Solarmoduldach für den niederländischen Pavillon auf der Expo in Dubai 2021 entworfen. Verwenden Sie immer die gleichen Paneele?
Alle drei Projekte – Sunne, Power Plant und das Dach in Dubai – verwenden unterschiedliche Solartechnologien. Für das Dach in Dubai nutzten wir organische Fotovoltaik, die sehr leicht ist. Ihre Farben haben andere Eigenschaften als die der übrigen Solarpanels.

In der Regel werden Solarmodule auf einer dunklen Oberfläche angebracht. Das sieht unschön aus. Wahrscheinlich ist das auch der Grund dafür, dass viele Menschen kein positives Verhältnis zu Sonnenkollektoren haben. Ihre Idee ist es, dieses Image zu ändern. Wie?
Die Technologie selbst ist wunderschön. Aber die Art und Weise, wie sie integriert wird, muss überarbeitet werden. Man sollte mehr überlegen, wie und wo man diese Technologie nutzen will und welche Gestaltungsalternativen es dafür gibt. Eine klare Designaufgabe also. Ich betrachte die Funktion von Solarzellen. Wo sind sie nützlich? So entstand beispielsweise die Idee der Solarziegel. Man kann ganze Dächer damit bedecken. Sie erzeugen die gleiche Energie wie normale Solarzellen, sehen aber viel besser aus!

Sie haben am Royal College of Art in London studiert und einen Master in Produktdesign erworben. Was hat Sie dazu gebracht, sich mit Solarenergie zu befassen?
Es war während des Studiums. Ich war fasziniert von der Solarenergie. Das Material ist erstaunlich: Es fängt das Sonnenlicht ein und wandelt es in Elektrizität um, die man für etwas anderes nutzen kann. Ich recherchierte im Bereich Farbe, war auf der Suche nach einer zusätzlichen Funktion von Farbe – einer Funktion, die über die reine Ästhetik hinausgeht. Ich wusste, dass es Solarzellen gab, die mit den Eigenschaften der Farbe arbeiten. Das habe ich dann für meine Abschlussarbeit am RCA genutzt und die Energy Collection gestaltet: verschiedene Objekte aus Glas, zum Beispiel auch Wassergläser. Sie alle integrieren Solarzellen und sind ständig in Betrieb. Egal, ob man aus dem Glas trinkt oder es auf einem Tisch abstellt, es sammelt Energie aus dem Licht, das es umgibt.

So ähnlich wie bei Sunne. Und was passiert dann?
Stellt man die Objekte der Energy Collection in die dazu speziell entworfene Vitrine, so wird die Energie übertragen und in der Struktur gesammelt. Die Vitrine funktioniert also wie eine Batterie, mit der man die Geräte im Haus – Handys, Leuchten – aufladen oder mit Strom versorgen kann.

Sie haben den Begriff „Solar Democracy“ geprägt. Können Sie erklären, was er für Sie bedeutet?
Wir haben diese unglaubliche Energie der Sonne, die überall und für jeden verfügbar ist. Eine Stunde Sonnenlicht liefert genug Energie, um die ganze Welt ein Jahr lang damit zu versorgen! Solarenergie ist also sehr demokratisch. Denn es spielt keine Rolle, ob man eine große oder eine kleine Fläche hat. Sie funktioniert immer auf die gleiche Weise. Man braucht keine große Infrastruktur, um Sonnenkollektoren zu nutzen. „Solar Democracy“ bedeutet also, dass Solarenergie jedem die Möglichkeit gibt, seinen eigenen Strom zu erzeugen. Solarproduktion und -verbrauch können am selben Ort stattfinden. Solarzellen müssen aber noch leichter zugänglich gemacht werden!

Auch in humanitären Krisen – wie gerade in der Ukraine – könnte Sonnenenergie von entscheidender Bedeutung sein. Wann wird die Nutzung von Solarenergie Ihrer Meinung nach zum Alltag gehören?
Das ist eine gute Frage! Es hängt von uns ab, denn die Technologie ist ja vorhanden. Architekt*innen etwa sollten die Technologien beim Bau eines Hauses einfach mehr einsetzen.

Woran arbeiten Sie gerade?
Wir sind dabei, ein „Solar Movement“ zu initiieren. Ich bin Koordinatorin der ersten „Solar Biennale“, die im September 2022 in Rotterdam stattfinden wird. Es ist das erste Mal, das wir all diese neuen Solarfeatures präsentieren. Wir laden verschiedene Künstler*innen und Architekt*innen ein, mit den Technologien zu arbeiten, um ihr volles Potenzial zu zeigen.

Ihre Arbeiten werden überall veröffentlicht, Sie haben viele Preise gewonnen und Ihre Produkte befinden sich in den Sammlungen renommierter Museen weltweit. Wie beeinflusst diese öffentliche Aufmerksamkeit Ihre Arbeit?
Ich bin mir nicht sicher. Ich möchte Veränderungen durch Design bewirken. Die Menschen werden sich durch meine Arbeit dieser neuen Möglichkeiten der Solarenergienutzung bewusster. Das ist ein sehr hoffnungsvoller und positiver Aspekt.

Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?
Objekte und Gebäude sollten in Zukunft als unbrauchbar gelten, wenn sie nicht auch ihre eigene Energie erzeugen.

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Marjan van Aubel

marjanvanaubel.com

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