Edward Barber und Jay Osgerby
Edward Barber und Jay Osgerby im Interview über ihren Pacific Chair für Vitra.
Partner: Vitra
Pacific Chair klingt exotisch: Was hat der Name zu bedeuten?
Jay Osgerby: „Pacific“ bedeutet friedlich und ruhig: Und genau das war unsere Idee für den Stuhl. Wir wollten einen Sitz entwickeln, der alle funktionalen Aspekte erfüllt, aber ergänzt wird durch ein elegantes, ruhiges Äußeres.
Edward Barber: Es gibt ihn in über 20 Varianten: Vom normalen Bürostuhl mit unterschiedlich hohen Rückenlehnen bis hin zum Konferenzstuhl mit Chromgestell. Aber alle Stühle eint ihre Eleganz und die Ruhe, die sie ausstrahlen.
Für mich besitzt der Stuhl etwas extrem freundliches!
Edward Barber: Das stimmt. Und unterbewusst war das vielleicht auch unsere Intention. Einen Stuhl hat man schließlich den ganzen Tag um sich herum, anders als einen Kleiderständer. Und sogar in der komplett schwarzen Ausführung hat der Pacific Chair eine freundliche Ausstrahlung: Er wirkt wenig technisch und es gibt keine aufgeregten Muster oder Oberflächen.
Was sind die funktionalen und optischen Besonderheiten?
Edward Barber: Der Stuhl verfügt über die neuesten Technologien, alles ist bewegbar und flexibel. Aber man sieht es nicht! Wir haben die Elemente, die für die Steuerung der Funktionalität zuständig sind, in einer Konsole untergebracht, die unter dem Sitz versteckt liegt.
Jay Osgerby: Der Motor dieses Stuhlprojekts war der neue Synchronisationsmechanismus: Er passt den Sitz ohne Zutun an das Gewicht des darauf Sitzenden an. Egal ob die Person 60 oder 200 Kilogramm wiegt, der Komfort und das Sitzgefühl sind identisch.
Was unterscheidet den Stuhl von seinen Vorgängern?
Edward Barber: Ein auffälliges Merkmal vieler Vitra-Stühle ist die Armlehne, die an der Sitzfläche befestigt ist: Beim Zurücklehnen bewegt sie sich nicht mit und bleibt mehr oder weniger immer in der gleichen Position. Das ist in Ordnung, solange man an einem Schreibtisch arbeitet. Aber immer mehr Menschen arbeiten an ihren Tablets oder Telefonen, sie brauchen also keinen Tisch mehr. Vielmehr ist der Stuhl ihr Arbeitsort. Und für diese Leute spielen die Armstützen eine wesentliche Rolle: Daher sind sie beim Pacific Chair an der Rückenlehne befestigt und bewegen sich mit dem Benutzer mit.
Wann habt ihr mit der Entwicklung des Stuhls begonnen?
Edward Barber: Rolf Fehlbaum hat uns unmittelbar nach der Veröffentlichung des Tip Tons gefragt, ob wir uns mit der nächsten Generation von Vitra-Bürostühlen auseinandersetzen wollen. Natürlich wollten wir das, obwohl es ein stark reglementiertes Produktfeld ist, in dem keine großen Revolutionen möglich sind. Uns ging es bei dem Design darum, eine Linie zu finden, die sich von den bisherigen Vitra-Stühlen unterscheidet, etwas funktional Neues bietet und gleichzeitig so reduziert wie möglich im Erscheinungsbild ist.
Die Geschichte der Vitra-Bürostühle ist ja nicht unbedeutend: Wie seid ihr damit umgegangen?
Jay Osgerby: In einem globalen Markt wie dem für Bürostühle benötigt eine internationale Marke wie Vitra auch eine gewisse Kontinuität. Und Vitra steht nun einmal für eine bestimmte Qualität und geht jedes neue Projekt auch sehr sensibel an: Hier entstehen keine Plastikmaschinen. Im Pacific Chair stecken viele Elemente eines Lounge Chairs: der hohe Metallanteil, die Stofflichkeit und die Ruhe, die er ausstrahlt. Die Entwicklung eines solchen Stuhles spricht für Vitra. Aber uns wurde an keiner Stelle etwas vorgeschrieben. Eher im Gegenteil, der Entwicklungsprozess fühlte sich sehr natürlich an. Und wir haben sehr von den Erfahrungswerten der Vitra-Mitarbeiter profitiert. Und der nächste Bürostuhl, den wir entwerfen werden, wird uns sicherlich um einiges leichter fallen. (lacht)
Sieht der Stuhl denn aus wie auf euren ersten Skizzen?
Edward Barber/ Jay Osgerby: Nein! (beide lachen laut)
Edward Barber: Die ersten Skizzen würden wir dir nie zeigen!
Was soll denn der Pacific Chair der Bürowelt bieten?
Jay Osgerby: Außergewöhnlichen Komfort! Er soll helfen, den Kontext, in dem er steht, zu beruhigen und Gelassenheit zu vermitteln. Oft steht die Einrichtung von Büros im Kontrast zur Architektur, die sie umgibt. Durch seinen hohen Polsteranteil wirkt sich der Pacific Chair außerdem auf die Akustik seiner Umgebung aus: Auch so sorgt er für mehr Ruhe am Arbeitsplatz (lacht).
Edward Barber: Architekten wollen in den meisten Fällen Stühle, die einer minimalistischen Ästhetik folgen, wie den Aluminium Chair von Vitra oder den Oxford Chair von Fritz Hansen. Doch diese Sitze lassen sich nur schwierig heutigen Maßstäben anpassen, da sie in einer anderen Zeit entworfen wurden. Aus dem einfachen Grund, weil sie funktional nicht mehr auf dem neuesten Stand sind. In diese Lücke wollen wir mit dem Pacific Chair hineinstoßen. Er soll diese Einfachheit und Eleganz bieten, die moderne Bürostühle verloren zu haben scheinen. Und die Resonanz, die Vitra bisher von Architekten auf Sitzmöbel bekommen hat, erfüllt diese Erwartung.
Ja, der Stuhl besitzt tatsächlich nicht die Ausstrahlung eines Bürostuhls.
Jay Osgerby: Das ist das größte Kompliment, das du uns machen kannst.
Edward Barber: Daran haben wir lange getüftelt. Eines meiner Lieblingsdetails ist die Rückansicht des Stuhls. Wir haben die Rücklehne verlängert, sodass von der Mechanik nichts mehr zu sehen ist. Das erzeugt aus unserer Sicht eine wunderbare Ruhe: Und darum ging es uns bei dem Sitz. Bürostühle stehen meist zu Hunderten in Räumen, darum müssen sie sich aus unserer Sicht zurücknehmen.
Was haltet ihr von der heutigen Büroarchitektur?
Jay Osgerby: Ich glaube, dass der Open Space stark an ökonomische Vorgaben gekoppelt ist, denn er bietet mehr Platz zum Arbeiten auf immer teurer werdenden Flächen. Dazu kommt, dass die Atmosphäre in großen, offenen Büros nicht die ideale Arbeitswelt darstellt. Daher glaube ich, dass es sich wieder mehr und mehr zu der Zellenstruktur zurückentwickeln wird.
Ihr achtet stets auf die Farbpalette eurer Produkte: Wie sieht diese beim Pacific Chair aus?
Edward Barber: Wenn man ein neues Produkt auf den Markt bringt, ist die Frage nach der richtigen Farbgebung von großer Bedeutung: Es geht um eine Botschaft, die man hinaussendet. Und der Pacific Chair sieht in einem leuchtenden Pink oder Gelb wirklich gut aus (lacht). Aber es wird auch weniger auffällige Farben geben.
Jay Osgerby: Wir haben darauf geachtet, dass die einzelnen Elemente des Stuhls ausreichend Luft um sich herum haben und nicht zusammengepresst wirken. Das ergibt auch eine Fülle interessanter Perspektiven – und lässt den Pacific sehr leicht wirken.
Was sind die anderen Barber-Osgerby-Momente beim Pacific Chair?
Jay Osgerby: Zum einen der räumliche Aspekt, zum anderen was der Stuhl mit seiner Umgebung macht.
Edward Barber: Und das Haptische an dem Stuhl: Wir haben viel Zeit in die Entwicklung der Details gesteckt. Nicht nur wie sie aussehen, sondern auch wie sie sich anfassen. Jedes der Steuerungselemente unterhalb der Sitzoberfläche hat daher eine andere Form – so kann man sie besser auseinanderhalten.
Welches wäre das perfekte Bürogebäude für den Stuhl?
Jay Osgerby: Der Stuhl wurde einigen der bedeutenden Architekturbüros präsentiert, und am meisten Anklang fand er tatsächlich bei den Architekten, die auch eine etwas zurückhaltende Ästhetik bei ihren Projekten pflegen, wie David Chipperfield und Norman Foster. Aufgrund der Vorbestellungen wissen wir jetzt schon, dass der Stuhl in einigen außergewöhnlichen Häusern stehen wird!
In zwanzig Jahren: Was soll in diesem Zeitraum mit dem Stuhl passiert sein?
Jay Osgerby: Hoffentlich nicht viel! (lacht) Auf jeden Fall wird der Sitz in diesem Zeitraum nicht auseinander fallen, dafür ist die Materialität zu gut! Und sein Design ist auch zurückhaltend genug, um kommende Moden zu überdauern. Für mich gibt es keinen Grund, warum der Pacific Chair nicht 50 Jahre überdauern könnte.
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