Arabische Auster
Außen schroff und steinig, innen überraschend lichtdurchflutete Höfe, Gärten und Terrassen: Ein Wohnhaus in Kuwait Stadt.
Transparenz? Völlig überbewertet. Wie sich ein Wohnhaus von seiner Umgebung abkapselt, zeigt das Wall House in Kuwait Stadt. Von außen schroff und steinig, überraschen die Innenräume mit lichtdurchfluteten Höfen, Gärten und Terrassen – die Intimität statt Offenheit proklamieren.
Eines steht fest: Exhibitionisten wohnen an dieser Adresse nicht. In der vornehmen Wohngegend Khaldiya in den Außenbezirken von Kuwait Stadt reihen sich Villen im westlichen Baustil und gesichtslose Apartmentgebäude direkt aneinander. Bis jetzt: Denn genau dort ist nun eine Wiederbelebung des traditionellen arabischen Hofhauses zu bestaunen – geplant vom ansässigen Büro AGi architects und dessen Gründer Nasser Abulhasan.
Schroffe Schale
Von außen wirkt das Wall House wie eine Festung. Eine hohe Mauer umschließt den Sockelbereich des Hauses, umringt allein von einem schmalen Grünstreifen, der einen allzu martialischen Auftritt verhindern soll. Der zweigeschossige Bau rückt nah an die Mauer heran, lässt aber genügend Abstand, um begehbare Außenbereiche zu definieren. Das Wohnhaus selbst wirkt abweisend und schroff. Sämtliche Fassaden sind mit Platten aus Naturstein verkleidet. Nur vereinzelt geben zurückgesetzte Fensteröffnungen einen Hinweis darauf, dass im Inneren wohl eher eine zivile Nutzung zu vermuten ist.
Drinnen sind Licht und Ventilation die Mittel, mit denen die Architekten die hermetische Wirkung der Außenschale umkehren. Vier Patios durchbohren den zweigeschossigen Wohnraum und holen viel Tageslicht ins Innere des Gebäudes. Um die Höfe herum ist das Familienleben organisiert. Die Zimmer der drei Töchter sind im Obergeschoss durch einen Patio verbunden, der direkt an ein gemeinsames Wohnzimmer anschließt. Dieses wiederum setzt sich als großzügige Terrasse in den Außenraum fort. Auch sie ist durch Mauern vor den neugierigen Blicken geschützt: als intimer Rückzugsort, an dem die Familie zusammen essen, entspannen, diskutieren oder einfach nur den Himmel beobachten kann.
Wohnliche Pufferzone
Der Patio neben der Terrasse ist von einer gläsernen Brüstung eingefasst und erlaubt einen Blick hinab ins Erdgeschoss auf den Garten, der allein der Mutter vorbehalten ist. Direkt neben dem Garten liegt das Wohnzimmer der Familie, das durch Schiebewände vom Eingangsbereich des Hauses abgetrennt werden kann. Wie in traditionellen arabischen Häusern üblich, wird auch hier eine klare Trennung zwischen öffentlichen und privaten Gemächern vollzogen. Die Architekten haben daher ein zweites Wohnzimmer linker Hand des Eingangs eingerichtet, wo die Besucher des Hauses empfangen werden.
Die schwere, steinerne Außenmauer wird an dieser Stelle zugunsten von lamellenartigen Metallpaneelen aufgegeben. Durch deren horizontale Schlitze dringt Sonnenlicht und verleiht ihnen somit eine leichte, fast immaterielle Erscheinung. Ein mit Palmen, Farnen und kleinen Bäumen bewachsenes Beet sorgt für atmosphärisches Dschungel-Feeling in diesem Wohnbereich. Die Pflanzen korrespondieren mit der Vegetation vor den Außenmauern, die durch die Metallpaneele hindurch zu erkennen ist und die Wechselwirkung von Innen- und Außenraum verstärkt.
Springende Ebenen
Das Prinzip der schützenden Schale wird auch auf die Möblierung übertragen. Im großen Wohnzimmer reihen sich schräg gestellte Edelholz-Paneele als deckenhohes Faltenrelief aneinander. Dahinter verschwinden nicht nur sämtliche Ablagen, Bücherregale und technischen Geräte. Auch die Türen zu den umliegenden Räumen sind optisch unkenntlich gemacht, sodass allein das Spiel aus vor- und zurückspringenden Ebenen die Blicke auf sich zieht. Es sind Lösungen wie diese, die dem Haus Charakter verleihen. Die verschlossenen Wände bilden ein wiederkehrendes Motiv, das auf raffinierte Weise variiert und neu durchdacht wird. Das Ergebnis ist eine zeitgeistige Festung, die den Fokus auf die Qualitäten der Innenräume lenkt – und das großspurige Imponiergehabe den Nachbarn überlässt.
FOTOGRAFIE Nelson Garrido
Nelson Garrido
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