Architektur auf der Höhe
Wohnhaus-Duo von Worrell Yeung im hügeligen New York
Abseits der bekannten Sommerziele New Yorks hat das Architekturbüro Worrell Yeung inmitten der Hügel des Columbia County ein architektonisch präzise komponiertes Refugium geschaffen. Zwei Häuser fügen sich harmonisch in die Landschaft ein und inszenieren eindrucksvoll den Blick auf die umliegenden Gebirgsketten.
Zum Thema Sommerrefugien für New Yorker*innen fallen Nicht-New Yorker*innen vor allem zwei Orte ein: die Hamptons und die Catskills. Erstere gelten als das Saint-Tropez der USA, letztere als rustikales Wanderziel mit Boho-Charme. Weniger bekannt ist das 160 Kilometer nördlich von Manhattan gelegene Columbia County, das mit seiner sanften Hügellandschaft Naturliebhaber*innen, Wander*innen und Ruhesuchende anzieht.
Im südlichen Teil der Region hat das in Brooklyn ansässige Architekturstudio Worrell Yeung ein Zuhause und Rückzugsrefugium für eine vierköpfige Familie geschaffen. Auf einem Höhenrücken platziert stehen zwei Häuser: eines zum Wohnen und eines für Gäste und Freizeitaktivitäten. Beide stellen die Aussicht auf die westlichen Catskill Mountains und die östlich gelegene Taconic Range in den Mittelpunkt und inszenieren den Bergblick mit unterschiedlichen Strategien: Das Wohngebäude namens Ridge House nutzt lange Fensterfronten, um die Grenze zwischen Innenraum und umgebender Natur verschwimmen zu lassen. Die sogenannte Scheune – Ridge Barn – steuert die Ausblicke über einen quergestellten Durchgangsraum.
Naturnahes Wohnen
Der Weg zum Wohnhaus-Ensemble ist mit etwas Mühe verbunden. Eine lange, kurvenreiche Straße führt hinauf auf das insgesamt 88 Hektar große Grundstück. Auf dem höchstgelegenen Areal steht der lange Riegel des Ridge House. Seine Silhouette referenziert eine archetypische Satteldachstruktur, die auf eine Länge von 39 Metern extrudiert wurde. Eine klassische Eingangstür hat das Architekturbüro nicht vorgesehen, stattdessen gibt es in der Mitte des Gebäudes einen kleinen, halb offenen Durchgangsraum. Im Inneren des Hauses können die Wände dynamisch zur Natur geöffnet werden. Im weitläufigen Wohnzimmer lassen sich die bodentiefen Glasfronten aufschieben. Von den Badezimmern und Schlafräumen gehen schmale und hohe Holztüren ab, die die Bewohner*innen mit einem Schritt mitten in die Landschaft bringen und die sich auch zum Lüften öffnen lassen.
Sakrale Geometrie
Der lange Riegel teilt sich mit dem offenen Wohn- und Küchenbereich auf der einen Seite und den vier privaten Schlafzimmern auf der anderen Seite in zwei gleich große Zonen auf. Besonders im loftartigen Gemeinschaftsraum sorgt der sechs Meter hohe Dachfirst für ein sakral anmutendes Raumgefühl. Die frei stehende Kücheninsel erinnert dabei an einen Altar. Diese Wirkung wird durch die Materialwahl verstärkt und durch die asketische Möblierung unterstützt. „Als ich dieses Grundstück mit seiner bemerkenswerten Aussicht auf nicht nur eine, sondern zwei Gebirgsketten sah, wusste ich, dass ich etwas Besonderes gefunden hatte“, erinnert sich der Bauherr. „In der Zusammenarbeit mit Worrell Yeung bestand meine Hauptaufgabe darin, ihnen den Raum zu geben, damit sie das tun können, was sie am besten können: eine sensible, ausdrucksstarke Erfahrung von unbestreitbarer Schönheit zu schaffen.“
Ins Gelände geschrieben
Vom Haupthaus führt ein natürlich in die Umgebung integrierter Weg zur Scheune und dem davor liegenden Pool. Bei der Gestaltung dieses Pfads ließ sich der Landschaftsarchitekt Jeffrey Longhenry vom Land-Art-Pionier Andy Goldsworthy inspirieren. Große Steinplatten bilden sowohl Stufen als auch kleine Terrassen. Sie sind in die Landschaft eingelassen, ebenso wie das Gebäude selbst, das formal der Typologie einer sogenannten „Bank Barn“ entlehnt ist. Dabei handelt es sich um eine zweistöckige Scheune, die so in einen Hang gebaut ist, dass beide Etagen ebenerdig zugänglich sind. Traditionell lagert oben Heu oder Getreide, darunter liegt der Stall für die Tiere. Bei der Ridge Barn hingegen sind ins Souterrain mit einer Garage, einer Fahrradwerkstatt und einem Weinkeller zeitgenössische Nutzungskonzepte eingezogen. Das Fitnessstudio und ein Gästeraum liegen in der ersten Etage.
Kontrast mit Konzept
Im Gegensatz zu der grauen Wellblechfassade des Haupthauses, das damit gut getarnt zwischen den Bäumen steht, ist die rostrote Scheune auf der freien Fläche weithin sichtbar. Sie wurde vom Sockel bis zum Dach homogen mit Cortenstahl verkleidet. Lediglich der quer liegende Tunnel des „Breezeway” besteht aus Holz. Er führt zu den Zugängen der beiden Haushälften und mündet in einer Loggia mit Blick auf den Pool. Alle Funktionselemente, die den Raum für Gäste zu einem voll ausgestatteten Apartment machen, sind in einem integrierten Einbaublock untergebracht. Am Eingang empfängt eine Garderobe die Bewohner*innen, zentral platziert ist ein Badezimmer mit vorgesetztem Arbeitsplatz und daneben schließt sich ein offener Küchenraum an. Über eine Leiter geht es unter das Dach in einen Schlaf-Alkoven. Jejon Yeung, Mitbegründer von Worrell Yeung, resümiert: „Unser Ziel mit der Ridge Barn war es, für die Eigentümer etwas Besonderes zu schaffen, das sich vom Haupthaus abhebt, dabei aber in einem gestalterischen Dialog mit dessen Geometrien und Materialien bleibt.“
FOTOGRAFIE Rafael Gamo Rafael Gamo
Mehr Projekte
Luftige Hülle
Nachhaltiger Neubau von Peter Besley in Brisbane
Eine eigene Welt
Großzügiger Umbau eines schmalen, viktorianischen Reihenhauses in Sydney von Studio Carson Kelly
Ungleiche Zwillinge
Neubau mit Nähe zur Nachbarschaft von Wadhal in London
Glamping in Japan
Naturnahes Tiny House aus heimischem Holz von Pan-Projects
Radikale Wunderkammer
Ein Rundgang durch das Apartment MOM von J. Mayer H. in Berlin
Geheilter Bestand
Umbau und Erweiterung eines Fuhrwerkerhauses in Düsseldorf von Nidus
Im Rhythmus des Alltags
Unkonventioneller Umbau in Barcelona von Skye Maunsell und Jordi Veciana
Neubau mit Seele
Wohnhaus der Innenarchitektin Julie Thiers in Flandern
Spuren im Bestand
Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński
Mehr Raum als Quadratmeter
Wohnungsumbau Casa JAM von gon architects in Madrid
Salbeigrün in Florenz
Sanierung einer historischen Villa in Florenz von bucci quentin
Hierarchie in Blockfarben
Apartment für zwei in Mailand von Marabelli Marongiu Architetti
Das Erbe des Freibeuters
Restaurierung eines Stadthauses in Katalonien von Raúl Sánchez
Klangfarben des Wohnens
Apartment in Minsk für einen Musikliebhaber von Mihail Kurnosov
Alles in Butter
Constanze Ladner kleidet eine Wohnung bei Wiesbaden in sanftes Gelb
Wohnen im Werden
Tifliser Hausmodernisierung von David und Alexander Brodsky
Sensibel, aber kompromisslos
Ferienhaus von STEINBAUER architektur+design in Waidmannsbach
Hinter die Fassade geschaut
Umbau in Ostflandern: Objekt Architecten im Dialog zwischen Tradition und Moderne
Fort im Forst
Ringbau von Fernanda Canales im mexikanischen Valle de Bravo
Räume ohne Raster
Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag
Wohnen in der Beletage
Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten
Grauzone mit Aussicht
Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh
Generationswechsel im Siedlungshaus
atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um
Transluzenter Blockbau
Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam
Skulpturaler Unterschlupf
Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen
Helix aus Stahl
Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua
Glutroter Kokon
Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London
Beton und Behaglichkeit
BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment
Urbaner Lückenfüller
Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh
Fifty Shades of Marble
Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier