Olympisches Raumspiel
Reihenhaus-Renovierung im Olympischen Dorf München von birdwatching architects
Ein denkmalgeschütztes Reihenhaus im Münchener Olympiadorf hat durch birdwatching architects eine radikale, aber feinfühlige Transformation erfahren. Luftige Räume, farbiger Lehmputz und rhythmisch verlegtes Parkett lassen den Geist der Siebzigerjahre neu aufleben – und interpretieren ihn zeitgemäß.
Bevor die Architekt*innen mit dem Umbau begannen, war das Gebäude lange Zeit nicht renoviert worden und teilweise noch im Originalzustand – bis hin zu „skurrilen Laminatböden in Marmor-Optik und einer Relief-Styropordecke im Gartengeschoss“, erinnert sich Markus Stolz vom Büro birdwatching architects. Mit nur 3,70 Metern Breite wirkten die Räume des kleinen Reihenhauses im Münchener Olympiadorf lang gezogen und beengt. Im Erdgeschoss entschied sich Stolz deshalb für einen radikalen Eingriff: Alle Trennwände wurden entfernt, um Offenheit und Großzügigkeit herzustellen.
Dennoch sollte man nicht direkt von der Straße in den Wohnraum treten. Um eine frei stehende Box zu vermeiden, wurden Schrank und Windfang zu einem dreieckig geformten Einbau zusammengeführt. „Jetzt betritt man das Haus durch den Schrank“, erklärt Stolz. Mit seiner polygonalen Form verbindet der Einbau Eingangszone, Küche und Wohnzimmer – und spielt mit der Wahrnehmung von Raum und Tiefe.
Auch die Küche entstand als präzise Antwort auf die Enge des Hauses. Statt eine Insel einzufügen, die den Raum blockiert hätte, ist sie als Ecklösung geplant und mit einer schrägkantigen Arbeitsfläche versehen, die dem Eigentümer genügend Platz zum Kochen bietet. Der grüne Verde-Guatemala-Marmor an der Wand, eine Referenz an die Bauzeit, verstärkt die markante Form und ist ein gelungener Kontrast zum Rosa der Küchenschränke.
Spiel mit der Wahrnehmung
Die Gestaltung des Hauses zielt darauf ab, Raumgrenzen aufzulösen. „Ein wesentliches Motiv war das Spiel mit der Perspektive, dem Trompe-l’œil“, so Stolz. Farbflächen, rhythmische Bodenmuster und präzise gesetzte Materialien erzeugen optische Verschiebungen.
So läuft das Eichenparkett – unabhängig von Wänden – asymmetrisch über die gesamte Etage und verbindet die Räume. Grafische Verlegemuster lassen Lichtreflexe spielen. Farbiger Lehmputz, in Grau an den Decken oder in Ocker im Treppenhaus, nimmt den Räumen die Länge und gibt ihnen visuelle Höhe. Rosa, Blau und tiefes Grün zonieren die Zimmer im Obergeschoss und erinnern an die farbexperimentellen Konzepte der Nachkriegsmoderne.
Material mit Haltung
Die Materialwahl folgt einem klaren Anspruch: Lehmputz von ClayTec bestimmt Wände und Decken, Parkett in Eiche setzt den Boden in Szene. Die Küche und der Schrank bestehen aus gebeizter Fichte, ergänzt durch Griffe aus Esche. „Es war eine bewusste Entscheidung, Lehmputz einzusetzen. Er gibt den Wänden eine Tiefe, die man mit Baumarktfarben nie erreichen würde“, betont Stolz.
Auch technisch wurde das Haus auf die Zukunft vorbereitet. Da ohnehin neue Leitungen notwendig waren, passten die Architekt*innen das Heizsystem an. Über eine Wandheizung in der Außenwand konnte die Vorlauftemperatur gesenkt werden – eine Lösung, die energetisch effizient und zugleich gestalterisch elegant ist, da weder Heizkörper noch sichtbare Installationen im Innenraum notwendig sind.
Hommage und Transformation
Die Sanierung bewahrt den Charakter des Hauses und interpretiert ihn zugleich neu. Originaltüren blieben erhalten, wurden aber in hellem Grau überstrichen und mit farbigen Griffen von HEWI ergänzt – ein augenzwinkerndes Zitat der Siebzigerjahre.
„Das räumliche Erlebnis wird durch die Gestaltung der Oberflächen bereichert“, so das Fazit der Architekt*innen. Und tatsächlich lebt das Projekt von dieser Balance aus einem respektvollen Umgang mit dem Bestand und Transformation: Räume, die einst eng und dunkel waren, öffnen sich heute zu farbenfrohen Wohnbereichen.
Ein Quartier als Experiment
Das Projekt ist untrennbar mit seiner Umgebung verbunden. Das Olympiadorf selbst war ein architektonisches Wagnis – gebaut für die Spiele 1972 unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Das Büro Heinlewischer entwarf damals ein modernes Wohnviertel, das als Teil des Ensembles Olympiapark seit 1998 unter Denkmalschutz steht.
Was in den frühen Jahren von vielen Münchener*innen als künstlich empfunden wurde, entwickelte sich rasch zu einem begehrten Quartier. Heute gilt das Olympiadorf als Musterbeispiel für modernes Wohnen – und die Sanierung von birdwatching architects zeigt, wie sich diese Bauten mit feinem Gespür in die Gegenwart überführen lassen.
FOTOGRAFIE Simon Burko Simon Burko
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