Leben im Schweinestall
Historisches Stallgebäude wird modernes Familienheim
Um das Ortsbild im spanischen Sasamón zu wahren, wurde beim Umbau eines alten Schweinestalls in ein Wohnhaus vor allem der Innenraum verändert. Nach dem Haus-im Haus-Prinzip ist ein zeitgenössischer Kern entstanden, während die historische Hülle weitestgehend unverändert blieb.
Beim Umbau von Bestandsgebäuden stellt sich stets die Frage: Wie lässt sich die alte Bausubstanz gestalterisch weiterdenken? Den ursprünglichen Charakter so weit wie möglich bewahren und nur überformen, wo es unvermeidbar erscheint? Oder durch mutige Veränderungen den zeitgenössischen Eingriff erkennbar machen? Mit der Modernisierung eines ehemaligen Schweinestalls in Sasamón in der nordspanischen Provinz Burgos zeigen MADE.V arquitectos, wie sich beide Ansätze kombinieren lassen.
Das Alte bewahren
Das historische Zentrum des Orts ist geprägt von zwei- bis dreigeschossigen Kalksteinbauten und geneigten Dächern mit ähnlicher beigebrauner Farbgebung. Als MADE.V arquitectos beauftragt wurden, das alte Stallgebäude im Ortskern in ein modernes Zuhause für eine Familie zu verwandeln, war eine wichtige Anforderung, die ländliche Identität des Gebäudes und seine Bedeutung für das homogene Straßenbild zu beachten. Die Kubatur und Fassade wurden daher kaum verändert. Das Dach wurde erneuert, wobei das traditionelle Balken- und Sparrenkonstrukt als Vorbild für die Sanierung in Brettschichtholz diente. Die bestehenden Lehm- und Kalksteinwände wurden innenseitig gedämmt und mit einem traditionellen Kalk-Sand-Putz neu verputzt, der die Farbigkeit der umgebenden Bauten und des Kalksteinsockels aufgreift. Schmale Fensterumrandungen aus Cortenstahl treten leicht aus der Fassadenfront hervor und geben einen Hinweis auf den zeitgenössischen Eingriff im Innenraum.
Platz für Neues schaffen
Während sich die Fassadenerneuerung zurückhaltend in das vorhandene Ortsbild einfügt, galt es im Inneren, grundlegende Veränderungen vorzunehmen, um vielseitig nutzbare, anpassungsfähige Räume für eine Familie zu schaffen. Mit nur 88 Quadratmetern Nutzfläche war die Organisation des Grundrisses gut zu überdenken und effizient zu gestalten. Das kleine Gebäude ist in zwei Hälften gegliedert: Die eine Seite umfasst einen offenen Wohn- und Essbereich mit doppelter Raumhöhe, während die andere Seite alle privaten Räume auf zwei Ebenen vorhält. Dort befinden sich die Schlafzimmer, zwei Bäder und die Küchenzeile. Im Erdgeschoss kann der private Trakt mittels raumhoher Schiebe- und Flügeltüren vollständig verborgen werden. In dem offenen Raumkonzept konnte der Anteil reiner Verkehrsfläche wesentlich minimiert werden. Es gibt nahezu keine Flure.
Dialog zwischen Alt und Neu
Der Bestandsbau wurde komplett entkernt und mit einem neuen Einbau aus Brettschichtholz versehen, der alle privaten Räume beinhaltet und dessen helle Maserung für ein wohnlich-warmes Ambiente sorgt. Auch die raumhohen Türen wurden aus Brettschichtholz gefertigt, sodass sich im geschlossenen Zustand der Anblick einer gleichmäßigen Oberfläche bietet. Für die Innenseiten der Gebäudehülle wurde dagegen der gleiche strukturierte Kalk-Sand-Putz der Fassaden verwendet. Die unterschiedliche Materialität von Hülle und Kern betont den konzeptionellen Gestaltungsansatz und lässt Alt und Neu in einen spürbaren Dialog treten. Der offene Wohnraum, in dem beide Materialien erfahrbar sind, wird dabei zu einem Übergangsbereich zwischen öffentlichen und privaten Zonen.
Neutrale Nebenspieler
Die weitere Materialpalette ist begrenzt, sodass der Effekt zwischen Hülle und Einbau nicht beeinträchtigt wird. Ein dunkler Estrichboden mit transparenter, polierter Harzschicht verbirgt die neue Fußbodenheizung und dient als durchgängige, optisch beruhigende Bodenfläche im gesamten Erdgeschoss. Eine schwarze Stahltreppe verbindet beide Geschosse, während Möbel und Leuchten in Weiß gehalten sind.
Die Gegenüberstellung von Alt und Neu sowie die radikale Beschränkung auf eine materialeigene Oberflächenoptik ohne Anstriche, Lasuren und Verkleidungen waren für den Umbau entscheidend. Das Ergebnis ist ein geradezu asketischer Innenraum, der den alten Schweinestall neu interpretiert und zeitgemäß wiederbelebt.
FOTOGRAFIE Javier Bravo Javier Bravo
Mehr Projekte
Räume ohne Raster
Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag
Wohnen in der Beletage
Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten
Grauzone mit Aussicht
Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh
Generationswechsel im Siedlungshaus
atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um
Transluzenter Blockbau
Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam
Skulpturaler Unterschlupf
Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen
Helix aus Stahl
Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua
Glutroter Kokon
Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London
Beton und Behaglichkeit
BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment
Urbaner Lückenfüller
Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh
Fifty Shades of Marble
Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier
Haus der Gegensätze
Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald
Holz in Bewegung
Wohnhaus im Tessin mit außergewöhnlichem Parkett
Brücke zum Meer
Wochenendhaus von Omer Arbel in Kanada
Ziegel im Zentrum
Umbau eines Siedlerhauses in der Uckermark von Klöpfel Zeimer Architekten
Zwischen Erhalt und Erneuerung
Umbau eines Fischerhauses von Bea Portabella und Jordi Pagès in Cadaqueés
Licht im Laub
Wohnhaus mit Anbau von ConForm in London
Renaissance auf Mallorca
Umbau eines historischen Stadtpalais von Nøra Studio
Zeitlos in Valencia
Balzar Arquitectos gestalten eine Altbauwohnung mit Wabi-Sabi-Ästhetik
Präziser Eingriff im Bestand
Umbau eines Einfamilienhauses im St. Galler Rheintal von Studio Micha Gamper
Neue Freiheit
Umbau eines Madrider Wohnhauses von Extrarradio
Wohnen zwischen den Klimazonen
Apartments für Studierende von EMI Architekt*innen in Regensdorf
Blaues Herz
Umbau eines Weinguts in Portugal von Arquitectura-G
Der Sonne entgegen
Nachhaltiges Einfamilienhaus in Holzrahmenbauweise an der Costa Brava von Clara Crous Arquitectura
Glashaus mit vielen Gesichtern
Kresta Garden House von Lucas y Hernández-Gil bei Madrid
Gekonnt gegliedert
Wohnungsumbau von DG Estudio in Valencia
Platte mit Weitblick
Umbau im Berliner Hochhaus von Christopher Sitzler
Bewegung im Rohbau
Achtsamkeitsstudio ANTI im Brandlhuber-Haus in Berlin
Athener Essenz
Sensible Stadthaus-Modernisierung von Local Local
Domestic Dancefloor
Clubkultur in einem Berliner Apartment von Studio Karhard