Architektur aus Fundstücken
Ein Gartenpavillon für den Palazzo Farnese in Rom von Materra-Matang
Das junge französische Architekturbüro Materra-Matang hat die Aufgabe gemeistert, einen Pavillon im Garten des Palazzo Farnese zu errichten. Dem kleinen Gebäude gelingt das Kunststück, den Schlüsselbau der Renaissance zu ergänzen, ohne mit ihm in Konkurrenz treten zu müssen.
Auf der Liste anspruchsvoller Bauplätze dürfte dieser ziemlich weit oben stehen: der Garten des Palazzo Farnese im historischen Herzen Roms. Der Palast, den Papst Paul III. Farnese als Familienresidenz erst durch Antonio da Sangallo den Jüngeren, dann durch Michelangelo erbauen ließ, dient seit dem späten 19. Jahrhundert als französische Botschaft. Er ist eine der Inkunabeln der Hochrenaissance und gleichzeitig ein Zeugnis der künstlerischen Freigeistigkeit des Michelangelo, der dem Bau sein gewaltiges Gesims aufsetzte.
Der heutige Garten war bis in das 19. Jahrhundert ein von Nebengebäuden umstandener Hof des Palasts. Dort wollte nun das französische Außenministerium einen kleinen Pavillon errichten lassen, der als Konferenz- und Arbeitsraum dienen sollte. Den Auftrag für Planung und Bau erhielt das junge Pariser Büro Materra-Matang. „Wir waren 2023 Preisträger bei den Albums des jeunes architectes et des paysagistes, einer Auszeichnung, die vom französischen Kulturministerium verliehen wird“, erzählt Ophélie Dozat, die Materra-Matang 2022 gemeinsam mit Lucien Dumas gegründet hat. „So wurde die Botschaft auf uns aufmerksam.“ Als das Büro den Auftrag erhielt, war Dozat gerade Stipendiatin an der berühmten Académie de France à Rome in der Villa Medici und arbeitete an einer Forschungsarbeit zu Stützmauern als Typologie. „Der Pavillon war eine Art Abschlussarbeit meines Stipendiums“, sagt sie rückblickend. Dabei hat der Bau weder Stützmauern noch ein richtiges Fundament. Tiefer als 50 Zentimeter durfte der Pavillon nicht gegründet werden, um keine Bodendenkmäler zu zerstören.
Baumaterialsuche im Keller
Die Verbindung zu Dozats Forschungsarbeit ist eine andere: Seit jeher wurde in den römischen Stützmauern alles vermauert, was von Vorgängerbauten zu verwenden war. Teilweise stecken ganze Insulae, antike Wohnblöcke, in den Substruktionen der Stadt, etwa am Clivus Scauri bei der Kirche Santi Giovanni e Paolo auf dem Caelius. Diese Form der Weiternutzung regte die beiden Architekt*innen ebenso für ihren Entwurf an wie die Villa Medici selbst, in der Ophélie Dozat während ihres Stipendiums lebte und arbeitete. Der Bauherr der Villa, Kardinal Ferdinando de' Medici war ein leidenschaftlicher Sammler antiker Kunst und ließ in die Gartenfassade des Baus zahlreiche römische Reliefs einfügen.
In Vorbereitung des eigentlichen Bauprozesses gingen Dozat und Dumas deshalb auf Spoliensuche in den Kellern und Lagerräumen des Palazzo Farnese, der Villa Medici und anderen französischen Institutionen in Rom. Dort fanden sie eine Vielzahl von Baumaterialien von der Römerzeit bis in die Gegenwart. So stießen sie unter anderem auf eine große Anzahl von Balustern, die im 16. Jahrhundert nach dem Entwurf Michelangelos für den Palazzo Farnese gefertigt worden waren. Außerdem auf Dachziegel, Formsteine, Bauornamente, Natursteinfragmente, Pflastersteine und vieles mehr. Die Fundstücke wurden dann von Restauratoren untersucht und, soweit möglich, datiert und zugeordnet.
Viele dieser Spolien wurden Teil des neuen Gartenpavillons. Materra-Matang plante ein schlichtes Satteldachgebäude, dessen konstruktiver Rahmen vollständig aus Holz besteht. Die klare Form des Baus mit seinem leicht aus der Gebäudemitte gerückten Firstverlauf entwickelten Dozat und Dumas aus dem Studium der klimatischen Bedingungen vor Ort. Ziel war ein minimaler CO₂-Fußabdruck bei höchstmöglichem Aufenthaltskomfort. So verfügt der Pavillon beispielsweise über einen Solarkamin, der für Luftaustausch bei hohen Außentemperaturen sorgt. An den Längsseiten sind die Zwischenräume des Holztragwerks fast vollständig verglast. An den Stirnseiten und den jeweils ersten anstoßenden Gefachen der Längsseiten wurden sie dagegen ausgemauert. Dafür verwendeten die Architekt*innen Ziegel, die bei der Renovierung einer historischen Villa angefallen waren. In diesen Ziegelfüllungen wurde ein Teil der Spolien vermauert, während andere Fundstücke im Innenraum oberhalb der Fenster angebracht sind.
Möbel aus Stuck und Glockenseilen
Der Pavillon ist für eine multifunktionale Nutzung vorgesehen. Außer einer Küchenzeile an einer der Stirnseiten gibt es keine festen Einbauten. Allerdings entwarfen Dozat und Dumas einige bemerkenswerte Möbelstücke für den Pavillon, bei denen sie den gleichen Ansatz wie bei der Architektur wählten. Auch hier integrierten sie Spolien, die sie in den Lagern französischer Kultureinrichtungen in Rom fanden. So entstanden kleine Tische und Hocker, die zu einem wesentlichen Teil aus alten Stuckgesimsen bestehen. Ein Bücherregal für den Pavillon wird mithilfe eines kräftigen Taus verspannt, das zuvor als Glockenseil in S. Luigi, der französischen Nationalkirche in Rom, diente. Aus derselben Kirche stammt eine Marmorstufe, die das Architekturbüro für eine kleine Bank verwendet hat.
Materra-Matang hat eine höchst anspruchsvolle Aufgabe elegant gelöst. Anstatt zu versuchen, gestalterisch Bezug auf den Palazzo Farnese zu nehmen, haben die Architekt*innen einen materiellen Bezug hergestellt – indem sie (unter anderem) seine „Ersatzteile“ verbauten. Während der kleine Holzbau nicht mehr zu sein beansprucht als ein später Nachfahre der verschwundenen Nutzbauten, die den Hof des Palasts früher umstanden, erzählt das eingesetzte Mauerwerk die Architekturgeschichte Roms. Dozat und Dumas nutzen den Pavillon, der an und für sich nicht mehr ist als ein leerer umschlossener Raum, als Display. Die in Mauerwerk gefassten Exponate funktionieren dabei gleich auf mehreren Ebenen: Sie sind, ganz praktisch, Dekor und sie berichten von der Baugeschichte des Palazzo Farnese. Sie sind aber nicht zuletzt auch ein Beitrag zur kulturgeschichtlichen Beziehung zwischen Rom und Frankreich.
FOTOGRAFIE Arthur Crestani
Arthur Crestani
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