Projekte

Campus mit Catwalk

Kinzo richtet Berliner Headquarter von Zalando ein

von Tanja Pabelick, 11.11.2019

Mitten in Friedrichshain – oder wie man es hier lieber sagt: unweit vom Berghain – hat Zalando sein neues Universum landen lassen. In zwei Gebäuden ist die analoge Arbeitswelt des Online-Händlers zu Hause, der damit ein zentrales Headquarter für 2.300 Mitarbeiter bezieht. Die zwei Berliner Architekturbüros Henn und Kinzo haben Layout, Architektur und Interieur des repräsentativen Campus gemeinsam durchkomponiert. Wir trafen Chris Middleton von Kinzo zum Rundgang.

Unternehmen wie Zalando verändern heute das Gesicht ganzer Viertel. Während die Tech-Riesen früher ihren Campus noch in Suburbia aufgeschlagen haben, setzen die Start-Ups von heute auf eine zentrale Lage mit All-Inclusive-Versorgung – vom Fitnessstudio bis zum Firmenrestaurant. Dadurch haben es die Angestellten nicht mehr weit vom Bett zum Schreibtisch – und nicht zuletzt auch nicht allzu eilig, dorthin zurückzukehren. Für den mittlerweile in ganz Europa agierenden Kleidungsversand Zalando ist Berlin ein Heimspiel. Hier wurde 2008 gegründet, dann stadtweit mit mehreren Niederlassungen expandiert und 2019 ein neuer Campus zentral in den Stadtraum gestellt. Mitten in Friedrichshain erhebt sich mit insgesamt zwei Gebäuden ein Headquarter wie ein Dorf; denn hier gibt es für die Mitarbeiter Fitnessbereiche, Küchen, Basketball auf der Dachterrasse, Yogaräume und kostenlose Snacks. Nur eins gibt es absichtlich nicht: Gründe dafür, allzu früh nach Hause zu gehen. Weit haben es die meisten ohnehin nicht, denn die Lage im Hipster-Dreieck von Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln sorgt dafür, dass viele direkt mit dem Fixie vorfahren.

Stadt in der Stadt
Es ist zehn Uhr morgens, die Betriebsamkeit am Eingang erinnert an den Check-In in Schönefeld. Gleich hinter dem Empfangstresen schiebt sich eine Glaswand als physische Grenze zwischen Berlin und Zalando. Sie öffnet sich nur für diejenigen, die dem digitalen Schleusenscanner eine Mitarbeiter-ID anbieten können. Sie ist auch der Treffpunkt mit Chris Middleton, der mit seinem Studio Kinzo das Interieur der zwei neuen Gebäude verantwortet hat. Für das umfangreiche Campus-Projekt haben sich die Spezialisten für moderne Arbeitswelten mit dem ebenfalls in Berlin ansässigen Architekturbüro Henn zusammengetan. Einen „veredelten Rohbau“ nennen die Architekten ihr Konzept – und beschreiben damit einen Neubau, der auf Industriecharme und ein Layout mit Nutzerperspektive setzt. Diese Sprache spricht auch das offene Atrium mit seinem Asphaltboden. Bei Veranstaltungen kann es zur Arena werden, wenn die Mitarbeiter nicht nur auf der weiten Eichentreppe sitzen, sondern die sich darüber öffnenden Etagen wie Ränge und Balkone nutzen.

Begegnung in Bewegung
Ganz bewusst wurde das Interieur roh gehalten. „Die Farbe und die Vielfalt, die kommt mit den Nutzern“, beschreibt Chris Middleton. „Dadurch haben sie viele Möglichkeiten sich auszubreiten. Wir haben in die Weite des Gebäudes sogenannte Living Rooms eingebunden, die alle unterschiedlich gestaltet sind, wie Farbakzente wirken und den Nutzern einen Impuls zur Erschließung geben.“ Damit spricht Middleton schon im Erdgeschoss ein wichtiges Merkmal des gesamten Headquarters an: Offenheit. Die reflektiert sich in bodennahen Sitzgruppen, Tresentischen, Meetingsituationen, kreativen Loungebereichen und klassischen Schreibtischen. Die Mitarbeiter suchen sich einen zu ihrer Tätigkeit passenden Ort – und sie finden im gesamten Gebäude mit nur wenigen Schritten Raum für Interaktion und Kommunikation. Die Architektur wird dabei zum Vehikel, indem sie durch funktionale Überlagerungen Synergien schafft und durch nicht endgültig definierte Zonen die Nutzer zur Interpretation einlädt.

Vom Forum in den Technoclub
Sieben Geschosse geht es aus dem als Drehkreuz fungierenden Erdgeschoss nach oben. „Die vertikale Erschließung gibt dem Gebäude einen Universitätscharakter. Es gibt überall Blickbeziehungen, quer durch die Etagen bis ins Atrium, aber auch in die Büros – sodass jeder schnell herausfinden kann, wo seine Kollegen sich gerade aufhalten“, erklärt Chris Middleton. Die Grundstruktur des Gebäudes orientiert sich ebenso in der Vertikalen wie in der Horizontalen. In den einzelnen Etagen werden die Living Rooms zum strategischen und informellen Anker in der weiten Bürolandschaft. Mit lokalen Bezügen: Weil Zalando sich ganz bewusst im Kiez niedergelassen hat, werden die Orte des urbanen Kontextes auch in den Arbeitszonen lebendig. So gibt es in der zweiten Etage ein Stattbad Wedding, im vierten Stock eine Interpretation des legendären Technoclubs Tresor und im Stock darunter erinnert ein Dschungel aus Pflanzen zwischen Sperrholzkisten an die urbanen Selbstversorger-Prinzessinnengärten.

Architektur fürs Team
Diese Orte sind die Ruhezonen im dynamisch organisierten Innenraum mit seinem offenen Herzen und den geschwungenen Balustraden. Partiell weiten sich die Handläufe in den Etagen zu Arbeitstresen auf, die dadurch Aufenthaltsbereiche entlang der Catwalk genannten Verkehrswege anbieten. Hier können Kollegen sich für ein schnelles Gespräch treffen oder fernab der Gemeinschaftsbereiche eine Präsentation vorbereiten. Die Lichtinszenierung setzt auf in die Decken eingelassene Lichtlinien, die an endlose Neonröhren erinnern und der Gebäudestruktur folgen. Sie funktionieren wie ein unbewusstes Leitsystem, das die Erschließung anzeigt. Kinzos Konzept basiert auf neben- und miteinander arrangierten Zonen, die erst in Gebrauch und für den Moment definiert werden. Eine Welt zwischen Campus und Stadt, Arbeitsplatz und Heimat, zwischen individuellen Aufgaben und dem teamorientierten Wir, das Zalando nicht zuletzt als Teil seiner DNA versteht.

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Links

Innenarchitektur

Kinzo

www.kinzo-berlin.de

Architektur

Henn

www.henn.com

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