Die Villa zum Ross
1 / 9
Der Mensch ist schon ein seltsames Wesen. Immer wieder verbarrikadiert er sich hinter von Satteldächern gekrönten Klinkerfassaden, als hätte die Moderne nie stattgefunden. Umso versierter zeigt sich eine Gruppe von Rennpferden im mexikanischen Cuernavaca. Keine gewöhnlichen Stallungen ließen sich die stolzen Vierbeiner von ihren Herren konstruieren, sondern eine angemessene Unterkunft im Stile einer Frank-Llyod-Wright-Villa.
Pferde sind eine Klasse für sich. Allein der Wirbel um falsch etikettiertes Rindfleisch führt den entscheidenden Unterschied vor Augen: Auch wenn in Ländern wie Frankreich oder Italien noch immer eine Bistecca di Cavallo ganz selbstverständlich auf der Speisekarte zu finden ist, gelten Pferde in weiten Teilen der Welt als heilige Kuh. Dass eine artgerechte Haltung durchaus auch ästhetische Fragen tangieren kann, zeigt ein ungewöhnliches Bauprojekt im mexikanischen Cuernavaca. Dass keines der dortigen Pferde befürchten muss, auf dem Teller zu laden, versteht sich von selbst.
Antike Einflüsse
350.000 Bewohner zählt die „Stadt des ewigen Frühlings“, wie sie Alexander von Humboldt einst nannte. Den Grund für ihr mildes Klima liegt in der luftigen Höhenlage auf 1500 Metern über dem Meeresspiegel, die die Temperaturen im Winter wie Sommer konstant auf 23°C hält. Ideale Bedingungen für den Pferdesport, erkannten die Verantwortlichen und ließen einen zwei Hektar großen Acker in den Reitclub Hípico Del Bosque verwandeln. Dass die damit beauftragten Architekten Lilian Rebello Uribe und Edgar Sa&uactue;l Bahena Cruz aus Cuernavaca selbst eine Leidenschaft für Pferde hegen, sollte sich als glücklicher Zufall erweisen. Mit ihrem Büro Arquitectura Para Todos (Architektur für alle) entwarfen sie einen Pferdestall mit Villenqualitäten.
Wem sie dabei über die Schulter geschaut haben, bedarf angesichts der nur wenige Kilometer entfernten Ruinenstätte Teotihuacán keiner großen Gedankensprünge. Ihr Entwurf ist eine Symbiose aus Architektur und Natur, die ungefähr so aussieht, als hätten Frank Llyod Wright und die Azteken einen gemeinsamen Workshop besucht. Vor allem auf der Seite des Laufstalls ist der Einfluss der antiken Stufenpyramiden offensichtlich. Steinmauern unterteilen den Höhenunterschied zwischen den Ställen und der Reitbahn in vier Ebenen. Bei Wettkämpfen und Veranstaltungen dienen die Stufen zugleich als Tribünen für die Zuschauer. Führte bei den antiken Vorbildern eine mittige Treppe zum oberen Plateau der Pyramiden hinauf, haben Lilian Rebello Uribe und Edgar Sa&uactue;l Bahena Cruz das Prinzip als pferdegerechte Rampe interpretiert.
Rampe zur Dressur
Wie ein Laufsteg führt die Schräge vom Reitplatz zu einem rechteckigen Platz hinauf. Ein langes, schmales Wasserbecken in seiner Mitte dient als Tränke, während die Ställe die beiden Längsseiten des Platzes flankieren. Schutz vor Regen bieten zwei Flachdächer aus Beton, die von stählernen Stützen getragen werden. Das Metall dient zugleich als statischer Ankerpunkt für die Ställe, deren Abtrennungen nicht vollständig bis an die Decke reichen und so für eine natürliche Belüftung sorgen. Die Seiten sowie die Rückseiten der großzügig bemessenen Pferde-Apartments sind gemauert und die Fassade zur Platz ist mit hölzernen Planken verkleidet.
Bei allem Respekt für die Pferde müssen auch die Reiter und Besucher nicht auf die nötige Infrastruktur verzichten. In den beiden hinteren Abschnitten der Ställe befinden sich Lagerräume und Büros, während Bäder, Umkleideräume, eine Cafeteria sowie eine überdachte Terrasse in einem seitlich angeschlossenen Baukörper untergebracht sind. Vorbildlich in puncto Klimabilanz ist nicht nur Einsatz lokaler Baumaterialien. So wird das Regenwasser gesammelt, und biologisch gefiltertes Grauwasser zur Bewässerung der Grünanlagen verwendet. Solarzellen auf den Flachdächern decken einen Teil des Strombedarfs, der angesichts einer vollständigen LED-Beleuchtung ohnehin erfreulich bescheiden ausfällt. Was vor allem den Pferden zugute kommt: Sowohl in den Innenräumen als auch den Ställen wurden ausschließlich erdbasierte Farben verwendet. Etwas anderes hätten sich die anspruchsvollen Vierbeiner wohl auch nicht bieten lassen.
FOTOGRAFIE Luis Gordoa
Luis Gordoa
Mehr Projekte
Ziegel im Zentrum
Umbau eines Siedlerhauses in der Uckermark von Klöpfel Zeimer Architekten
Zwischen Erhalt und Erneuerung
Umbau eines Fischerhauses von Bea Portabella und Jordi Pagès in Cadaqueés
Licht im Laub
Wohnhaus mit Anbau von ConForm in London
Renaissance auf Mallorca
Umbau eines historischen Stadtpalais von Nøra Studio
Zeitlos in Valencia
Balzar Arquitectos gestalten eine Altbauwohnung mit Wabi-Sabi-Ästhetik
Präziser Eingriff im Bestand
Umbau eines Einfamilienhauses im St. Galler Rheintal von Studio Micha Gamper
Neue Freiheit
Umbau eines Madrider Wohnhauses von Extrarradio
Wohnen zwischen den Klimazonen
Apartments für Studierende von EMI Architekt*innen in Regensdorf
Blaues Herz
Umbau eines Weinguts in Portugal von Arquitectura-G
Der Sonne entgegen
Nachhaltiges Einfamilienhaus in Holzrahmenbauweise an der Costa Brava von Clara Crous Arquitectura
Glashaus mit vielen Gesichtern
Kresta Garden House von Lucas y Hernández-Gil bei Madrid
Gekonnt gegliedert
Wohnungsumbau von DG Estudio in Valencia
Platte mit Weitblick
Umbau im Berliner Hochhaus von Christopher Sitzler
Bewegung im Rohbau
Achtsamkeitsstudio ANTI im Brandlhuber-Haus in Berlin
Athener Essenz
Sensible Stadthaus-Modernisierung von Local Local
Domestic Dancefloor
Clubkultur in einem Berliner Apartment von Studio Karhard
Ein Haus aus Lehm und Landschaft
Wohnhaus in Weert von De Nieuwe Context
Ungezwungene Zeitreise
Umbau und Erweiterung eines Londoner Reihenhauses von TYPE
Kompaktes Kleinod
Ferienhaus Casa Plaj in Portugal von Extrastudio
Zweigeteilter Rückzugsort
Umbau eines kleinen Erdgeschossapartments in Paris von atelier apara
Five-to-nine-Wohnen
Wohnhaus mit Galerie in London von O’Sullivan Skoufoglou Architects
Patio mit Pool
Neubau mit Backsteinfassade in Katalonien von SIGLA Studio
Kanso in Barcelona
Japanische Wohntraditionen prägen ein Apartment von Miriam Barrio
Lässig und robust
Anbau mit Terrakottafassade in Los Angeles von Current Interests
Lauschendes Alpenchalet
Maison Osaïn verwandelt eine historische Berghütte in Italien
Neuanfang durch Wiederaufbau
Transformation eines Einfamilienhauses in Slowenien von OFIS
Auf alles vorbereitet
Wohnanlage mit flexiblen Grundrissen von STAR strategies + architecture
Bauhaus-Comeback in Budapest
Umbau einer Dreißigerjahre-Wohnung von Sarolta Hüttl
Zwischen Himmel und Holz
Dachbodenausbau von studio franz und coco in den Schweizer Bergen
Mit Hang zur Höhe
Wohnhaus auf kleiner Fläche in Unterfranken von ToB.Studio