Dirty White Cube: Neues Designzentrum MAD in Brüssel
Die belgische Hauptstadt hat einen neuen Designtreff: ein blanker Kreativtempel!
Partner: BuzziSpace
Bei Umbauten und Sanierungen gilt offenbar die Regel, dass sich Altes und Neues voneinander unterscheiden müssen, damit die Sichtbarkeit des Bestands deutlich erkennbar bleibt. Die belgischen Architekten des Kollektivs Rotor und des Studios V+ sehen das anders. Ihr Umgang mit dem Bestand für das erweiterte Designzentrum in Brüssel erweist sich als erfrischend neu gedacht: eine Entführung in den Dirty White Cube.
„THIS IS MAD“ leuchtet es in Neon über dem Eingang. MAD, das steht für Mode & Design. 2010 gegründet, konnte die belgische Kreativplattform diesen April ihr neues Zuhause am Place du Nouveau Marché aux Grains inmitten von Brüssels Designdistrikt Dansaert beziehen. Die Mission des Netzwerks: neue Initiativen anstoßen und angehende Fashion- und Produktdesigner in ihrer Entwicklung unterstützen – mit der Ambition, eine feste Adresse und der wichtigste Treffpunkt für Mode- und Design-Professionals in Brüssel zu werden. Es könnte funktionieren.
Die passende Architektur hat das MAD nämlich schon: Dirty White Cube nennen die Architekten Jörn Aram Bihain und Thierry Decuypere von Vers plus de bien-être V+ ihren Entwurf, den sie gemeinsam mit dem bekannten belgischen Kollektiv Rotor erarbeitet haben. Hinter der vergleichsweise schmalen Fassade verbirgt sich eine Art Irrgarten auf bis zu fünf Etagen und insgesamt 3.000 Quadratmetern. Schon der Bestand war ein gewachsenes Labyrinth, in dem man leicht den Überblick verlieren konnte. Er sollte eigentlich abgerissen werden und Platz für einen Neubau machen. Die Architekten hatten aber eine andere Idee: Für den MAD-Wettbewerb wollte die Kooperative soviel wie möglich vom ehemaligen Büro- und Lagergebäude, das in den vergangenen 60 Jahren schon so oft umgebaut und erweitert wurde, erhalten. Damit konnte sie die Jury überzeugen.
Die ursprünglichen Räume wurden saniert, während wenige Abrissarbeiten mit chirurgischer Präzision das gesamte Ensemble rehabilitieren. Und da die Freiräume zwischen den erhaltenen Gebäudeteilen so gut wie nicht verbaut werden durften, ist auch die Tageslichtversorgung gewährleistet.
Einzigartigkeit eines Umbaus
Je abstrakter und neutraler ein Raum, desto mehr Platz bleibt für Illusion: V+ und Rotor hatten bei dem Projekt nicht die Absicht, zwischen Alt und Neu zu unterscheiden. Bestand und Erweiterungen bilden durch geschickte Kombinationen und skulpturale Elemente wie die weißen Wendeltreppen neue Raumtypologien, die dem Architektenteam nach „ein Neubau niemals bieten kann“. Dazu reiht sich eine besondere Strategie für alle Oberflächen: Auf der einen Seite sind gute 50 Nuancen der Nichtfarbe Weiß in dem Designzentrum zum Einsatz gekommen, die durch eine Palette von Weißtönen das Ensemble zu einer Einheit werden lassen. Um keine aseptischen weißen Zellen zu schaffen, gibt es verschiedenste Kontraste: geschliffene Betonoberflächen, Rauputz und unbehandelte, originale Betonstützen, Marmorwände, Spiegel und Akustikdecken, weiß geschlämmte Ziegelmauern und schicke Estrichböden. Auf diese Weise bekommt das Ideal des White Cubes, der bald 100 Jahre alt wird, einen Bezug zur Realität. Was ebenso pragmatisch wie provokativ zugleich ist.
Während im Erdgeschoss die öffentlichen Nutzungen wie Ausstellungen, Seminare und verschiedene externe Veranstaltungen Platz finden (unter anderem verorten sich der Designseptember oder die Fashion Days im MAD), befinden sich in den oberen Etagen Coworking-Spaces, andere freie Arbeitsräume und Büros. Ein kleiner Shop bespielt die Eingangshalle, die Fassade soll ein Display für das Kreativzentrum sein. Und zu den Eröffnungen trifft man sich auf der weißstrahlenden Dachterrasse im Hof.
Apropos „This is mad“: Die Leuchtschriften und Leitsysteme stammen vom belgischen Grafikdesignstudio Pam & Jenny, die Möblierung hat der benachbarte Designshop La Fabrika übernommen. So geht es innen ebenfalls sehr belgisch zu: mit den minimalen Aluminiumstühlen von Muller van Severen, dem BuzziFloat Chair von Alain Gilles für BuzziSpace, dem Sanba-Tisch von PJ Mares für Serax oder der Soft Bench von Lucile Soufflet, die gekonnt die Hauptrolle im Außenbereich spielt. Das alles ist so selbstverständlich und sympathisch, dass bestimmt jeder Workshop im MAD zu verrückten Ergebnissen führt.
FOTOGRAFIE Maxime Delvaux
Maxime Delvaux
MAD
10 Place du Nouveau Marché aux Grains, 1000 Brüssel / Mi bis So von 11 bis 18 Uhr
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