Dreiklang unterm Dach
Der Anbau eines Einfamilienhauses im Yaizu bringt Intimität und Offenheit in Einklang.
Ein Haus, ein Dach, ein Raum: Wie Wohnen auch auf offenem Grundriss gelingt, zeigt der Anbau eines Einfamilienhauses in der südjapanischen Küstenstadt Yaizu. Das 83 Quadratmeter große Gebäude vermag Intimität und Freiraum miteinander in Einklang zu bringen, indem das Nutzungskonzept bewusst offen gehalten wurde.
Flügge zu werden, erfordert durchaus eine Portion Verhandlungsgeschick. Auch wenn junge Paare in Japan oft lange unter dem Dach ihrer Eltern wohnen, wollten zwei Frischverliebte in Yaizu ihr eigenes Refugium etwas früher realisieren. Das einzige Problem: Wie soll der Ausbruch gelingen, ohne gleich die gesamte Familie zu düpieren? An Platz fehlte es im elterlichen Wohnhaus zwar nicht. Rund 200 Quadratmeter misst der Bau mit vornehmlich großen Räumen, in denen die Generationen miteinander Zeit verbringen können. Doch Orte des Rückzugs waren bislang Fehlanzeige.
Einen eleganten Ausweg aus der Situation wies schließlich das Architektenpaar Atsushi und Mayumi Kawamoto, dessen Tokioer Büro mA-style architects zuletzt mehrfach mit raffinierten Einfamilienhäusern auf sich aufmerksam gemacht hat. Der Clou ihres Entwurfs liegt in seiner kalkulierten Unvollständigkeit. Obwohl das 83 Quadratmeter große Wohnhaus als autarke Architektur erscheint, ist es dennoch auf den Altbau angewiesen. Den Grund dafür liefert das offene Nutzungskonzept: Anstatt den Wohnraum in funktionale Zellen zu gliedern, treffen Wohnen, Kochen, Essen und Arbeiten im Open Space zusammen.
Poesie in Schichtholz
Lediglich der Schlafbereich des jungen Paares wurde als quadratische Plattform erhöht, von der aus die gesamte Wohnfläche überblickt werden kann. Als einziger Raum lässt sich nur die Toilettenkabine mit einer Tür verschließen. Um einer sukzessiven Trennung beider Generationen vorzubeugen, wurde auf ein eigenes Badezimmer verzichtet. Auch die freistehende Kücheninsel ist bewusst kompakt gehalten, um die Nutzung der großen Küche im Altbau nicht vollends zu unterbinden. Ganz in diese Richtung zielt auch die Planung für die Kleinen. Wenn die Kinder alt genug sind, finden sie ihr eigens Spiel- und Schlafzimmer nicht im Anbau der Eltern, sondern unter den Fittichen ihrer Großeltern im Haupthaus.
Atsushi und Mayumi Kawamoto haben sich von diesen Gegebenheiten dankend leiten lassen. Das nur 69 Millimeter dünne Satteldach wird von acht voluminösen Giebeln getragen, die eine Hülle aus Schichtholzpaneelen mit einer innenliegenden Konstruktion aus Massivholzträgern kombinieren. Der Effekt: Weil auf horizontale Verstrebungen verzichtet werden konnte, öffnet sich der Wohnraum als Ganzes vom Erdgeschoss bis hinauf zur Dachspitze, während zwei großformatige, dreieckige Fenster an beiden Giebelfronten den Innenraum mit Tageslicht fluten.
Architektur als Möbel
Die Giebel ruhen unterdessen auf acht gemauerten Nischen, die wie Klammern in Richtung Wohnraum geöffnet sind. Den Wänden fällt damit mehr als eine nur tragende und schützende Rolle zu. Sie verwandeln das Haus in ein bewohntes Möbel, indem Tische, Regale und Ablagen von den Mauernischen eingefasst werden und mit der Architektur verschmelzen. Der Effekt: Durch den Verzicht auf vertikale Stützen erfährt die Inneneinrichtung eine beruhigende, horizontale Ordnung und scheint über dem hölzernen Fußboden optisch hinweg zu schweben.
Einen Gegenpol bilden lediglich die freistehende Kochinsel, der von vier Stühlen umringte Esstisch sowie zwei weitere Stühle für die beiden Schreibtische des Hauses. Eine entscheidende Rolle fällt einer prominent im Raum platzierten Leiter zu, die frei bewegt werden kann. Mit ihrer Hilfe werden die 14 Nischen erschlossen, die sich oberhalb der acht gemauerten Klammern und ihren jeweiligen Zwischenräumen ergeben. Genutzt werden diese kompakten Räume keineswegs nur als zusätzlicher Stauraum. Sie dienen ebenso als weitere Rückzugsorte, an denen das junge Paar und seine Kinder den Blicken der Alten entfliehen können.
FOTOGRAFIE Kai Nakamura
Kai Nakamura
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