Fabrikstil im Villenviertel
Eigene Entwürfe und Klassiker aus den Fünfzigern: Aus diesem Prager Projekt wurde der Neubaucharakter verbannt.
Als der Eigentümer dieser Wohnung in Prag Dagmar Štěpánová von Formafatal engagierte, ihm sein Zuhause einzurichten, wollte er nicht viel mitreden. Fest stand, dass in diesem Neubau im beliebten Villenviertel Hřebenka etwas passieren musste, um eben nicht wie ein Neubau zu wirken. Die Architektin und Gestalterin setzte auf Industriecharme, auf eigene Entwürfe und allerhand Designgrößen – überwiegend aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts.
Vom Auftraggeber völlig freie Hand zu bekommen, klingt wie ein Freifahrtschein ins Schlaraffenland: Von allem darf genascht werden, die schönsten Designhighlights sind gerade gut genug, und auch für eigene Entwürfe bleibt noch Spielraum. Während in diesem Fall nur das Budget begrenzt war – insgesamt standen immerhin 90.000 Euro zur Verfügung – setzte der Eigentümer dieser Prager Neubauwohnung volles Vertrauen in die Architektin und Interieurdesignerin Dagmar Štěpánová. Die Gründerin von Formafatal führt ihr Studio mit vier befreundeten Kollegen in der tschechischen Hauptstadt.
Besser im Rohzustand
Gerade als der Innenausbau dieses Investorenprojektes nach Standardplänen beginnen sollte, konnte auch Dagmar Štěpánová an die Arbeit gehen – und verhinderte damit Schlimmeres. „Für mich ist es unverständlich, weshalb Neubauwohnungsblocks in der Tschechischen Republik dermaßen geschmacklos sind“, so die Gestalterin. Anstelle von gespachtelten, weißen Wänden und Tapeten sowie niedrig abgehängten Decken plante sie hier etwas anderes. Sie ließ die Deckenverkleidung kurzerhand wieder abnehmen, sodass der Beton zum Vorschein trat. Fußboden und Wände befanden sich noch im Rohzustand.
Wie eine Fabriketage
Nimmt man den Aufzug, der direkt bis hinauf in die Wohnung führt, bietet sich hinter den Türen ein loftartiger Eindruck, ein wenig wie auf einer Fabriketage. Ein Gitter aus Bewehrungsstahl bildet die Garderobe. Ein Stück Wand wurde von Filmspezialisten auf Alt getrimmt. Auf 85 Quadratmetern Wohnfläche sind Küche und Wohnbereich weitgehend offen gestaltet. Etwas zurückhaltender fügen sich Bad, Gäste-WC, Schlaf- und Gästezimmer in den hinteren Bereich ein. Vom Wohn- und Gästezimmer aus hat man direkten Zugang zur einer 50 Quadratmeter großen Terrasse, wo die Stadtkulisse das Bild zeichnet. Drinnen aber ist Štěpánová für jedes noch so kleine Detail verantwortlich.
Braun gegen Grau und Schwarz
Im Wohnbereich wurde der skulpturale Flavio-de-Carvalho-Sessel FDC1 (Objekto) platziert, ihm gegenüber ein The Hunting Chair von Børge Mogensen (Fredericia). Etwas aktueller: Counterbalance heißt die Leuchte von Daniel Rybakken (Luceplan), die die Sofatische – darunter My Moon My Mirror Table aus der Diesel-Kollektion für Moroso – beleuchtet. Brauntöne schaffen den warmen Gegenpol zum ansonsten kühlen Stil, dem blanken, geschliffenen Estrichboden und der überwiegend grauen und schwarzen Möblierung: ein Kuhfell am Boden, ein Lederpolster auf dem Sofa. Die farblich passenden Gemälde an der Wand stammen aus der Sammlung des Bauherrn.
Industriell gebettet
Nicht weniger industriell geht es im Schlafzimmer weiter. Am Kopfteil des Bettes verlaufen Stahlrelings. In der Raumecke steht ein Diamond-Sessel von Harry Bertoia (Knoll). Als Schreibtisch dient ein wandlehnender Sekretär, davor ein Marko Chair von Ynske Kooistra für Marko Veendam – ein niederländischer Schulstuhlklassiker. Auch der Ankleideraum nebenan wirkt spartanisch, der liegt wenig verborgen hinter einer Glastür.
Dagmar Štěpánová ist es gelungen, den Neubaucharakter weitgehend draußen zu behalten. Einziges Manko: Die Klimaanlagen hätten in einem zeitgemäßen Bau deutlich dezenter installiert werden können – wenngleich ihre Präsenz den Fabrikstil auch wiederum unterstützen mag.
FOTOGRAFIE Boysplaynice
Boysplaynice
Mehr Projekte
Eine eigene Welt
Großzügiger Umbau eines schmalen, viktorianischen Reihenhauses in Sydney von Studio Carson Kelly
Ungleiche Zwillinge
Neubau mit Nähe zur Nachbarschaft von Wadhal in London
Glamping in Japan
Naturnahes Tiny House aus heimischem Holz von Pan-Projects
Radikale Wunderkammer
Ein Rundgang durch das Apartment MOM von J. Mayer H. in Berlin
Geheilter Bestand
Umbau und Erweiterung eines Fuhrwerkerhauses in Düsseldorf von Nidus
Im Rhythmus des Alltags
Unkonventioneller Umbau in Barcelona von Skye Maunsell und Jordi Veciana
Neubau mit Seele
Wohnhaus der Innenarchitektin Julie Thiers in Flandern
Spuren im Bestand
Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński
Mehr Raum als Quadratmeter
Wohnungsumbau Casa JAM von gon architects in Madrid
Salbeigrün in Florenz
Sanierung einer historischen Villa in Florenz von bucci quentin
Hierarchie in Blockfarben
Apartment für zwei in Mailand von Marabelli Marongiu Architetti
Das Erbe des Freibeuters
Restaurierung eines Stadthauses in Katalonien von Raúl Sánchez
Klangfarben des Wohnens
Apartment in Minsk für einen Musikliebhaber von Mihail Kurnosov
Alles in Butter
Constanze Ladner kleidet eine Wohnung bei Wiesbaden in sanftes Gelb
Wohnen im Werden
Tifliser Hausmodernisierung von David und Alexander Brodsky
Sensibel, aber kompromisslos
Ferienhaus von STEINBAUER architektur+design in Waidmannsbach
Hinter die Fassade geschaut
Umbau in Ostflandern: Objekt Architecten im Dialog zwischen Tradition und Moderne
Fort im Forst
Ringbau von Fernanda Canales im mexikanischen Valle de Bravo
Räume ohne Raster
Ein radikal geöffneter Grundriss von RDTH architekti in Prag
Wohnen in der Beletage
Umbau einer Altbauwohnung in Charlottenburg von Batek Architekten
Grauzone mit Aussicht
Puristisches Rooftop-Apartment von unprofessional.studio in Taipeh
Generationswechsel im Siedlungshaus
atelier brum baut Kölner Reihenhaus in offenen Wohnbau um
Transluzenter Blockbau
Wohnturm aus Glas und Gitter von Studioninedots in Amsterdam
Skulpturaler Unterschlupf
Nachhaltige Holzhütte in den Pyrenäen
Helix aus Stahl
Architettura Tommasi gestaltet Loft in historischem Adelspalast in Padua
Glutroter Kokon
Reihenhaus-Modernisierung von Pablo Sanchez Lopez in London
Beton und Behaglichkeit
BekArch transformiert eine Prager Backstube in ein helles Studio-Apartment
Urbaner Lückenfüller
Zwei Wohnbauten von Pend in Edinburgh
Fifty Shades of Marble
Mistovia verwandelt einen Krakauer Rohbau in ein Zuhause mit Atelier
Haus der Gegensätze
Architektura baut in der Nähe von Prag ein ungewöhnliches Familiendomizil im Wald