Frischer Wind: Wohnen im Bürohochhaus
Wie ksg Architekten in Köln eine ehemalige Versicherungszentrale aus den Fünfzigerjahren in ein Wohnhochhaus verwandeln.
Partner: FSB
Büroflächen in Eigentumswohnungen umzuwandeln, ist nicht ganz einfach – besonders, wenn der Bestand auch noch unter Denkmalschutz steht. Kein Problem für Kister Scheithauer Gross: Die Architekten verwandeln das Kölner Gerling-Hochhaus seit 2013 in einen mondänen Luxuswohnturm, ganz oben befindet sich die teuerste Wohnung der Stadt.
Nicht nur für Kölner ist es ein bekannter Bau. Das Hochhaus des Gerlings-Konzerns wurde Anfang der Fünfzigerjahre von Helmut Hentrich und Hans Heuser als Stahlskelettkonstruktion gebaut, die sich nach oben verjüngt – mit 17 Geschossen seinerzeit der erste Büroturm in Köln. 2006 wird der Versicherungskonzern verkauft, das gesamte Gerling-Areal geht in neue Hände. Den Wettbewerb für den Masterplan sowie die Sanierung gewinnen die Architekten Kister Scheithauer Gross (ksg) mit dem Ansatz, das geschlossene Ensemble in ein „offenes und lebendiges Stadtquartier“ umzuwandeln und zu verdichten. Gleichzeitig sollen Charakter und Charme des Gerling-Hochhauses erhalten bleiben.
Der Bestand der ehemaligen Versicherungszentrale erforderte eine „einfühlsame planerische Integration von Ergänzungsbauten und zusätzlichen Geschossen“, erklärt Johannes Kister, verantwortlicher Partner. Der Architekt definiert das vertikale Hochhaus mit dem horizontalen Flachbau als „eine moderne Komposition“ – „eine suprematistische Architektur inspiriert von Kasimir Malewitsch.“ Die steinerne Architektur habe etwas Ornamentales, sie inszeniere sich nicht als Massivbau, sondern als Skelettbau mit davor gehängter Natursteinfassade. „Das ist auch der wesentliche Unterschied zu den Bauten, die man vom Dritten Reich her kennt“, meint Kister.
Der Eigentümer wechselt noch zwei Mal, die Architekten bleiben. Zehn Jahre dauert die Planung, 2013 beginnen die Bauarbeiten. In einem ersten Schritt muss das Hochhaus bis aufs Stahlskelett entkernt werden, um das filigrane Tragwerk an kritischen Punkten zu optimieren und an die heutigen Brandschutzanforderungen anzupassen. Die Fassade musste komplett erneuert werden, was durch die Verjüngung des Hochhauses nach oben eine Sonderlösung erforderte. Damit die Architekten überall Fenster in gleicher Größe verbauen konnten, werden die dazwischenliegenden Stützen von Etage zu Etage um einige Millimeter schmaler. Die Grundrisse konnten ksg innerhalb des Stahlskeletts relativ frei planen. Die 350 Quadratmeter großen Flächen gliedern sich in ein bis zu vier Apartments pro Geschoss auf. Jede der insgesamt 51 Wohneinheiten hat an der Langseite einen Bezug nach außen: innenliegende, mit Glasschiebewänden eingefasste Loggien öffnen die Wohnungen schwellenlos zur Stadt. „Es sind zusätzliche, offene Zimmer, die gläserne Fronten erhalten, damit es in luftiger Höhe nicht zugig wird“, sagt Kister. Der ehemalige Technikraum unter der Hochhauskrone dient heute als Penthouse mit Panoramablick: ein schmaler Wandelgang zwischen der Glasfassade und den zurückgesetzten Stützen ermöglicht eine freie Sicht rundum das Penthouse.
Sind die Wohneinheiten in zeitgemäßem Standard ausgestattet, erlebt man in der sanierten doppelgeschossigen Empfangshalle die zum Teil erhalten gebliebene Originaleinrichtung aus den Fünfzigerjahren. Damit im Foyer alles zusammenpasst, ergänzen Details wie restaurierte Leuchten und Türgriffe das historische Interior: Böden aus Travertin und Marmor sowie die Holzvertäfelung. Für die Beschläge in den Wohnungen haben sich die Architekten für das Modell 1023 von Johannes Potente für FSB entschieden. Dessen Beschläge für Türen und Fenster sind der Ulmer Türklinke nachempfunden, die der Schweizer Architekt, Bildhauer und Designer Max Bill in Zusammenarbeit mit Ernst Moeckl in den Fünfzigerjahren entworfen hat. In ihrer filigranen Schlichtheit passt die Serie 1023 ins umgewandelte Gerling-Hochhaus.
„Die Wohnqualität bei Gerling ist geprägt von dem scheinbaren Paradoxon, mitten in der Stadt zu sein und dennoch eine große Ruhe zu genießen. Hinzu kommt die mondäne Urbanität, welche Gebäude wie das Hochhaus ausstrahlen: Eleganz, Stil, eine moderne klassische Attitüde“, sagt Johannes Kister und bringt seine Gestaltung mit wenigen Worten auf den Punkt: „Nicht typisch Köln, aber eben typisch Gerling.“
FOTOGRAFIE Marcus Schwier
Marcus Schwier
Projektarchitekten
Kister Scheithauer Gross Architekten und Stadtplaner
Gerling Hochhaus in Köln
Umbau und Sanierung / 6.000 Quadratmeter Nutzfläche / Bauzeit: 2013–2016
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