Projekte

Gläsernes Puzzlestück

Neuer Eingang zwischen alten Mauern: luftiger Erweiterungsbau für die Prager Nationalgalerie.

von Jeanette Kunsmann, 20.09.2013

Gut versteckt, dennoch einfach zu finden: Leise und unauffällig integriert sich die neue Eingangshalle einer Außenstelle der tschechischen Nationalgalerie in das Hofsystem der Palais-Gebäude an der Prager Burg. Eine Stahlkonstruktion überspannt den Innenhof, Glaswände geben den Blick auf die alten Mauern frei. „Zwischen Himmel und Erde“ nennen Mateo Arquitectura aus Barcelona ihren Erweiterungsbau, den sie kürzlich in Prag fertig gestellt haben.

Es war keine einfache Aufgabe, für die zwei bestehenden Gebäude aus verschiedenen Epochen einen passenden gemeinsamen Eingang zu entwerfen. Aus diesem Grund hatte die tschechische Nationalgalerie in Prag für die Gestaltung ihres neuen Entrees 2004 einen internationalen Wettbewerb ausgeschrieben, den das katalanische Büro von Josep Lluís Mateo für sich entscheiden konnte. Sein Konzept: Als versteckter Eingang vermittelt der eingeschossige Neubau wie ein gläsernes Puzzlestück zwischen dem Renaissance-Palais Schwarzenberg (1545–1567) und dem klassizistischen Palais Salm (1800 bis 1811), ohne das Gesamtbild zu stören. Die beiden historischen Prachtbauten sind seit 2002 im Besitz der Nationalgalerie Prag, seit 2008 dienen sie als Ausstellungsort. Ein Jahr später begannen die Bauarbeiten für die gemeinsame Eingangshalle.

„Innen und Außen sind verschiedene Welten – der Eingang ist ein Filter, der sowohl als Schutz, aber auch als Vermittler fungiert“, formuliert Josep Lluís Mateo den paradoxen Anspruch an eine gelungene Eingangsarchitektur. Keine breite Treppe, kein Portal und auch kein Vordach – zur Straßenseite verbirgt sich der Eingang hinter der bestehenden Hofmauer des klassizistischen Palais Salm und dominiert lediglich durch seine zentrale Position das Ensemble an der Prager Burg. „Für mich war die Lösung für das Eingangsproblem der Nationalgalerie offensichtlich“, erinnert sich der Architekt. „Es sollte ein purer Raum zwischen Himmel und Erde werden.“ Dach und Boden des neuen Museumseingangs bilden in dem Zwischenraum der bestehenden Palaisbauten einen fließenden Raum, der kein Objekt sein will, sondern eine Passage zwischen außen und innen.


Die Dachkonstruktion der Eingangshalle ist zwischen den historischen Fassaden eingespannt. Durch diesen direkten Anschluss bleiben sowohl die monumentalen, gelb-beigen Außenwände des Palais Salm sichtbar, als auch die aufwändig gestalteten, mit schwarzen Kratzputz verzierten Wände des Palais Schwarzenberg – ein vorgetäuschtes Natursteinmauerwerk.

„Ein Eingang hat neben seiner funktionalen vor allem auch eine repräsentative und symbolische Rolle“, so der Architekt. „In diesem Fall vermittelt er zwischen den beiden Palaisbauten und zwischen Innen- und Außenraum – also in alle Richtungen und auf mehreren Ebenen.“ Der Pavillon passt sich deshalb der abgestuften Topographie des Geländes an und nimmt diese auf. Innenliegende gegenläufige Rampen dienen als Höhenausgleich; ein Wasserbassin reflektiert das Tageslicht. Auf der Rückseite führen drei schmale Stufen in den Innenhof, der demnächst begrünt und in einen „geheimen Garten“ verwandelt werden soll. Im Inneren ergibt sich eine offene und flexibel nutzbare Halle, die neben ihrer Funktion als Verteiler auch die Museumskasse und Garderobe umfasst.
Fragt man den Architekten nach seinen persönlichen Eingangs-Favoriten, kann er sich schwer festlegen – vor allem die Kirchenportale beindrucken ihn: Den Übergang von einem hellen Außen- in den dunklen Innenraum sieht er als ein Meisterwerk des Lichtinszenierung. Für die Nationalgalerie in Prag hat er dieses Prinzip jedoch nicht übernommen, sondern ein konzeptionelles Pendant entwickelt. Wer vermutet hinter der hohen Mauer schon ein helles luftiges Entree wie dieses?

Mehr von unserem Schwellen-Special: Hier geht es zur Übersichtsseite

Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Mehr vom Special

Zur Übersichtsseite ...

Mehr Projekte

Gekonnt gegliedert

Wohnungsumbau von DG Estudio in Valencia

Wohnungsumbau von DG Estudio in Valencia

Ein mexikanisches Esszimmer

Atelier Raumfragen gestaltet das Restaurant Comedor in Berlin

Atelier Raumfragen gestaltet das Restaurant Comedor in Berlin

Platte mit Weitblick

Umbau im Berliner Hochhaus von Christopher Sitzler

Umbau im Berliner Hochhaus von Christopher Sitzler

Unter fliegenden Kisten

Supermarkt auf Mallorca von Minimal Studio

Supermarkt auf Mallorca von Minimal Studio

Premiere für den Bestand

Sanierung des Kino International in Berlin von Dickmann Richter Architekten

Sanierung des Kino International in Berlin von Dickmann Richter Architekten

Bewegung im Rohbau

Achtsamkeitsstudio ANTI im Brandlhuber-Haus in Berlin

Achtsamkeitsstudio ANTI im Brandlhuber-Haus in Berlin

Out of the Blu(e)

Interiordesign von KIDZ Studio für eine Pizzeria in Abu Dhabi

Interiordesign von KIDZ Studio für eine Pizzeria in Abu Dhabi

Athener Essenz

Sensible Stadthaus-Modernisierung von Local Local

Sensible Stadthaus-Modernisierung von Local Local

Flurfunk und Fernsehturmblick

Tech-Büro im Haupttelegrafenamt Berlin von de Winder

Tech-Büro im Haupttelegrafenamt Berlin von de Winder

Heilendes Holz

Wohnliches Interieur für eine Klinik in der Schweiz

Wohnliches Interieur für eine Klinik in der Schweiz

Domestic Dancefloor

Clubkultur in einem Berliner Apartment von Studio Karhard

Clubkultur in einem Berliner Apartment von Studio Karhard

Raum mit Reserven

Umbau von YONT Studio für das Musiklabel Seven in Berlin

Umbau von YONT Studio für das Musiklabel Seven in Berlin

Moderne mit menschlichem Maßstab

Die Villa Beer von Josef Frank in Wien

Die Villa Beer von Josef Frank in Wien

Behutsam weitergedacht

OUI verwandelt ein Pariser Lederwarengeschäft in das Café CULT

OUI verwandelt ein Pariser Lederwarengeschäft in das Café CULT

Ein Haus aus Lehm und Landschaft

Wohnhaus in Weert von De Nieuwe Context

Wohnhaus in Weert von De Nieuwe Context

Übernachten in der Flakesfabrik

Silohotel von Delugan Meissl in Bremen

Silohotel von Delugan Meissl in Bremen

Flexible Arbeitslandschaft am Hafen

Umbau der Maersk-Zentrale in Rotterdam

Umbau der Maersk-Zentrale in Rotterdam

Ungezwungene Zeitreise

Umbau und Erweiterung eines Londoner Reihenhauses von TYPE

Umbau und Erweiterung eines Londoner Reihenhauses von TYPE

Grüner Wirbel

Matcha-Café Niko Neko von Spacemen Studio in Kuala Lumpur

Matcha-Café Niko Neko von Spacemen Studio in Kuala Lumpur

Kompaktes Kleinod

Ferienhaus Casa Plaj in Portugal von Extrastudio

Ferienhaus Casa Plaj in Portugal von Extrastudio

Regionale Rezeptur

Umbau eines französischen Weinguts von Studio Mumbai und Studio Méditerranée

Umbau eines französischen Weinguts von Studio Mumbai und Studio Méditerranée

Zweigeteilter Rückzugsort

Umbau eines kleinen Erdgeschossapartments in Paris von atelier apara

Umbau eines kleinen Erdgeschossapartments in Paris von atelier apara

Five-to-nine-Wohnen

Wohnhaus mit Galerie in London von O’Sullivan Skoufoglou Architects

Wohnhaus mit Galerie in London von O’Sullivan Skoufoglou Architects

Patio mit Pool

Neubau mit Backsteinfassade in Katalonien von SIGLA Studio

Neubau mit Backsteinfassade in Katalonien von SIGLA Studio

Kanso in Barcelona

Japanische Wohntraditionen prägen ein Apartment von Miriam Barrio

Japanische Wohntraditionen prägen ein Apartment von Miriam Barrio

Lässig und robust

Anbau mit Terrakottafassade in Los Angeles von Current Interests

Anbau mit Terrakottafassade in Los Angeles von Current Interests

Schlichte Bühne für starke Bilder

Fotostudio-Interieur von Sapid Studio in Genf

Fotostudio-Interieur von Sapid Studio in Genf

Die Farben eines Quartiers

EHI BnB in Rom von Punto Zero Architetti

EHI BnB in Rom von Punto Zero Architetti

Lauschendes Alpenchalet

Maison Osaïn verwandelt eine historische Berghütte in Italien

Maison Osaïn verwandelt eine historische Berghütte in Italien

Tradition, neu interpretiert

Modernes Raumkonzept für Pfaffenhofens letzte Brauerei

Modernes Raumkonzept für Pfaffenhofens letzte Brauerei