Projekte

Grosse Scheune: Umbau in der Schweiz

 Wie das Berliner Architekturbüro Baumhauer dieses Bauernhaus im Unterengadin umgebaut hat.

von Jeanette Kunsmann, 11.11.2015

Das Berliner Büro Baumhauer Architekten hat ein Bauernhaus in der Schweiz saniert und ausgebaut. Die mächtigen Mauern sind geblieben. Der Brunnen vor dem Haus auch. Nur die helle Holzfassade des hinteren Gebäudeteils verrät, dass hier kürzlich etwas passiert sein muss. 

Wer hier wohnt, hat sich bewusst für diesen Ort entschieden. Die überschaubare Dorfgemeinschaft Tarasp im Kanton Graubünden liegt im Osten der Schweiz an der Grenze zu Österreich: ein Ort, der einst über Jahrhunderte österreichisch war. In Florins lebt es sich so ruhig, wie man sich Ruhe nur vorstellen kann. Fünf Häuser gruppieren sich um einen Brunnen, der Blick aus dem Fenster schweift über die Spitzen der umliegenden Berge.

500 Quadratmeter Gemütlichkeit
Mitten in dieser Landschaft: 500 Quadratmeter Gemütlichkeit. Das Haus Florins sieht weder besonders alt noch besonders neu aus. Genauso soll es auch sein. Dieser Umbau ist auffällig unauffällig. „Im Unterengadin, dem unteren Inntal, sind die Dorfbilder noch intakt, kaum ein Haus wurde totsaniert“, erzählt der junge Berliner Architekt Philipp Baumhauer, der selbst oft und gerne in diese Gegend fährt. Über Bekannte aus der Region kam die Anfrage zu dem Umbauprojekt Haus Florins – Baumhauer Architekten hatten Erfahrung im Thema Bauen im Bestand. Das Haus Florins: Es scheint etwas schlichter als seine Nachbarn, etwas frischer auch, aber auf keinen Fall fremd.

Seit 1620
Der Bestand in Florins war speziell. Als klassisches Engadiner Bauernhaus setzte sich das historisch gewachsene Ensemble aus einem vorderen, unsanierten Wohnbereich und einem von der Straße abgewandten Wirtschaftsteil zusammen. Von den Architekten beauftragte Holzuntersuchungen ergaben, dass der Baum für die ältesten Balken um 1620 gefällt worden war. Ein „schöner Dachstuhl aus dem 18. Jahrhundert zeugt von hoher Zimmermannskunst“, so Baumhauer, andere Holzbalken waren zum Teil erst vor 100 Jahren ausgetauscht worden.

Eingestellter Holzkörper
Während das Team von Philipp Baumhauer den vorderen Hausteil des einstigen Engadinerhauses von jeglichen Einbauten befreit und behutsam saniert hat, hat es in den etwa 400 Kubikmeter großen Scheunenraum und den darunterliegenden Stall des hinteren Hausteils einen eigenständigen Holzbaukörper gestellt. Dieses Element ergänzt nun die bestehenden Wohnräume. Um den dreigeschossigen Holzkörper in den Bestand überhaupt integrieren zu können, mussten die Architekten die Decke zwischen Stall und Scheune entfernen. Da die Architekten das Raumvolumen der riesigen Scheune in seinem Wesen erhalten wollten, sollte dieser Teil zwischen Erd- und Obergeschoss aber nicht einfach mit Quadratmetern gefüllt werden. Die ergänzenden Wohnräume schieben sich deshalb im Obergeschoss in den doppelgeschossigen Wohnraum. „Der vordere Teil springt in die Höhe“, sagt Philipp Baumhauer. Er reicht nun bis unter das Dach des eingestellten Körpers, dessen Oberflächen innen mit Lärchenholz verkleidet sind.

Hinter dicken Mauern
Hinter den dicken Steinmauern, die so typisch sind für ein Engadiner Bauernhaus, wurde das Haus zwar generalsaniert, die Atmosphäre blieb aber erhalten. Die innenliegenden, mit historisch weißem Kalkputz bearbeiteten Wände und Rundbögen über den Küchenfenstern erinnern an die Bescheidenheit einer Klosterzelle; die historische Arvenholzverkleidung, die in vielen Räumen Boden, Wände und Decken komplett bedeckt, sorgt für die von den Bauherren gewünschte Atmosphäre, ohne dabei den jeweiligen Raum zu erdrücken. Je nach Türbeschlägen und Schrankgriffen kann das manchmal etwas bieder wirken – oder sogar zu viel. Aber ebenso, wie man sich für diesen Ort entschieden hat, hat man sich auch für das Bauernhaus entschieden. Zu modern ist hier nichts, dieser Umbau ist ein Spagat zwischen Alt und Neu, zwischen Bautradition und zeitgenössischer Architektur, zwischen einem „Viel-zu-Viel“ und purer Gestaltung. Die neuen Bewohner wollten schließlich nicht in einer kühlen Betonhöhle leben. Additives Prinzip
Dass die Entscheidung für den Um- und Einbau perfekt zur Typologie des Engadinerhaus passt, spielte den Architekten in die Hände. Das klassische, traditionelle Bauernhaus setzt sich in der Regel aus mehreren Bauepochen zusammen: Je nach Zustand und Bedürfnissen seiner Bewohner wurde es laufend erweitert, umgebaut oder aufgestockt. Ursprünglich waren nur Küche, Stube und Schlafzimmer im vorderen Wohnteil durch einen Ofen beheizt, der Rest hatte Außentemperatur. So kommt es auch, dass der einstige Hof überdacht und zum Flur wurde, das große Bogentor erinnert an die Zeit, als die Wagen hier direkt hineinfahren konnten, um das Heu abzuladen. Dieses additive Prinzip, nach dem die Häuser nach und nach gewachsen sind, führen Baumhauer Architekten fort und geben ihm einen zeitgemäßen Ausdruck. Eine enge Zusammenarbeit mit regionalen Handwerkern, die „ein hohes Maß an handwerklichem Können besitzen“, wie Baumhauer weiß, unterstützte die Ausführung in ihrer Qualität.

Das Holz arbeitet
Das Motiv der tiefen Fensterleibungen in den dicken Außenmauern haben die Architekten aufgenommen und überhöht. Die wenigen großen Fensteröffnungen setzen mit ihrer scharfkantigen Ausführung einen bewussten Kontrast zum Bestand. Auf der anderen Seite knüpfen Baumhauer Architekten mit der Fassade aus sägerauen unbehandelten Lärchenbrettern an die historischen Scheunenbauten an. Die raue und offene Oberfläche verfärbt sich, verformt sich: Das Holz arbeitet. Der Umbau ist nur eine weitere Schicht des Engadinerhauses. Vermutlich werden weitere folgen.


Facebook Twitter Pinterest LinkedIn Mail
Links

Projektarchitekten

Baumhauer, Berlin

www.baumhauer.com

Ausführungsplanung, Ausschreibung, Vergabe, Bauleitung

Fanzun Architekten und Ingenieure (Scuol)

www.fanzun.ch

Mehr Projekte

Melange aus Form und Farbe

Neugestaltung einer Dreißigerjahre-Villa bei Wien von Martina Hausel

Neugestaltung einer Dreißigerjahre-Villa bei Wien von Martina Hausel

Geometrie in Farbe

Poppiger Wohnungsumbau in Rom von Margine

Poppiger Wohnungsumbau in Rom von Margine

Im Dialog mit dem Bestand

Umbau eines Apartments in Rom von Diele Kerciku Architetture

Umbau eines Apartments in Rom von Diele Kerciku Architetture

Spiel der Elemente

Naturpavillon des Kollektivs Carroccera in Norditalien

Naturpavillon des Kollektivs Carroccera in Norditalien

Platte mit Potenzial

Umbau eines Berliner Apartments durch Werck Workshop

Umbau eines Berliner Apartments durch Werck Workshop

Recycelte Cottages

TYPE verbindet zwei Arbeiterhäuser in Dorset zu einem Wohnhaus

TYPE verbindet zwei Arbeiterhäuser in Dorset zu einem Wohnhaus

Die Kunst des Verzichts

Umbau eines Londoner Reihenhauses von Studio Hagen Hall

Umbau eines Londoner Reihenhauses von Studio Hagen Hall

Auf lange Sicht

Villa bei Mechelen von Schellen+ Architecten

Villa bei Mechelen von Schellen+ Architecten

Holzbau mit Burgblick

Haus am Hang im Pfälzerwald von dury et hambsch architektur

Haus am Hang im Pfälzerwald von dury et hambsch architektur

Ungewohnte Perspektiven

Wohnungsumbau mit flexiblem Grundriss von BA-RRO in Madrid

Wohnungsumbau mit flexiblem Grundriss von BA-RRO in Madrid

Balanceakt am Hang

Wohnhaus mit zentralem Hof in Spanien von Sinaldaba

Wohnhaus mit zentralem Hof in Spanien von Sinaldaba

Wenn Schatten Räume formt

Fünf Projekte mit einfachen Lösungen

Fünf Projekte mit einfachen Lösungen

Stille Monumentalität

Wohnhaus mit Meerblick auf Formentera von Marià Castelló

Wohnhaus mit Meerblick auf Formentera von Marià Castelló

Maya-Erbe und Wüstenpoesie

Casa Skoura in Mérida von Enekén Studio

Casa Skoura in Mérida von Enekén Studio

Blaue Welle als roter Faden

Umbau eines Strandhauses in Levanto von llabb

Umbau eines Strandhauses in Levanto von llabb

Entschleunigt im Olivenhain

Ferienhaus mit Pool von SOLUM in Apulien

Ferienhaus mit Pool von SOLUM in Apulien

Ruine als Ressource

Sommerhaus im Selbstbau von Lenka Milerová in Tschechien

Sommerhaus im Selbstbau von Lenka Milerová in Tschechien

Licht als Dirigent

Maisonette-Atelier in Paris von Martin Massé

Maisonette-Atelier in Paris von Martin Massé

Im Zeichen des Drachen

Apartment-Renovierung in Polen mit opulentem Storytelling von Karolina Rochman

Apartment-Renovierung in Polen mit opulentem Storytelling von Karolina Rochman

Landhaus reloaded

Neubau aus Lehm und Abbruchmaterial von Tuckey Design Studio in Wiltshire

Neubau aus Lehm und Abbruchmaterial von Tuckey Design Studio in Wiltshire

Erinnern und erneuern

Studio Loes gestaltet modernes Wohnen im Berliner Altbau

Studio Loes gestaltet modernes Wohnen im Berliner Altbau

Luftige Hülle

Nachhaltiger Neubau von Peter Besley in Brisbane

Nachhaltiger Neubau von Peter Besley in Brisbane

Eine eigene Welt

Großzügiger Umbau eines schmalen, viktorianischen Reihenhauses in Sydney von Studio Carson Kelly

Großzügiger Umbau eines schmalen, viktorianischen Reihenhauses in Sydney von Studio Carson Kelly

Ungleiche Zwillinge

Neubau mit Nähe zur Nachbarschaft von Wadhal in London

Neubau mit Nähe zur Nachbarschaft von Wadhal in London

Glamping in Japan

Naturnahes Tiny House aus heimischem Holz von Pan-Projects

Naturnahes Tiny House aus heimischem Holz von Pan-Projects

Radikale Wunderkammer

Ein Rundgang durch das Apartment MOM von J. Mayer H. in Berlin

Ein Rundgang durch das Apartment MOM von J. Mayer H. in Berlin

Geheilter Bestand

Umbau und Erweiterung eines Fuhrwerkerhauses in Düsseldorf von Nidus

Umbau und Erweiterung eines Fuhrwerkerhauses in Düsseldorf von Nidus

Im Rhythmus des Alltags

Unkonventioneller Umbau in Barcelona von Skye Maunsell und Jordi Veciana

Unkonventioneller Umbau in Barcelona von Skye Maunsell und Jordi Veciana

Neubau mit Seele

Wohnhaus der Innenarchitektin Julie Thiers in Flandern

Wohnhaus der Innenarchitektin Julie Thiers in Flandern

Spuren im Bestand

Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński

Umbau einer Villa in Posen von Adam Wierciński